Der erste Weihnachtstag war feucht und neblig. Es seien Wolken, sagte Behrens, in denen man sitze; Nebel gäbe es nicht hier oben. Aber Wolken oder Nebel, auf jeden Fall war die Nässe empfindlich. Der liegende Schnee taute oberflächlich an, wurde porös und klebrig. Gesicht und Hände erstarrten im Kurdienst weit peinlicher als bei sonnigem Frost.

Der Tag war ausgezeichnet durch eine musikalische Veranstaltung am Abend, ein richtiges Konzert mit Stuhlreihen und gedruckten Programmen, das Denen hier oben vom Hause „Berghof“ geboten wurde. Es war ein Liederabend, gegeben von einer am Orte ansässigen und Unterricht erteilenden Berufssängerin mit zwei Medaillen seitlich unter dem Ausschnitt ihres Ballkleides, Armen, die Stöcken glichen, und einer Stimme, deren eigentümliche Tonlosigkeit über die Gründe ihrer Ansiedelung hier oben betrübende Auskunft gab. Sie sang:

„Ich trage meine Minne

mit mir herum.“

Der Pianist, der sie begleitete, war ebenfalls ortsansässig ... Frau Chauchat saß in der ersten Reihe, benutzte jedoch die Pause, um sich zurückzuziehen, so daß Hans Castorp von da an der Musik (es war Musik unter allen Umständen) mit ruhigem Herzen lauschen konnte, indem er während des Gesanges den Text der Lieder mitlas, der auf dem Programm gedruckt stand. Eine Weile saß Settembrini an seiner Seite, verschwand aber ebenfalls, nachdem er über den dumpfen bel canto der Ansässigen einiges Pralle, Plastische angemerkt und sein satirisches Behagen darüber ausgedrückt, daß man auch heute abend so treu und traulich unter sich sei. Die Wahrheit zu sagen, spürte Hans Castorp Erleichterung, als sie beide fort waren, die Schmaläugige und der Pädagog, und er in Freiheit den Liedern seine Aufmerksamkeit widmen konnte. Er fand es gut, daß in der ganzen Welt und noch unter den besondersten Umständen Musik gemacht wurde, wahrscheinlich sogar auf Polarexpeditionen.

Der zweite Weihnachtstag unterschied sich durch nichts mehr, als durch das leichte Bewußtsein seiner Gegenwart, von einem gewöhnlichen Sonn- oder auch nur Wochentag, und als er vorüber war, da lag das Weihnachtsfest im Vergangenen, – oder, ebenso richtig, es lag wieder in ferner Zukunft, in jahresferner: zwölf Monate waren nun wieder bis dahin, wo es sich im Kreislauf erneuern würde, – schließlich nur sieben Monate mehr, als Hans Castorp hier schon verbracht hatte.

Aber gleich nach dem diesjährigen Weihnachten, noch vor Neujahr, starb denn also der Herrenreiter. Die Vettern erfuhren es von Alfreda Schildknecht, genannt Schwester Berta, der Pflegerin des armen Fritz Rotbein, die ihnen das diskrete Vorkommnis auf dem Gange erzählte. Hans Castorp nahm eindringlich Anteil daran, teils weil die Lebensäußerungen des Herrenreiters zu den ersten Eindrücken gehört hatten, die er hier oben empfangen, – zu denen, die zuerst, wie ihm schien, den Wärmereflex in seiner Gesichtshaut hervorgerufen hatten, der seitdem nicht mehr daraus hatte weichen wollen, – teils aus moralischen, man möchte sagen: geistlichen Gründen. Er hielt Joachim lange im Gespräch mit der Diakonissin fest, die Ansprache und Austausch mit klammernder Dankbarkeit genoß. Es sei ein Wunder, sagte sie, daß der Herrenreiter das Fest noch erlebt habe. Längst habe er sich als zäher Kavalier erwiesen gehabt, allein womit er zuletzt noch geatmet, sei keinem begreiflich gewesen. Seit Tagen schon habe er sich freilich nur mit Hilfe gewaltiger Mengen Sauerstoffes gehalten: gestern allein habe er vierzig Ballons konsumiert, das Stück zu sechs Franken. Das müsse ins Geld gelaufen sein, wie die Herren sich ausrechnen könnten, und dabei sei zu bedenken, daß seine Gemahlin, in deren Armen er danach verschieden, völlig mittellos hinterbleibe. Joachim mißbilligte diesen Aufwand. Wozu die Quälerei und kostspielig künstliche Hinfristung in einem ganz aussichtslosen Fall? Dem Mann sei es nicht zu verargen, daß er das teure Lebensgas blindlings verzehrt, da man es ihm aufgenötigt hatte. Dagegen die Behandelnden hätten vernünftiger denken und ihn in Gottes Namen seines unvermeidlichen Weges ziehen lassen sollen, ganz abgesehen von den Verhältnissen und gar nun mit Rücksicht auf diese. Die Lebenden hätten doch auch ein Recht und so weiter. Dem widersprach Hans Castorp mit Nachdruck. Sein Vetter rede ja fast schon wie Settembrini, ohne Achtung und Scheu vor dem Leiden. Der Herrenreiter sei doch am Ende gestorben, da höre der Spaß auf, man könne nichts weiter tun, um seinen Ernst zu erweisen, und einem Sterbenden gebühre jeder Respekt und Ehrenaufwand, darauf bestehe Hans Castorp. Er wolle nur hoffen, daß Behrens den Herrenreiter zuletzt nicht angeschrien und pietätloserweise gescholten habe? Kein Anlaß, erklärte die Schildknecht. Einen kleinen, unbesonnenen Versuch zu entwischen habe der Herrenreiter zwar zuletzt noch gemacht und aus dem Bett springen wollen; aber ein leichter Hinweis auf die Zwecklosigkeit solchen Beginnens habe genügt, ihn ein für allemal davon abstehen zu lassen.

