Die Sache war die, daß Christian jetzt mehr als jemals Herr seiner Zeit war, denn wegen schwankender Gesundheit hatte er sich genötigt gesehen, auch seine letzte kaufmännische Tätigkeit, die Champagner- und Kognakagentur, fahren zu lassen. Das Trugbild eines Mannes, der in der Dämmerung auf seinem Sofa saß und ihm zunickte, hatte sich erfreulicherweise nicht wiederholt. Aber mit der periodischen »Qual« in seiner linken Seite war es womöglich noch schlimmer geworden, und Hand in Hand mit ihr ging eine große Anzahl anderer Unzuträglichkeiten, die Christian sorgfältig beobachtete und mit krauser Nase schilderte, wo er ging und stand. Oftmals, wie schon früher, versagten beim Essen seine Schluckmuskeln, so daß er, den Bissen im Halse, dasaß und seine kleinen, runden, tiefliegenden Augen wandern ließ. Oftmals, wie schon früher, litt er an dem unbestimmten aber unbesiegbaren Furchtgefühl vor einer plötzlichen Lähmung seiner Zunge, seines Schlundes, seiner Extremitäten, ja sogar seines Denkvermögens. Zwar wurde nichts an ihm gelähmt; aber war nicht die Furcht davor beinahe noch schlimmer? Er erzählte ausführlich, wie er eines Tages, als er sich Tee bereitete, das brennende Zündholz statt über den Kochapparat über die offene Spiritusflasche gehalten habe, so daß beinahe nicht nur er selbst, sondern auch die übrigen Hausbewohner, ja, vielleicht auch die der Nachbarhäuser auf fürchterliche Weise umgekommen wären … Dies ging zu weit. Was er aber mit besonderer Ausführlichkeit, Eindringlichkeit und Anstrengung, sich ganz verständlich zu machen, beschrieb, war eine scheußliche Anomalie, die er in letzter Zeit an sich wahrgenommen hatte und die darin bestand, daß er an gewissen Tagen, das heißt bei gewisser Witterung und Gemütsverfassung, kein offenes Fenster sehen konnte, ohne von dem gräßlichen und durch nichts gerechtfertigten Drange befallen zu werden, hinauszuspringen … einem wilden und kaum unterdrückbaren Triebe, einer Art von unsinnigem und verzweifeltem Übermut! Eines Sonntages, als die Familie in der Fischergrube speiste, beschrieb er, wie er unter Aufbietung aller moralischen Kräfte auf Händen und Füßen habe zum offenen Fenster kriechen müssen, um es zu schließen … Hier aber schrie alles auf, und niemand wollte ihm weiter zuhören.
Diese und ähnliche Dinge konstatierte er mit einer gewissen schauerlichen Genugtuung. Was er aber nicht beobachtete und nicht feststellte, was ihm unbewußt blieb und sich darum beständig verschlimmerte, war der sonderbare Mangel an Taktgefühl, der ihm mit den Jahren immer mehr zu eigen geworden war. Es war schlimm, daß er im Familienkreise Anekdoten erzählte, so geartet, daß er sie höchstens im Klub hätte vorbringen dürfen. Aber es gab auch direkte Anzeichen dafür, daß sein Sinn für körperliche Schamhaftigkeit im Erlahmen begriffen war. In der Absicht, seiner Schwägerin Gerda, mit der er auf freundschaftlichem Fuße stand, zu zeigen, wie durabel gearbeitet seine englischen Socken seien, und wie mager er übrigens geworden sei, gewann er es über sich, vor ihren Augen sein weites, kariertes Beinkleid bis hoch über das Knie zurückzuziehen … »Da sieh, wie mager ich werde … Ist es nicht auffällig und sonderbar?« sagte er bekümmert, indem er mit krauser Nase auf sein knochiges und stark nach außen gekrümmtes Bein in der weißwollenen Unterhose zeigte, unter der sich das hagere Knie trübselig abzeichnete …
