»Sie erinnern sich nicht?«

»Nein, ich weiß, ehrlich gesagt, nichts von Zuckerwerk. Mir schwebt etwas vor von Zitronensemmeln mit fetter Wurst belegt … einem recht widerlichen Frühstücksbrot … Ich weiß nicht, ob es mir oder Ihnen gehörte … Wir waren Kinder damals … Aber das mit dem Hause heute ist ja ganz und gar Sache des Herrn Gosch …«

Sie warf ihrem Bruder einen raschen, dankbaren Blick zu, denn er hatte ihre Not gesehen und kam ihr zu Hilfe, indem er sich die Frage erlaubte, ob es den Herren genehm sei, vorerst einmal den Gang durchs Haus zu unternehmen. Man war bereit dazu, man verabschiedete sich vorläufig von Frau Permaneder, denn man hoffte, später noch einmal das Vergnügen zu haben … und dann führte der Senator die beiden Gäste durch den Eßsaal hinaus.

Er führte sie treppauf, treppab und zeigte ihnen die Zimmer der zweiten Etage sowie diejenigen, die am Korridor des ersten Stockwerks gelegen waren, und die Parterreräumlichkeiten, ja selbst Küche und Keller. Was die Büros betraf, so nahm man Abstand davon, einzutreten, da der Rundgang in die Arbeitszeit der Versicherungsbeamtenschaft fiel. Ein paar Bemerkungen über den neuen Direktor wurden gewechselt, den Konsul Hagenström zweimal hintereinander für einen grundehrlichen Mann erklärte, worauf der Senator verstummte.

Sie gingen dann durch den kahlen, in halbgeschmolzenem Schnee liegenden Garten, taten einen Blick in das »Portal« und kehrten auf den vorderen Hof zurück, dorthin, wo die Waschküche lag, um sich von hier aus den schmalen gepflasterten Gang zwischen den Mauern entlang über den hinteren Hof, wo der Eichbaum stand, nach dem Rückgebäude zu begeben. Hier gab es nichts als vernachlässigte Altersschwäche. Zwischen den Pflastersteinen des Hofes wucherte Gras und Moos, die Treppen des Hauses waren in vollem Verfall, und die freie Katzenfamilie im Billardsaale konnte man nur flüchtig beunruhigen, indem man die Tür öffnete, ohne einzutreten, denn der Fußboden war hier nicht sicher.

Konsul Hagenström war schweigsam und ersichtlich mit Erwägungen und Plänen beschäftigt. »Nun ja –«, sagte er beständig, gleichgültig abwehrend, und deutete damit an, daß, sollte er hier Herr werden, dies alles natürlich nicht so bleiben könne. Mit der gleichen Miene stand er auch ein Weilchen auf dem harten Lehmboden zu ebener Erde und blickte zu den öden Speicherböden empor. »Nun ja –«, wiederholte er, setzte das dicke und schadhafte Windetau, das hier, mit seinem verrosteten Eisenhaken am Ende, während langer Jahre regungslos inmitten des Raumes gehangen hatte, ein wenig in Pendelbewegung und wandte sich dann auf dem Absatze um.

»Ja, nehmen Sie besten Dank für Ihre Bemühungen, Herr Senator; wir sind wohl zu Ende«, sagte er, und dann blieb er beinahe stumm, auf dem rasch zurückgelegten Wege zum Vordergebäude sowie auch später, als die beiden Gäste sich im Landschaftszimmer, ohne noch einmal Platz zu nehmen, bei Frau Permaneder empfohlen hatten und Thomas Buddenbrook sie die Treppe hinunter und über die Diele geleitete. Kaum aber war die Verabschiedung erledigt, und kaum wandte sich Konsul Hagenström, auf die Straße hinaustretend, seinem Begleiter, dem Makler, zu, als zu bemerken war, daß ein überaus lebhaftes Gespräch zwischen den beiden begann …

Der Senator kehrte ins Landschaftszimmer zurück, woselbst Frau Permaneder, ohne sich anzulehnen und mit strenger Miene, an ihrem Fensterplatze saß, mit zwei großen Holznadeln an einem schwarzwollenen Röckchen für ihre Enkelin, die kleine Elisabeth, strickte und hie und da einen Blick seitwärts in den »Spion« warf. Thomas ging eine Weile, die Hände in den Hosentaschen, schweigend auf und nieder.

»Ja, ich habe ihn nun dem Makler überlassen«, sagte er dann; »man muß abwarten, was daraus wird. Ich denke, er wird das Ganze kaufen, hier vorne wohnen und das hintere Terrain anderweitig verwerten …«

Sie sah ihn nicht an, sie veränderte auch nicht die aufrechte Haltung ihres Oberkörpers und hörte nicht auf, zu stricken; im Gegenteile, die Schnelligkeit, mit der die Nadeln sich in ihren Händen umeinander bewegten, nahm merklich zu.