Ein Stuhl ward gerückt, und Ida Jungmanns knochige, rüstige Gestalt in ihrem schlichten und unmodernen braunen Kleid erschien zwischen den Portieren.

»Ei, ei, Tonychen, Fieber? Laß mal fühlen, mein Kindchen … Woll'n mal ein Kompreßchen machen …«

Und mit ihren ein wenig männlich langen und festen Schritten ging sie zur Kommode und holte ein Taschentuch, tauchte es in die Waschschüssel, trat wieder ans Bett und legte es behutsam auf Tonys Stirn, worauf sie es noch ein paarmal mit beiden Händen glatt strich.

»Danke, Ida, das tut gut … Ach, setz' dich noch ein bißchen zu mir, gute alte Ida, hier, auf den Bettrand. Sieh mal, ich muß beständig an morgen denken … Was soll ich bloß tun? Bei mir dreht sich alles im Kopfe herum.«

Ida hatte sich zu ihr gesetzt, hatte ihre Nadel und den über die Stopfkugel gezogenen Strumpf wieder zur Hand genommen, und während sie den glatten grauen Scheitel neigte und mit ihren unermüdlich blanken braunen Augen die Stiche verfolgte, sagte sie: »Meinst du, daß er wird fragen, morgen?«

»Sicher, Ida! Da ist gar kein Zweifel. Die Gelegenheit wird er nicht verpassen. Wie war's mit Klara? Auch auf solcher Partie … Ich könnte es ja vermeiden, siehst du. Ich könnte mich ja zu den anderen halten und ihn nicht herankommen lassen … Aber damit ist es dann auch vorbei! Er reist übermorgen, das hat er gesagt, und er kann auch unmöglich länger bleiben, wenn morgen nichts daraus wird … Es muß sich morgen entscheiden … Aber was soll ich nur sagen, Ida, wenn er fragt?! Du bist noch nie verheiratet gewesen und kennst daher das Leben eigentlich nicht, aber du bist ein ehrliches Weib und hast deinen Verstand und bist zweiundvierzig Jahre alt. Kannst du mir nicht raten? Ich hab' es so nötig …«

Ida Jungmann ließ den Strumpf in den Schoß sinken.

»Ja, ja, Tonychen, hab' auch schon viel drüber nachjedacht. Aber was ich finde, das ist, daß da gar nichts mehr zu raten ist, mein Kindchen. Er kann gar nicht mehr weg« – Ida sagte, »weck« – »ohne mit dir und deiner Mama zu sprechen, und wenn du nicht wirst wollen, ja, da hätt'st ihn müssen früher weckschicken …«

»Da hast du recht, Ida; aber das konnte ich doch nicht, denn es soll ja schließlich doch sein! Ich muß nur immer denken: Noch kann ich zurück, noch ist es nicht zu spät! Und da liege ich nun und quäle mich …«

»Magst ihn leiden, Tonychen? Sag' mal ehrlich!«