Er hatte, wie gesagt, jetzt jede kaufmännische Tätigkeit fahren lassen; aber diejenigen Stunden am Tage, die er nicht im »Klub« verbrachte, suchte er doch auf verschiedene Weise auszufüllen, und er liebte es, ausdrücklich hervorzuheben, daß er trotz aller Behinderungen niemals vollständig aufgehört habe zu arbeiten. Er erweiterte seine Sprachkenntnisse und hatte, der Wissenschaft halber und ohne praktischen Endzweck, kürzlich begonnen, Chinesisch zu lernen, worauf er vierzehn Tage lang viel Fleiß verwendet hatte. Zur Zeit war er damit beschäftigt, ein englisch-deutsches Lexikon, das ihm unzulänglich schien, zu »ergänzen«; aber, da eine kleine Luftveränderung ihm sowieso einmal wieder not tat und da es schließlich ja wünschenswert war, daß der Senator irgendwelche Begleitung hatte, so vermochte dies Geschäft jetzt nicht, ihn in der Stadt festzuhalten …
Die beiden Brüder fuhren an die See; sie fuhren, indes der Regen auf das Verdeck des Wagens trommelte, auf der Landstraße dahin, die nur eine Pfütze war, und sprachen beinahe kein Wort. Christian ließ seine Augen wandern, als horche er auf irgend etwas Verdächtiges; Thomas saß fröstelnd in seinen Mantel gehüllt, mit müde blickenden, geröteten Augen, und die langausgezogenen Spitzen seines Schnurrbartes überragten starr seine weißlichen Wangen. So fuhren sie nachmittags in den Kurgarten ein, in dessen verschwemmtem Kies die Räder knirschten. Der alte Makler Sigismund Gosch saß in der Glasveranda des Hauptgebäudes und trank Grog von Rum. Er stand auf, indem er durch die Zähne zischte, und dann setzten sie sich zu ihm, um, während die Koffer hinaufgetragen wurden, auch ihrerseits etwas Warmes zu genießen.
Herr Gosch war ebenfalls noch Kurgast, gleich einigen wenigen Leuten, einer englischen Familie, einer ledigen Holländerin und einem ledigen Hamburger, die jetzt mutmaßlich ihr Schläfchen vor der Table d'hote hielten, denn es war überall totenstill, und nur der Regen planschte. Mochten sie schlafen. Herr Gosch schlief am Tage nicht. Er war froh, wenn er sich zur Nacht ein paar Stunden Bewußtlosigkeit erobern konnte. Es ging ihm nicht gut, er gebrauchte diese späte Luftkur gegen das Zittern, das Zittern in seinen Gliedmaßen … verflucht! er konnte kaum noch das Grogglas halten, und – teuflischer! – er konnte nur selten noch schreiben, so daß es mit der Übersetzung von Lope de Vegas sämtlichen Dramen jämmerlich langsam vorwärts ging. Er war in sehr gedrückter Stimmung, und seine Gotteslästerungen waren ohne die rechte Freudigkeit. »Laß fahren dahin!« sagte er, und dies schien seine Lieblingsredensart geworden zu sein, denn er wiederholte sie beständig und oftmals ganz außer dem Zusammenhange.
Und der Senator? Was war es mit ihm? Wie lange gedachten die Herren zu bleiben?
Ach, Doktor Langhals habe ihn der Nerven wegen hergeschickt, antwortete Thomas Buddenbrook. Er habe natürlich gehorcht, trotz dieses Hundewetters, denn was tue man nicht aus Furcht vor seinem Arzte! Er fühlte sich ja wirklich ein wenig miserabel. Sie würden eben bleiben, bis es ihm besser gehe …
»Ja, übrigens geht es auch mir sehr schlecht«, sagte Christian voll Neid und Erbitterung, daß Thomas nur von sich sprach; und er war im Begriffe, von dem nickenden Manne, der Spiritusflasche und dem offenen Fenster zu berichten, als sein Bruder aufbrach, um die Zimmer in Besitz zu nehmen.
Der Regen ließ nicht nach. Er zerwühlte den Boden und tanzte in springenden Tropfen auf der See, die, vom Südwest überschauert, vom Strande zurückwich. Alles war in Grau gehüllt. Die Dampfer zogen wie Schatten und Geisterschiffe vorüber und verschwanden am verwischten Horizont.
Mit den fremden Gästen traf man nur beim Essen zusammen. Der Senator ging mit dem Makler Gosch in Gummimantel und Galoschen spazieren, indes Christian droben in der Konditorei mit der Büfettdame schwedischen Punsch trank.