»Ja, ich habe geschwiegen, Thomas; denn ich fühlte, daß ich die letzte Bitte meines sterbenden Kindes erfüllen mußte … und ich weiß, daß du versucht hättest, es mir zu verbieten!«
»Ja! bei Gott! Das hätte ich!«
»Und du hättest das Recht nicht dazu gehabt, denn drei meiner Kinder sind einig mit mir!«
»Oh, mich dünkt, meine Meinung wiegt die zweier Damen und eines maroden Narren auf …«
»Du sprichst so lieblos von deinen Geschwistern, wie hart zu mir!«
»Klara war eine fromme aber unwissende Frau, Mutter! Und Tony ist ein Kind, – das übrigens bis zur Stunde ebenfalls nichts gewußt hat, denn es hätte ja zur Unzeit geplaudert, nicht wahr? Und Christian?… Ja, er hat sich Christians Einwilligung verschafft, dieser Tiburtius … Wer hätte dergleichen von ihm erwartet?!… Weißt du noch nicht, begreifst du noch nicht, was er ist, dieser ingeniöse Pastor? Ein Wicht ist er! Ein Erbschleicher …!«
»Schwiegersöhne sind immer Filous«, sagte Frau Permaneder mit dumpfer Stimme.
»Ein Erbschleicher! Was tut er? Er fährt nach Hamburg, er setzt sich an Christians Bett und redet auf ihn ein. ›Ja!‹ sagt Christian. ›Ja, Tiburtius. Gott befohlen. Haben Sie einen Begriff von der Qual in meiner linken Seite?…‹ Oh, Dummheit und Schlechtigkeit sind gegen mich verschworen –!« Und der Senator – außer sich, an das Schmiedeeisengitter der Ofennische gelehnt – drückte seine beiden verschlungenen Hände gegen die Stirn.
Dieser Paroxysmus von Entrüstung entsprach nicht den Umständen! Nein, es waren nicht diese 127500 Kurantmark, die ihn in einen Zustand versetzten, wie ihn noch niemals irgend jemand an ihm beobachtet hatte! Es war vielmehr dies, daß in seinem vorher schon gereizten Empfinden sich auch dieser Fall noch der Kette von Niederlagen und Demütigungen anreihte, die er während der letzten Monate im Geschäft und in der Stadt hatte erfahren müssen … Nichts fügte sich mehr! Nichts ging mehr nach seinem Willen! War es so weit gekommen, daß man im Hause seiner Väter in den wichtigsten Angelegenheiten »über ihn hinwegging« …? Daß ein Rigaer Pastor ihn rücklings übertölpelte?… Er hätte es verhindern können, aber sein Einfluß war gar nicht erprobt worden! Die Ereignisse waren ohne ihn ihren Gang gegangen! Aber ihm schien, daß das früher nicht hätte geschehen können, daß es früher nicht gewagt haben würde, zu geschehen! Es war eine neue Erschütterung des eigenen Glaubens an sein Glück, seine Macht, seine Zukunft … Und es war nichts als seine innere Schwäche und Verzweiflung, die vor Mutter und Schwester während dieses Auftrittes hervorbrach.
Frau Permaneder stand auf und umarmte ihn.