Hans Castorp nahm den Verblichenen in Augenschein. Er tat es aus Trotz gegen das herrschende System der Verheimlichung, weil er das egoistische Nichts-wissen-, Nichts-sehen-und-hören-wollen der andern verachtete und ihm durch die Tat zu widersprechen wünschte. Bei Tische hatte er den Todesfall zur Sprache zu bringen versucht, war aber auf einmütige und so verstockte Ablehnung dieses Themas gestoßen, daß es ihn beschämt und empört hatte. Frau Stöhr war geradezu grob geworden. Was ihm einfalle, von so etwas anzufangen, hatte sie gefragt, und was er denn eigentlich für eine Kinderstube genossen. Die Ordnung des Hauses schütze sie, die Patientenschaft, sorgfältig davor, von solchen Geschichten berührt zu werden, und da komme nun so ein Grünschnabel und rede ganz laut davon, noch dazu beim Braten und dazu wieder in Gegenwart des Dr. Blumenkohl, den es täglich ereilen könne. (Dies hinter der Hand.) Wiederhole sich das, so werde sie klagbar werden. Da war es, daß der Gescholtene den Entschluß gefaßt und ihm auch Ausdruck verliehen hatte, für seine Person dem abgeschiedenen Hausgenossen durch einen Besuch und stille Andachtsverrichtung an seinem Lager die letzte Ehre zu erweisen, und auch Joachim hatte er bestimmt, das zu tun.

Durch Vermittlung Schwester Alfredas erlangten sie Eintritt in das Sterbezimmer, das im ersten Stock unter ihren eigenen Zimmern gelegen war. Die Witwe empfing sie, eine kleine, zerzauste, von Nachtwachen mitgenommene Blonde, das Taschentuch vor dem Munde, mit roter Nase und in dickem Plaidmantel, dessen Kragen sie aufgestellt hatte, denn es war sehr kalt im Zimmer. Die Heizung war abgestellt, die Balkontür offen. Gedämpft sagten die jungen Leute das Erforderliche und gingen dann, durch eine Handbewegung schmerzlich eingeladen, durch das Zimmer zum Bett, – mit ehrerbietig vorwärts wiegenden Schritten gingen sie, ohne Benutzung der Stiefelabsätze, und standen in Betrachtung am Lager des Toten, ein jeder nach seiner Art: Joachim dienstlich geschlossen, in salutierender Halbverbeugung, Hans Castorp gelöst und versunken, die Hände vor sich gekreuzt, den Kopf auf der Schulter, mit einer Miene, ähnlich derjenigen, mit der er Musik zu hören pflegte. Des Herrenreiters Kopf lag hoch gebettet, so daß der Körper, dieser lange Aufbau und vielfache Zeugungskreis des Lebens, mit der Erhöhung der Füße am Ende unter der Decke, desto flacher, fast brettartig flach erschien. Ein Blumengewinde lag in der Gegend der Knie, und der daraus hervorragende Palmzweig berührte die großen, gelben, knöchernen Hände, die auf der eingefallenen Brust gefaltet waren. Gelb und knöchern war auch das Gesicht mit dem kahlen Schädel, der gehöckerten Nase, den scharfen Backenknochen und dem buschigen, rotblonden Schnurrbart, dessen Dicke die grauen, stoppligen Höhlen der Wangen noch stärker vertiefte. Die Augen waren auf eine gewisse unnatürlich feste Weise geschlossen, – zugedrückt, mußte Hans Castorp denken, nicht zugemacht: den letzten Liebesdienst nannte man das, obgleich es im Sinne der Überlebenden mehr, als um des Toten willen geschah. Auch mußte es beizeiten, gleich nach dem Tode geschehen; denn wenn erst die Myosinbildung in den Muskeln vorgeschritten war, so ging es nicht mehr, und er lag und starrte, und um die sinnige Vorstellung des „Schlummers“ war es getan.