Schon an diesem Tage stand mein Entschluß fest, welcher lautete: Diese oder keine, jetzt oder niemals! Ich traf mit ihr noch gelegentlich eines Gartenfestes bei meinem Freunde van Svindren zusammen, ich ward zu einer kleinen musikalischen Soiree bei Arnoldsens selbst gebeten, in deren Verlauf ich der jungen Dame gegenüber das Experiment einer halben und sondierenden Erklärung machte, die ermutigend beantwortet wurde … und nun ist es fünf Tage her, daß ich mich vormittags zu Herrn Arnoldsen begab, um mir die Erlaubnis zu erbitten, um die Hand seiner Tochter zu werben. Er empfing mich in seinem Privatkontor. »Mein lieber Konsul«, sagte er, »Sie sind mir aufs höchste willkommen, so schwer es mir altem Witwer fallen würde, mich von meiner Tochter zu trennen! Aber sie? Sie hat bislang ihren Entschluß, niemals zu heiraten, mit Festigkeit aufrechterhalten. Haben Sie denn Chancen?« Und er war äußerst erstaunt, als ich ihm erwiderte, daß Fräulein Gerda mir in der Tat Veranlassung zu einiger Hoffnung gegeben habe.

Er hat ihr einige Tage Zeit zum Besinnen gelassen, und ich glaube, er hat ihr aus argem Egoismus sogar abgeraten. Aber es hilft nichts: ich bin der Auserwählte, und seit gestern Nachmittag ist die Verlobung perfekt.

Nein, meine liebe Mama, ich bitte Dich jetzt nicht um Deinen schriftlichen Segen zu dieser Verbindung, denn schon übermorgen reise ich ab; aber ich nehme das Versprechen der Arnoldsens mit, daß sie uns, der Vater, Gerda und auch ihre verheiratete Schwester, im August besuchen werden, und dann wirst Du nicht umhin können zuzugestehen, daß dies die Rechte für mich ist. Denn es liegt für Dich doch kein Einwand darin, daß Gerda nur drei Jahr jünger ist als ich? Du wirst wohl niemals angenommen haben, hoffe ich, daß ich irgendeinen Backfisch aus dem Kreise Möllendorpf-Langhals-Kistenmaker-Hagenström heimführen würde.

Und was die »Partie« betrifft?… Ach, ich ängstige mich beinahe davor, daß Stephan Kistenmaker und Hermann Hagenström und Peter Döhlmann und Onkel Justus und die ganze Stadt mich pfiffig anblinzeln wird, wenn man von der Partie erfährt; denn mein zukünftiger Schwiegervater ist Millionär … Mein Gott, was läßt sich darüber sagen? Es gibt so viel Halbes in uns, das so oder so gedeutet werden kann. Ich verehre Gerda Arnoldsen mit Enthusiasmus, aber ich bin durchaus nicht gesonnen, tief genug in mich selbst hinabzusteigen, um zu ergründen, ob und inwiefern die hohe Mitgift, die man mir gleich bei der ersten Vorstellung in ziemlich zynischer Weise ins Ohr flüsterte, zu diesem Enthusiasmus beigetragen hat. Ich liebe sie, aber es macht mein Glück und meinen Stolz desto größer, daß ich, indem sie mein eigen wird, gleichzeitig unserer Firma einen bedeutenden Kapitalzufluß erobere.

Ich schließe, liebe Mutter, diesen Brief, der in Anbetracht des Umstandes, daß wir uns in wenigen Tagen schon mündlich über mein Glück werden bereden können, schon allzulang geworden ist. Ich wünsche dir einen angenehmen und erholsamen Badeaufenthalt und bitte Dich, alle die Unsrigen auf das Herzlichste von mir zu grüßen.

In treuer Liebe
Dein gehorsamer Sohn
T.

Achtes Kapitel

In der Tat, es gab dieses Jahr einen lebhaften und festlichen Hochsommer im Buddenbrookschen Hause.

Am Ende des Juli traf Thomas wieder in der Mengstraße ein und besuchte, gleich den übrigen Herren, die in der Stadt geschäftlich in Anspruch genommen waren, seine Familie einige Male am Meere, während Christian sich daselbst vollkommene Ferien gemacht hatte, denn er klagte über einen unbestimmten Schmerz im linken Bein, mit dem Doktor Grabow durchaus nichts anzufangen wußte, und über den Christian daher desto eingehender nachdachte …

»Es ist kein Schmerz … so kann man es nicht nennen«, erklärte er mühsam, indem er mit der Hand an dem Beine auf und nieder fuhr, seine große Nase krauste und die Augen wandern ließ. »Es ist eine Qual, eine fortwährende, leise, beunruhigende Qual im ganzen Bein … und an der linken Seite, an der Seite, wo das Herz sitzt … Sonderbar … ich finde es sonderbar! Was denkst du eigentlich darüber, Tom …«