»Den hew ick von Harten leiw, Fru Kunselin, dat is so woahr …!« Und Grobleben nimmt auch von ihr einen Taler in Empfang, und dann einen dritten von Madame Permaneder, worauf er sich unter Kratzfüßen zurückzieht und die Rosen, soweit sie noch nicht auf dem Teppich liegen, in Gedanken wieder mitnimmt …
… Nun ist der Bürgermeister aufgebrochen – der Konsul hat ihn hinunter zum Wagen geleitet – und das ist das Zeichen zum Abschiede auch für die übrigen Gäste, denn Gerda Buddenbrook bedarf der Schonung. Es wird still in den Zimmern. Die alte Konsulin mit Tony, Erika und Mamsell Jungmann sind die letzten.
»Ja, Ida«, sagt der Konsul, »ich habe mir gedacht – und meine Mutter ist einverstanden – Sie haben uns alle einmal gepflegt, und wenn der kleine Johann ein bißchen größer ist … jetzt hat er noch die Amme, und nach ihr wird wohl eine Kinderfrau nötig sein, aber haben Sie Lust, dann zu uns überzusiedeln?«
»Ja, ja, Herr Konsul, und wenn's Ihrer Frau Gemahlin wird recht sein …«
Auch Gerda ist zufrieden mit diesem Plan, und so wird der Vorschlag schon jetzt zum Beschluß.
Beim Weggehen aber, schon in der Tür, wendet Frau Permaneder sich noch einmal um. Sie kehrt zu ihrem Bruder zurück, küßt ihn auf beide Wangen und sagt: »Das ist ein schöner Tag, Tom, ich bin so glücklich, wie seit manchem Jahr nicht mehr! Wir Buddenbrooks pfeifen noch nicht aus dem letzten Loch, Gott sei Dank, wer das glaubt, der irrt im höchsten Grade! Jetzt, wo der kleine Johann da ist – es ist so schön, daß wir ihn wieder Johann genannt haben – jetzt ist mir, als ob noch einmal eine ganz neue Zeit kommen muß!«
Zweites Kapitel
Christian Buddenbrook, Inhaber der Firma H. C. F. Burmeester & Comp. zu Hamburg, seinen modischen grauen Hut und seinen gelben Stock mit der Nonnenbüste in der Hand, kam in das Wohnzimmer seines Bruders, der mit Gerda lesend beisammen saß. Es war halb zehn Uhr am Abend des Tauftages.
»Guten Abend«, sagte Christian. »Ach, Thomas, ich muß dich mal dringend sprechen … Entschuldige, Gerda … Es eilt, Thomas.«
Sie gingen in das dunkle Speisezimmer hinüber, woselbst der Konsul eine der Gaslampen an der Wand entzündete und seinen Bruder betrachtete. Ihm ahnte nichts Gutes. Er hatte, abgesehen von der ersten Begrüßung, noch nicht Gelegenheit gehabt, mit Christian zu sprechen; aber er hatte ihn heute während der Feierlichkeit aufmerksam beobachtet und gesehen, daß er ungewöhnlich ernst und unruhig gewesen war, ja, daß er im Verlaufe von Pastor Pringsheims Rede einmal sogar aus irgendwelchen Gründen den Saal für mehrere Minuten verlassen hatte … Thomas hatte ihm keine Zeile mehr geschrieben seit jenem Tage in Hamburg, an dem Christian zehntausend Mark Kurant von seinem Erbe im voraus aus seinen Händen zur Deckung von Schulden empfangen. »Fahre nur so fort!« hatte der Konsul gesagt. »Dann werden deine Groschen rasch vertan sein. Was mich betrifft, ich hoffe, daß du künftig recht wenig meine Wege kreuzen wirst. Du hast meine Freundschaft während all der Jahre auf zu harte Proben gestellt« … Warum kam er jetzt? Etwas Dringendes mußte ihn treiben …