Es war nicht anders mit dem Schlittschuhlaufen zur Winterszeit und mit dem Baden in der hölzernen Anstalt des Herrn Asmussen, unten am Fluß, im Sommer … »Baden! Schwimmen!« hatte Doktor Langhals gesagt. »Der Junge muß baden und schwimmen!« Und der Senator war vollständig damit einverstanden gewesen. Was aber hauptsächlich Hanno veranlaßte, sich vom Baden sowohl wie vom Schlittschuhlaufen und von den »Turnspielen«, sobald es nur immer anging, fernzuhalten, war der Umstand, daß die beiden Söhne des Konsuls Hagenström, die sich an allen diesen Dingen ehrenvoll beteiligten, es auf ihn abgesehen hatten und, obgleich sie doch in dem Hause seiner Großmutter wohnten, keine Gelegenheit versäumten, ihn mit ihrer Stärke zu demütigen und zu quälen. Sie kniffen und verhöhnten ihn bei den »Turnspielen«, sie stießen ihn in den Schneekehricht auf der Eisbahn, sie kamen im Schwimmbassin mit bedrohlichen Lauten durch das Wasser auf ihn zu … Hanno versuchte nicht zu entfliehen, was übrigens wenig nützlich gewesen wäre. Er stand da, mit seinen Mädchenarmen, bis zum Bauche in dem ziemlich trüben Wasser, auf dessen Oberfläche hie und da grüne Gebilde von Pflanzen, sogenanntes Gänsefutter, umhertrieben, und sah mit zusammengezogenen Brauen, einem finsteren Senkblick und leicht verzerrten Lippen den beiden entgegen, die, sicher ihrer Beute, mit langen, schäumenden Sprungschritten daherkamen. Sie hatten Muskeln an den Armen, die beiden Hagenströms, und damit umklammerten sie ihn und tauchten ihn, tauchten ihn recht lange, so daß er ziemlich viel von dem unreinlichen Wasser schluckte und lange nachher, sich hin und her wendend, nach Atem rang … Ein einziges Mal ward er ein wenig gerächt. Gerade als ihn nämlich eines Nachmittags die beiden Hagenströms unter die Wasserfläche hielten, stieß der eine von ihnen plötzlich einen Wut- und Schmerzensschrei aus und hob sein eines fleischiges Bein empor, von dem das Blut in großen Tropfen rann. Neben ihm aber kam Kai Graf Mölln zum Vorschein, welcher sich auf irgendeine Weise das Eintrittsgeld verschafft hatte, unversehens unter Wasser herbeigeschwommen war und den jungen Hagenström gebissen – mit allen Zähnen ins Bein gebissen hatte, wie ein kleiner wütender Hund. Seine blauen Augen blitzten durch das rötlich-blonde Haar, das naß darüber hing … Ach, es erging ihm schlecht für seine Tat, dem kleinen Grafen, und übel zugerichtet stieg er aus dem Bassin. Allein Konsul Hagenströms starker Sohn hinkte doch beträchtlich, als er nach Hause ging …

Nährende Mittel und körperliche Übungen aller Art – das war die Grundlage von Senator Buddenbrooks sorgenden Bemühungen um seinen Sohn. Nicht minder aufmerksam aber trachtete er danach, ihn geistig zu beeinflussen und ihn mit lebendigen Eindrücken aus der praktischen Welt zu versehen, für die er bestimmt war.

Er fing an, ihn ein wenig in das Bereich seiner zukünftigen Tätigkeit einzuführen, er nahm ihn mit sich auf Geschäftsgänge, zum Hafen hinunter und ließ ihn dabeistehen, wenn er am Kai mit den Löscharbeitern in einem Gemisch von Dänisch und Plattdeutsch plauderte, in den kleinen, finsteren Speicherkontoren mit den Geschäftsführern konferierte oder draußen den Männern einen Befehl erteilte, die mit hohlen und langgezogenen Rufen die Kornsäcke zu den Böden hinaufwanden … Für Thomas Buddenbrook selbst war dieses Stück Welt am Hafen, zwischen Schiffen, Schuppen und Speichern, wo es nach Butter, Fischen, Wasser, Teer und geöltem Eisen roch, von klein auf der liebste und interessanteste Aufenthalt gewesen; und da Freude und Teilnahme daran sich bei seinem Sohne von selbst nicht äußerten, so mußte er darauf bedacht sein, sie zu wecken … Wie hießen nun die Dampfer, die mit Kopenhagen verkehrten? Najaden … Halmstadt … Friederike Oeverdieck … »Nun, daß du wenigstens diese weißt, mein Junge, das ist schon etwas. Auch die anderen wirst du dir noch merken … Ja, von den Leuten, die da die Säcke hinaufwinden, heißen manche wie du, mein Lieber, weil sie nach deinem Großvater getauft sind. Und unter ihren Kindern kommt häufig mein Name vor … und auch der von Mama … Man schenkt ihnen dann jährlich eine Kleinigkeit … So, an diesem Speicher gehen wir vorüber und reden nicht mit den Männern; da haben wir nichts zu sagen; das ist ein Konkurrent …«

»Willst du mitkommen, Hanno?« sagte er ein andermal … »Ein neues Schiff, das zu unserer Reederei gehört, läuft heute nachmittag vom Stapel. Ich taufe es … Hast du Lust?«

Und Hanno gab an, daß er Lust habe. Er ging mit und hörte die Taufrede seines Vaters, sah zu, wie er eine Champagnerflasche am Bug zerschellte und blickte mit fremden Augen dem Schiffe nach, welches die gänzlich mit grüner Seife beschmierte schiefe Ebene hinab und in das hoch aufschäumende Wasser glitt …

