»Gehst du gern zur Schule?«
»Nein«, antwortete Hanno ruhig und mit einer Offenheit, welche angesichts ernsterer Dinge es nicht der Mühe wert erachtet, in solchen Angelegenheiten zu lügen.
»Nicht? Oh! Man muß aber doch lernen: Schreiben, Rechnen, Lesen …«
»Und so weiter«, sagte der kleine Johann.
Nein, er ging nicht gern in die alte Schule, diese ehemalige Klosterschule mit Kreuzgängen und gotisch gewölbten Klassenzimmern. Fehlen wegen Unwohlseins und gänzliche Unaufmerksamkeit, wenn seine Gedanken bei irgendeiner harmonischen Verbindung oder den noch unenträtselten Wundern eines Musikstückes weilten, das er von seiner Mutter und Herrn Pfühl gehört, förderten ihn nicht eben in den Wissenschaften, und die Hilfslehrer und Seminaristen, die ihn in diesen unteren Klassen unterrichteten, und deren gesellschaftliche Unterlegenheit, geistige Gedrücktheit und körperliche Ungepflegtheit er empfand, flößten ihm neben der Furcht vor Strafe eine heimliche Mißachtung ein. Herr Tietge, der Rechenlehrer, ein kleiner Greis in fettigem schwarzen Rock, der schon zur Zeit des verstorbenen Marcellus Stengel im Dienste der Anstalt gewirkt hatte, und der auf eine unmögliche Weise in sich hineinschielte, was er durch Brillengläser, rund und dick wie Schiffsluken, zu korrigieren suchte, – Herr Tietge gemahnte den kleinen Johann in jeder Stunde, wie fleißig und scharfsinnig sein Vater stets beim Rechnen gewesen sei … Beständig nötigten Herrn Tietge starke Hustenanfälle, den Boden des Katheders mit seinem Auswurf zu bedecken.
Hannos Verhältnis zu seinen kleinen Kameraden war im allgemeinen ganz fremder und äußerlicher Natur; nur mit einem von ihnen verknüpfte ihn, und zwar seit den ersten Schultagen, ein festes Band, und das war ein Kind von vornehmer Herkunft, aber gänzlich verwahrlostem Äußeren, ein Graf Mölln mit dem Vornamen Kai.
Es war ein Junge von Hannos Statur, aber nicht wie dieser mit einem dänischen Matrosenhabit, sondern mit einem ärmlichen Anzug von unbestimmter Farbe bekleidet, an dem hie und da ein Knopf fehlte, und der am Gesäß einen großen Flicken zeigte. Seine Hände, die aus den zu kurzen Ärmeln hervorsahen, erschienen imprägniert mit Staub und Erde und von unveränderlich hellgrauer Farbe, aber sie waren schmal und außerordentlich fein gebildet, mit langen Fingern und langen, spitz zulaufenden Nägeln. Und diesen Händen entsprach der Kopf, welcher, vernachlässigt, ungekämmt und nicht sehr reinlich, von Natur mit allen Merkmalen einer reinen und edlen Rasse ausgestattet war. Das flüchtig in der Mitte gescheitelte, rötlichgelbe Haar war von einer alabasterweißen Stirn zurückgestrichen, unter welcher, tief und scharf zugleich, hellblaue Augen blitzten. Die Wangenknochen traten ein wenig hervor, und die Nase, mit zarten Nüstern und schmalem, ganz leicht gebogenem Rücken, war, wie der Mund mit etwas geschürzter Oberlippe, schon jetzt von charakteristischem Gepräge.
Hanno Buddenbrook hatte den kleinen Grafen schon vor Beginn der Schulzeit zwei- oder dreimal ganz flüchtig zu sehen bekommen, und zwar auf Spaziergängen, die er mit Ida gen Norden durchs Burgtor hinaus gemacht. Dort nämlich, weit draußen, unfern des ersten Dorfes, war irgendwo ein kleines Gehöft, ein winziges, fast wertloses Anwesen, das überhaupt keinen Namen hatte. Man gewann, blickte man hin, den Eindruck eines Misthaufens, einer Anzahl Hühner, einer Hundehütte und eines armseligen, katenartigen Gebäudes, mit tief hinunterreichendem, rotem Dache. Dies war das Herrenhaus, und dort wohnte Kais Vater, Eberhard Graf Mölln.
Er war ein Sonderling, den selten jemand zu sehen bekam, und der, beschäftigt mit Hühner-, Hunde- und Gemüsezucht, abgeschieden von aller Welt auf seinem kleinen Gehöfte hauste: ein großer Mann mit Stulpenstiefeln, einer grünen Friesjoppe, kahlem Kopfe, einem ungeheuren ergrauten Rübezahlbarte, einer Reitpeitsche in der Hand, obgleich er durchaus kein Pferd besaß, und einem unter der buschigen Braue ins Auge geklemmten Monokel. Es gab, außer ihm und seinem Sohne, weit und breit keinen Grafen Mölln mehr im Lande. Die einzelnen Zweige der ehemals reichen, mächtigen und stolzen Familie waren nach und nach verdorrt, abgestorben und vermodert, und nur eine Tante des kleinen Kai, mit der sein Vater aber nicht in Korrespondenz stand, war noch am Leben. Sie veröffentlichte unter einem abenteuerlichen Pseudonym Romane in Familienblättern. – Was den Grafen Eberhard betraf, so erinnerte man sich, daß er, um sich vor allen Störungen durch Anfragen, Angebote und Bettelei zu schützen, während längerer Zeit, nachdem er das Anwesen vorm Burgtor bezogen, ein Schild an seiner niedrigen Haustür geführt hatte, auf dem zu lesen gewesen: »Hier wohnt Graf Mölln ganz allein, braucht nichts, kauft nichts und hat nichts zu verschenken.« Als das Schild seine Wirkung getan und niemand ihn mehr belästigte, hatte er es wieder entfernt.
Mutterlos – denn die Gräfin war an seiner Geburt gestorben, und irgendein ältliches Frauenzimmer führte das Hauswesen – war der kleine Kai hier wild wie ein Tier unter den Hühnern und Hunden herangewachsen, und hier hatte – von fern und mit großer Scheu – Hanno Buddenbrook ihn gesehen, wie er gleich einem Kaninchen im Kohle umhersprang, sich mit jungen Hunden balgte und mit seinen Purzelbäumen die Hühner erschreckte.