Begreift man das stille Entzücken, mit dem die Kunde, als das erste, leise, ahnende Wort gefallen, von der Breiten in die Mengstraße getragen worden? Den stummen Enthusiasmus, mit dem Frau Permaneder bei dieser Nachricht ihre Mutter, ihren Bruder und – behutsamer – ihre Schwägerin umarmt hat? Und nun, da der Frühling gekommen, der Frühling des Jahres einundsechzig, nun ist er da und empfängt das Sakrament der heiligen Taufe, er, auf dem längst so viele Hoffnungen ruhen, von dem längst so viel gesprochen, der seit langen Jahren erwartet, ersehnt worden, den man von Gott erbeten und um den man Doktor Grabow gequält hat … er ist da und sieht ganz unscheinbar aus.
Die kleinen Hände spielen mit den Goldlitzen an der Taille der Amme, und der Kopf, der mit einem hellblau garnierten Spitzenhäubchen bedeckt ist, liegt ein wenig seitwärts und unachtsam vom Pastor abgewandt, auf dem Kissen, so daß die Augen mit einem beinahe altklug prüfenden Blinzeln in den Saal hinein und auf die Verwandten blicken. In diesen Augen, deren obere Lider sehr lange Wimpern haben, ist das Hellblau der väterlichen und das Braun der mütterlichen Iris zu einem lichten, unbestimmten, nach der Beleuchtung wechselnden Goldbraun geworden; die Winkel aber zu beiden Seiten der Nasenwurzel sind tief und liegen in bläulichem Schatten. Das gibt diesem Gesichtchen, das noch kaum eines ist, etwas vorzeitig Charakteristisches und kleidet ein vier Wochen altes nicht zum besten; aber Gott wird geben, daß es nichts Ungünstiges bedeutet, denn auch bei der Mutter, die doch wohlauf ist, verhält es sich so … und gleichviel: er lebt, und daß es ein Knabe ist, das war vor vier Wochen die eigentliche Freude.
Er lebt, und es könnte anders sein. Der Konsul wird niemals den Händedruck vergessen, mit dem der gute Doktor Grabow, als er vor vier Wochen Mutter und Kind verlassen konnte, zu ihm gesagt hat: »Seien Sie dankbar, lieber Freund, es hätte nicht viel gefehlt …« Der Konsul hat nicht zu fragen gewagt, woran nicht viel gefehlt hätte. Er weist den Gedanken, daß es mit diesem lange vergebens ersehnten, winzigen Geschöpfe, das so sonderbar lautlos zur Welt kam, beinahe gegangen wäre wie mit Antoniens zweitem Töchterchen, mit Entsetzen von sich … Aber er weiß, daß es für Mutter und Kind eine verzweifelte Stunde gewesen ist, vor vier Wochen, und er beugt sich glücklich und zärtlich zu Gerda nieder, welche, die Lackschuhe auf einem Sammetkissen gekreuzt, vor ihm und neben der alten Konsulin in einem Armsessel lehnt.
Wie bleich sie noch ist! Und wie fremdartig schön in ihrer Blässe, mit ihrem schweren, dunkelroten Haar und ihren rätselhaften Augen, die mit einer gewissen verschleierten Moquerie auf dem Prediger ruhen. Es ist Herr Andreas Pringsheim, pastor marianus, der nach des alten Kölling plötzlichem Tode in jungen Jahren schon zum Hauptpastor aufgerückt ist. Er hält die Hände inbrünstig, dicht unter dem erhobenen Kinn gefaltet. Er hat blondes, kurzgelocktes Haar und ein knochiges, glattrasiertes Gesicht, dessen Mimik zwischen fanatischem Ernst und heller Verklärung wechselt und ein wenig theatralisch erscheint. Er stammt aus Franken, woselbst er während einiger Jahre inmitten von lauter Katholiken eine kleine lutherische Gemeinde gehütet hat, und sein Dialekt ist unter dem Streben nach reiner und pathetischer Aussprache zu einer völlig eigenartigen Redeweise, mit langen und dunklen oder jäh akzentuierten Vokalen und einem an den Zähnen rollenden r geworden …
Er lobt Gott mit leiser, schwellender oder starker Stimme, und die Familie hört ihm zu: Frau Permaneder, gehüllt in würdevollen Ernst, der ihr Entzücken und ihren Stolz verbirgt; Erika Grünlich, nun schon fast fünfzehnjährig, ein kräftiges, junges Mädchen mit aufgestecktem Zopf und dem rosigen Teint ihres Vaters, und Christian, der heute morgen von Hamburg eingetroffen ist und seine tiefliegenden Augen von einer zur anderen Seite schweifen läßt … Pastor Tiburtius und seine Gattin haben die Reise von Riga nicht gescheut, um bei der Feier zugegen sein zu können: Sievert Tiburtius, der die Enden seines langen, dünnen Backenbartes über beide Schultern gelegt hat, und dessen kleine, graue Augen sich hie und da in ungeahnter Weise erweitern, größer und größer werden, hervorquellen, beinahe herausspringen … und Klara, die dunkel, ernst und streng dareinblickt und manchmal eine Hand zum Kopfe führt, denn dort schmerzt es … Übrigens haben sie den Buddenbrooks ein prachtvolles Geschenk mitgebracht: einen mächtigen, aufrechten, ausgestopften, braunen Bären mit offenem Rachen, den ein Verwandter des Pastors irgendwo im inneren Rußland geschossen, und der jetzt, eine Visitenkartenschale zwischen den Tatzen, drunten auf dem Vorplatz steht.