An gewissen Tagen des Jahres, am Palmsonntag, wenn die Konfirmationen stattfanden, oder am Neujahrstage, unternahm Senator Buddenbrook zu Wagen eine Tournee von Visiten in einer Reihe von Häusern, denen er gesellschaftlich verpflichtet war, und da seine Gattin es vorzog, sich bei solchen Gelegenheiten mit Nervosität und Migräne zu entschuldigen, so forderte er Hanno auf, ihn zu begleiten. Und Hanno hatte auch hierzu Lust. Er stieg zu seinem Vater in die Droschke und saß stumm an seiner Seite in den Empfangszimmern, indem er mit stillen Augen sein leichtes, taktsicheres und so verschiedenartiges, so sorgfältig abgetöntes Benehmen gegen die Leute beobachtete. Er sah zu, wie er dem Oberstleutnant und Bezirkskommandanten Herrn von Rinnlingen, welcher beim Abschied betonte, er wisse die Ehre dieses Besuches sehr wohl zu schätzen, mit liebenswürdiger Erschrockenheit einen Augenblick den Arm um die Schulter legte; wie er an anderer Stelle eine ähnliche Bemerkung ruhig und ernst entgegennahm und sie an einer dritten mit einem ironisch übertriebenen Gegenkompliment abwehrte … Alles mit einer formalen Versiertheit des Wortes und der Gebärde, die er ersichtlich gern der Bewunderung seines Sohnes produzierte und von der er sich unterrichtende Wirkung versprach.

Aber der kleine Johann sah mehr, als er sehen sollte, und seine Augen, diese schüchternen, goldbraunen, bläulich umschatteten Augen beobachteten zu gut. Er sah nicht nur die sichere Liebenswürdigkeit, die sein Vater auf alle wirken ließ, er sah auch – sah es mit einem seltsamen, quälenden Scharfblick –, wie furchtbar schwer sie zu machen war, wie sein Vater nach jeder Visite wortkarger und bleicher, mit geschlossenen Augen, deren Lider sich gerötet hatten, in der Wagenecke lehnte, und mit Entsetzen im Herzen erlebte er es, daß auf der Schwelle des nächsten Hauses eine Maske über ebendieses Gesicht glitt, immer aufs neue eine plötzliche Elastizität in die Bewegungen ebendieses ermüdeten Körpers kam … Das Auftreten, Reden, Sichbenehmen, Wirken und Handeln unter Menschen stellte sich dem kleinen Johann nicht als ein naives, natürliches und halb unbewußtes Vertreten praktischer Interessen dar, die man mit anderen gemein hat und gegen andere durchsetzen will, sondern als eine Art von Selbstzweck, eine bewußte und künstliche Anstrengung, bei welcher, anstatt der aufrichtigen und einfachen inneren Beteiligung, eine furchtbar schwierige und aufreibende Virtuosität für Haltung und Rückgrat aufkommen mußte. Und bei dem Gedanken, man erwarte, daß auch er dereinst in öffentlichen Versammlungen auftreten und unter dem Druck aller Blicke mit Wort und Gebärde tätig sein sollte, schloß Hanno mit einem Schauder angstvollen Widerstrebens seine Augen …

Ach, das war die Wirkung nicht, die Thomas Buddenbrook von dem Einfluß seiner Persönlichkeit auf seinen Sohn erhoffte! Unbefangenheit vielmehr, Rücksichtslosigkeit und einen einfachen Sinn für das praktische Leben in ihm zu erwecken, auf nichts anderes waren all seine Gedanken gerichtet.

»Du scheinst gern gut zu leben, mein Lieber«, sagte er, wenn Hanno eine zweite Portion Dessert oder eine halbe Tasse Kaffee nach dem Essen erbat … »Da mußt du ein tüchtiger Kaufmann werden und viel Geld verdienen! Willst du das?« Und der kleine Johann antwortete: »Ja.«

Dann und wann, wenn die Familie beim Senator zu Tische gebeten war und Tante Antonie oder Onkel Christian nach alter Gewohnheit sich über die arme Tante Klothilde lustig zu machen und in der ihr eigenen langgedehnten und demütig-freundlichen Sprache mit ihr zu reden begannen, so konnte es geschehen, daß Hanno, unter der Einwirkung des unalltäglich schweren Rotweines, einen Augenblick auch seinerseits in diesen Ton geriet und sich mit irgendeiner Mokerie an Tante Klothilde wandte. Dann lachte Thomas Buddenbrook – ein lautes, herzliches, ermunterndes, fast dankbares Lachen, wie ein Mensch, dem eine hocherfreuliche, heitere Genugtuung zuteil geworden ist, ja, er fing an, seinen Sohn zu unterstützen und selbst in die Neckerei einzustimmen: und doch hatte er sich eigentlich seit Jahr und Tag dieses Tones gegen die arme Verwandte begeben. Es war so billig, so gänzlich gefahrlos, seine Überlegenheit über die beschränkte, demütige, magere und immer hungrige Klothilde geltend zu machen, daß er es trotz aller Harmlosigkeit, die dabei herrschte, als gemein empfand. Mit Widerstreben empfand er es so, mit jenem verzweifelten Widerstreben, das er alltäglich im praktischen Leben seiner skrupulösen Natur entgegensetzen mußte, wenn er es wieder einmal nicht fassen, nicht darüber hinwegkommen konnte, wie es möglich sei, eine Situation zu erkennen, zu durchschauen und sie dennoch ohne Schamempfindung auszunutzen … Aber die Situation ohne Schamgefühl auszunutzen, sagte er sich, das ist Lebenstüchtigkeit!