Ein Seitenblick belehrte sie, daß er bleich war, und daß die Muskeln an seinen Schläfen arbeiteten. Ihre Lage war nicht länger haltbar. Auch sie geriet in Bewegung, und, um die Furcht zu verbergen, die sie vor ihm empfand, ward sie laut und zornig. Sie schnellte empor, sie ließ die Füße vom Bette hinuntergleiten, und mit hitzigen Wangen, zusammengezogenen Brauen und raschen Kopf- und Handbewegungen fing sie an: »Skandal, Thomas …?! Du magst mir befehlen, keinen Skandal zu machen, wenn man mich mit Schande bedeckt, mir ganz einfach ins Gesicht speit?! Ist das eines Bruders würdig?… Ja, diese Frage mußt du mir gefälligst erlauben! Rücksicht und Takt sind gute Sachen, bewahre! Aber es gibt eine Grenze im Leben, Tom – und ich kenne das Leben, so gut wie du – wo die Angst vor dem Skandale anfängt, Feigheit zu heißen, ja! Und ich wundere mich, daß ich dir das sagen muß, die ich bloß eine Gans und ein dummes Ding bin … Ja, das bin ich und verstehe es gut, wenn Permaneder mich nie geliebt hat, denn ich bin alt und ein häßliches Weib, das mag sein, und Babett ist sicherlich hübscher. Aber das enthob ihn nicht der Rücksicht, die er meiner Herkunft und meiner Erziehung und meinem Empfinden schuldete! Du hast nicht gesehen, Tom, in welcher Weise er diese Rücksicht vergaß, und wer es nicht gesehen hat, der weiß gar nichts, denn erzählen läßt es sich nicht, wie widerlich er war in seinem Zustande … Und du hast das Wort nicht gehört, das er mir, mir, deiner Schwester, nachgerufen hat, als ich meine Sachen nahm und das Zimmer verließ, um im Wohnzimmer auf dem Sofa zu schlafen … Ja! da habe ich hinter mir aus seinem Munde ein Wort anhören müssen … ein Wort … ein Wort …! … Kurz, Thomas, dies Wort war es ganz eigentlich, daß du es weißt, was mich veranlaßt, gezwungen hat, während der ganzen Nacht zu packen und in aller Frühe Erika zu wecken und davonzugehen, denn bei einem Manne, in dessen Nähe ich solcher Worte gewärtig sein muß, konnte ich nicht bleiben, und zu einem solchen Manne werde ich, wie gesagt, niemals zurückkehren … oder ich müßte verkommen und könnte mich nicht mehr achten und hätte keinen Halt mehr im Leben!«

»Willst du nun die Güte haben, mir dieses gottverdammte Wort mitzuteilen, ja oder nein?«

»Niemals, Thomas! Niemals werde ich es mit meinen Lippen wiederholen! Ich weiß, was ich mir und dir in diesen Räumen schuldig bin …«

»Dann ist nicht mit dir zu reden!«

»Das mag sein; und ich wollte, wir redeten auch gar nicht mehr darüber …«

»Was willst du tun? Willst du dich scheiden lassen?«

»Das will ich, Tom. Das ist mein fester Entschluß. Das ist die Handlungsweise, die ich mir selbst und meinem Kinde und euch allen schuldig bin.«

»Na, das ist also Unsinn«, sagte er gelassen, drehte sich auf dem Absatze um und ging von ihr fort, als ob damit überhaupt das Ganze erledigt sei. »Zum Scheidenlassen gehören zwei, mein Kind; und daß Permaneder sich so ohne weiteres mit Vergnügen dazu bereit finden wird, der Gedanke ist doch wohl bloß belustigend …«

»Oh, das laß meine Sorge sein«, sagte sie, ohne sich einschüchtern zu lassen. »Du meinst, daß er sich widersetzen wird, und zwar wegen meiner 17000 Taler Kurant; aber Grünlich hat auch nicht gewollt, und man hat ihn gezwungen, da gibt es Mittel, und ich gehe zu Doktor Gieseke; das ist Christians Freund, und der wird mir beistehen … Gewiß, es war etwas anderes damals, ich weiß, was du sagen willst. Damals war es ›Unfähigkeit des Mannes, seine Familie zu ernähren‹ ja! Du siehst übrigens, daß ich sehr wohl Bescheid weiß in diesen Dingen, während du wahrhaftig tust, als wäre es das erstemal im Leben, daß ich mich scheiden lasse!… Aber das ist ganz gleich, Tom. Vielleicht geht es nicht an und ist unmöglich – das mag sein; du kannst gern recht haben. Aber das ändert nichts. Das ändert nichts an meinen Entschlüssen. Dann mag er die Groschen behalten – es gibt höhere Dinge im Leben! Aber mich sieht er niemals wieder.«

Und darauf räusperte sie sich. Sie hatte das Bett verlassen, hatte sich in dem Armsessel niedergelassen, einen Ellenbogen auf die Seitenlehne gestemmt und das Kinn so fest in die Hand vergraben, daß vier gekrümmte Finger die Unterlippe gepackt hielten. So, den Oberkörper seitwärts gewandt, blickte sie mit erregten und geröteten Augen starr durchs Fenster hinaus.