Krögers haben ihren Jürgen zu Besuch, den Postbeamten aus Rostock: ein einfach gekleideter, stiller Mensch. Wo Jakob sich aufhält, weiß niemand außer seiner Mutter, der geborenen Överdieck, der schwachen Frau, die heimlich Silberzeug verkauft, um dem Enterbten Geld zu senden … Auch die Damen Buddenbrook sind anwesend, und sie sind tief erfreut über das glückliche Familienereignis, was aber Pfiffi nicht gehindert hat, zu bemerken, das Kind sehe ziemlich ungesund aus; und das haben die Konsulin, geborene Stüwing, sowohl wie Friederike und Henriette leider bestätigen müssen. Die arme Klothilde jedoch, grau, hager, geduldig und hungrig, ist bewegt von Pastor Pringsheims Worten und der Hoffnung auf Baumkuchen mit Schokolade … Von nicht zur Familie gehörigen Personen sind Herr Friedrich Wilhelm Marcus und Sesemi Weichbrodt zugegen.
Nun wendet der Pastor sich an die Paten und spricht ihnen von ihrer Pflicht. Justus Kröger ist der eine … Konsul Buddenbrook hat sich anfangs geweigert, ihn zu bitten. »Fordern wir den alten Mann nicht zu Torheiten heraus!« sagte er. »Täglich hat er die furchtbarsten Szenen mit seiner Frau wegen des Sohnes, und sein bißchen Vermögen verfällt, und er fängt wahrhaftig vor Kummer schon an, ein bißchen salopp in seinem Äußern zu werden! Aber was meint ihr? Bitten wir ihn zu Gevatter, so schenkt er dem Kinde ein ganzes Service aus schwerem Golde und nimmt keinen Dank dafür!« Onkel Justus indessen ist, als er von einem anderen Paten hörte – Stephan Kistenmaker, des Konsuls Freund, wurde genannt – in so hohem Grade pikiert gewesen, daß man ihn dennoch herangezogen hat; und der goldene Becher, den er gespendet, ist zu Thomas Buddenbrooks Befriedigung nicht übertrieben schwer.
Und der zweite Pate? Es ist dieser schneeweiße, würdige, alte Herr, der hier mit seiner hohen Halsbinde und seinem weichen, schwarzen Tuchrock, aus dessen hinterer Tasche stets der Zipfel eines roten Schnupftuches hervorhängt, sich in dem bequemsten Lehnstuhl über seinen Krückstock beugt: Bürgermeister Doktor Överdieck. Es ist ein Ereignis, ein Sieg! Manche Leute begreifen nicht, wie es zugegangen ist. Guter Gott, es ist doch kaum eine Verwandtschaft! Die Buddenbrooks haben den Alten an den Haaren herbeigezogen … Und in der Tat: es ist ein Streich, eine kleine Intrige, die der Konsul zusammen mit Mme. Permaneder eingefädelt hat. Eigentlich, in der ersten Freude, als Mutter und Kind in Sicherheit waren, ist es bloß ein Scherz gewesen. »Ein Junge, Tony! – Der soll den Bürgermeister zum Gevatter haben!« hat der Konsul gerufen; aber sie hat es aufgegriffen und ist mit Ernst darauf eingegangen, worauf auch er sich die Sache wohl überlegt und dann in einen Versuch gewilligt hat. So haben sie sich hinter Onkel Justus gesteckt, der seine Frau zu ihrer Schwägerin, der Gattin des Holzhändlers Överdieck, geschickt hat, die ihrerseits ihren greisen Schwiegervater ein wenig hat präparieren müssen. Dann hat ein ehrerbietiger Besuch Thomas Buddenbrooks bei dem Staatsoberhaupte das Seine getan …
Und nun sprengt, während die Amme die Haube des Kindes lüftet, der Pastor vorsichtig zwei oder drei Tropfen aus der silbernen, innen vergoldeten Schale, die vor ihm steht, auf das spärliche Haar des kleinen Buddenbrook und nennt langsam und nachdrücklich die Namen, auf die er ihn tauft: – Justus, Johann, Kaspar. Dann folgt ein kurzes Gebet, und die Verwandten gehen vorbei, um dem stillen und gleichmütigen Wesen einen glückwünschenden Kuß auf die Stirn zu drücken … Therese Weichbrodt kommt zuletzt, und die Amme muß ihr das Kind ein wenig hinunterreichen; dafür aber gibt Sesemi ihm zwei Küsse, die leise knallen und zwischen denen sie sagt: »Du gutes Kend!«
Drei Minuten später hat man sich im Salon und im Wohnzimmer gruppiert, und die Süßigkeiten machen die Runde. Auch Pastor Pringsheim in seinem langen Ornat, unter dem die breiten, blankgewichsten Stiefel hervorsehen, und seiner Halskrause sitzt da, nippt die kühle Schlagsahne von seiner heißen Schokolade und plaudert mit verklärtem Gesicht in einer ganz leichten Art, die im Gegensatze zu seiner Rede von besonderer Wirksamkeit ist. In jeder seiner Bewegungen liegt ausgedrückt: Seht, ich kann auch den Priester ablegen und ein ganz harmlos fröhliches Weltkind sein! Er ist ein gewandter, anschmiegsamer Mann. Er spricht mit der alten Konsulin ein wenig salbungsvoll, mit Thomas und Gerda weltmännisch und mit glatten Gebärden, mit Frau Permaneder im Tone einer herzlichen, schalkhaften Heiterkeit … Hie und da, wenn er sich besinnt, kreuzt er die Hände im Schoß, legt den Kopf zurück, verfinstert die Brauen und macht ein langes Gesicht. Beim Lachen zieht er die Luft stoßweise und zischend durch die geschlossenen Zähne ein.