Und Junggesellen Mann für Mann,
Die hoffnungsvollsten Leute!“
„Bravo, bravo!“ wurde gerufen. Man war schon beim Mokka, der in kleinen irden-braunen Kännchen serviert wurde, beziehungsweise auch bei den Likören, zum Beispiel Frau Stöhr, die Süß-Geistiges für ihr Leben gern schlürfte. Die Gesellschaft begann sich aufzulösen, zu zirkulieren. Man besuchte einander, wechselte die Tische. Ein Teil der Gäste hatte sich schon in die Konversationsräume verzogen, während ein anderer seßhaft blieb, dem Weingemisch weiter zusprechend. Settembrini kam nun persönlich herüber, sein Kaffeetäßchen in der Hand, den Zahnstocher zwischen den Lippen, und setzte sich hospitierend an die Tischecke zwischen Hans Castorp und die Lehrerin.
„Harzgebirg“, sagte er. „Gegend von Schierke und Elend. Habe ich Ihnen zu viel versprochen, Ingenieur? Heiß ich mir das doch eine Messe! Aber warten Sie nur, unser Witz erschöpft sich nicht so bald, wir sind noch nicht auf der Höhe, geschweige am Ende. Nach allem, was man hört, wird es noch mehr Masken geben. Gewisse Personen haben sich zurückgezogen, – das berechtigt zu allerlei Erwartungen, Sie werden sehen.“
Wirklich tauchten neue Verkleidungen auf: Damen in Herrentracht, operettenhaft und unwahrscheinlich durch ausladende Formen, die Gesichter bärtig geschwärzt mit angekohltem Flaschenkork; Herren, umgekehrt, die Frauenroben angelegt hatten, über deren Röcke sie strauchelten, wie zum Beispiel Studiosus Rasmussen, welcher, in schwarzer, jettübersäter Toilette, ein pickliges Dekolleté zur Schau stellte, das er sich mit einem Papierfächer kühlte, und zwar auch den Rücken. Ein Bettelmann erschien knickbeinig, an einer Krücke hängend. Jemand hatte sich aus weißem Unterzeug und einem Damenfilz ein Pierrotkostüm hergestellt, das Gesicht gepudert, so daß seine Augen ein unnatürliches Aussehen gewannen, und den Mund mit Lippenpomade blutig aufgehöht. Es war der Junge mit dem Fingernagel. Ein Grieche vom Schlechten Russentisch, mit schönen Beinen, stolzierte in lila Trikotunterhosen, mit Mäntelchen, Papierkrause und einem Stockdegen als spanischer Grande oder Märchenprinz daher. Alle diese Masken waren nach Schluß der Mahlzeit eilig improvisiert worden. Es litt Frau Stöhr nicht länger auf ihrem Stuhl. Sie verschwand, um nach kurzer Zeit als Scheuerweib wiederzukehren, mit geschürztem Rock und aufgestülpten Ärmeln, die Bänder ihrer Papierhaube unter dem Kinn geknotet und bewaffnet mit Eimer und Besen, die sie zu handhaben begann, indem sie mit dem nassen Schrubber unter die Tische, den Sitzenden zwischen die Füße fuhr.
„Die alte Baubo kommt allein“,
rezitierte Settembrini bei ihrem Anblick und fügte auch den Reimvers hinzu, klar und plastisch. Sie hörte es, nannte ihn „welscher Hahn“ und forderte ihn auf, seine „Zötchen“ für sich zu behalten, wobei sie ihn im Geiste der Maskenfreiheit duzte; denn diese Verkehrsform war schon während des Essens allgemein aufgenommen worden. Er schickte sich an, ihr zu antworten, als Lärm und Gelächter von der Halle her ihn unterbrachen und Aufsehen im Saal erregten.
Gefolgt von Gästen, die aus den Konversationsräumen kamen, hielten zwei sonderbare Figuren ihren Einzug, die mit der Kostümierung wohl eben erst fertig geworden waren. Die eine war als Diakonissin angezogen, doch war ihr schwarzes Habit vom Hals bis zum Saume mit weißen Bandstreifen quer benäht, kurzen, die nahe untereinander lagen, und seltneren, die über jene hinausragten, nach Art der Liniatur eines Thermometers. Sie hielt den Zeigefinger vor ihren bleichen Mund und trug in der Rechten eine Fiebertabelle. Die andere Maske erschien blau in Blau: mit blau gefärbten Lippen und Brauen, auch sonst im Gesicht und am Halse noch blau bemalt, eine blaue Wollmütze schief übers Ohr gezogen und bekleidet mit einem An- oder Überzuge aus blauem Glanzleinen, der, aus einem Stück gearbeitet, an den Knöcheln mit Bändern zugezogen und in der Mitte zum Rundbauche ausgestopft war. Man erkannte Frau Iltis und Herrn Albin. Beide trugen Pappschilder umgehängt, auf denen geschrieben stand: „Die stumme Schwester“ und: „Der blaue Heinrich“. In einer Art Wackelschritt zogen sie selbander um den Saal.
Das gab einen Beifall! Die Zurufe schwirrten. Frau Stöhr, ihren Besen unter dem Arm, die Hände auf den Knien, lachte maßlos und ordinär nach Herzenslust, unter Vorwendung ihrer Rolle als Scheuerweib. Nur Settembrini zeigte sich unzugänglich. Seine Lippen, unter dem schön geschwungenen Schnurrbart, wurden äußerst schmal, nachdem er einen kurzen Blick auf das erfolgreiche Maskenpaar geworfen.
Unter denen, die im Gefolge des Blauen und der Stummen aus den Konversationszimmern wieder herübergekommen waren, befand sich auch Clawdia Chauchat. Zusammen mit der wollhaarigen Tamara und jenem Tischgenossen mit dem konkaven Brustkasten, einem gewissen Buligin, der Abendanzug trug, strich sie in ihrem neuen Kleid an Hans Castorps Tische vorbei und bewegte sich schräg hinüber zu dem des jungen Gänser und der Kleefeld, wo sie, die Hände auf dem Rücken, mit schmalen Augen lachend und plaudernd stehen blieb, während ihre Begleiter den allegorischen Gespenstern weiter folgten und mit ihnen den Saal wieder verließen. Auch Frau Chauchat hatte sich mit einer Faschingsmütze geschmückt, – es war nicht einmal eine gekaufte, sondern von der Art, wie man sie Kindern anfertigt, aus weißem Papiere einfach zum Dreispitz zurechtgefaltet, und kleidete sie übrigens, quer aufgesetzt, vorzüglich. Das dunkelgoldbraune Seidenkleid war fußfrei, der Rock etwas bauschig gearbeitet. Wir sagen von den Armen hier nichts mehr. Sie waren nackt bis zu den Schultern hinauf.