„Ja, um eines ungesitteten Reizes willen. Das ‚Du‘ unter Fremden, das heißt unter Personen, die einander von Rechtes wegen ‚Sie‘ nennen, ist eine widerwärtige Wildheit, ein Spiel mit dem Urstande, ein liederliches Spiel, das ich verabscheue, weil es sich im Grunde gegen Zivilisation und entwickelte Menschlichkeit richtet, – sich frech und schamlos dagegen richtet. Ich habe Sie auch nicht ‚Du‘ genannt, bilden Sie sich das nicht ein! Ich zitierte eine Stelle aus dem Meisterwerk Ihrer Nationalliteratur. Ich sprach also poetischerweise ...“

„Ich auch! Ich spreche auch gewissermaßen poetischerweise, – weil mir der Augenblick danach angetan zu sein scheint, darum spreche ich so. Ich sage gar nicht, daß es mir so ganz natürlich ist und leicht fällt, dich ‚Du‘ zu nennen, im Gegenteil, es kostet mich eine gewisse Selbstüberwindung, ich muß mir einen Ruck geben, um es zu tun, aber diesen Ruck gebe ich mir gern, ich gebe ihn mir freudig und von Herzen ...“

„Von Herzen?“

„Von Herzen, ja, das kannst du mir glauben. Wir sind nun schon so lange beieinander hier oben, – sieben Monate, wenn du nachrechnest; das ist ja für unsere Verhältnisse hier oben noch nicht einmal sehr viel, aber für untere Begriffe, wenn ich zurückdenke, ist es doch eine Menge Zeit. Nun, und die haben wir nun miteinander verbracht, weil das Leben uns hier zusammenführte, und haben uns fast täglich gesehen und interessante Gespräche miteinander geführt, zum Teil über Gegenstände, von denen ich unten überhaupt keinen Deut begriffen hätte. Aber hier sehr wohl; hier waren sie mir sehr wichtig und naheliegend, so daß ich immer, wenn wir diskutierten, in höchstem Grade bei der Sache war. Oder vielmehr, wenn du mir die Dinge als homo humanus expliziertest; denn ich hatte natürlich aus meiner bisherigen Unerfahrenheit nicht viel beizutragen und konnte immer nur außerordentlich hörenswert finden, was du sagtest. Durch dich habe ich so viel erfahren und verstanden ... Das mit Carducci war das Wenigste, aber wie beispielsweise die Republik mit dem schönen Stil zusammenhängt oder die Zeit mit dem Menschheitsfortschritt, – wohingegen, wenn keine Zeit wäre, auch kein Menschheitsfortschritt sein könnte, sondern die Welt nur ein stagnierendes Wasserloch und ein fauliger Tümpel wäre, – was wüßte ich davon, wenn du nicht gewesen wärst! Ich nenne dich einfach ‚Du‘ und rede dich sonst nicht weiter an, entschuldige, weil ich nicht wüßte, wie das geschehen sollte, – ich kann es nicht gut. Da sitzest du, und ich sage einfach ‚Du‘ zu dir, das genügt. Du bist nicht irgend ein Mensch mit einem Namen, du bist ein Vertreter, Herr Settembrini, ein Vertreter hierorts und an meiner Seite, – das bist du“, bestätigte Hans Castorp und schlug mit der flachen Hand auf das Tischtuch. „Und nun will ich dir einmal danken,“ fuhr er fort und schob seinen Glasbecher mit Sekt und Burgunder an Herrn Settembrinis Kaffeetäßchen heran, gleichsam, um auf dem Tisch mit ihm anzustoßen, – „dafür, daß du dich in diesen sieben Monaten so freundlich meiner angenommen hast und mir jungem mulus, auf den so viel Neues eindrang, zur Hand gegangen bist bei meinen Übungen und Experimenten und berichtigend auf mich einzuwirken gesucht hast, ganz sine pecunia, teils mit Geschichten und teils in abstrakter Form. Ich habe das deutliche Gefühl, daß der Augenblick gekommen ist, dir dafür und für all das zu danken und dich um Verzeihung zu bitten, wenn ich ein schlechter Schüler war, ein ‚Sorgenkind des Lebens‘, wie du sagtest. Es hat mich sehr gerührt, wie du das sagtest, und jedesmal, wenn ich daran denke, rührt es mich wieder. Ein Sorgenkind, das war ich wohl auch für dich und deine pädagogische Ader, auf die du damals gleich am ersten Tage zu sprechen kamst, – natürlich, das ist auch einer von den Zusammenhängen, die du mich gelehrt hast, der von Humanismus und Pädagogik, – es würden mir mit der Zeit gewiß noch mehrere einfallen. Verzeih mir also und denke meiner nicht im Bösen! Dein Wohl, Herr Settembrini, sollst leben! Ich leere mein Glas zu Ehren deiner literarischen Anstrengungen zur Ausmerzung der menschlichen Leiden!“ schloß er, trank, hintenüber geneigt, mit ein paar großen Schlucken sein Weingemisch aus und stand auf. „Nun wollen wir zu den anderen hinübergehn.“

„Hören Sie, Ingenieur, was ist Ihnen in die Krone gefahren?“ sagte der Italiener, die Augen voller Erstaunen, und verließ gleichfalls den Tisch. „Das klingt wie Abschied ...“

„Nein, warum Abschied?“ wich Hans Castorp aus. Er wich nicht nur figürlich aus, mit seinen Worten, sondern auch körperlich, indem er mit dem Oberkörper einen Bogen beschrieb, und hielt sich an die Lehrerin, Fräulein Engelhart, die eben kam, sie zu holen. Der Hofrat verzapfe im Klavierzimmer mit eigener Hand einen Fastnachtspunsch, den die Verwaltung gestiftet habe, meldete sie. Die Herren, sagte sie, möchten gleich kommen, wenn sie auch noch ein Glas zu erwischen wünschten. So gingen sie hinüber.

Wirklich stand dort drinnen, umdrängt von der Gästeschaft, die ihm kleine Henkelgläser entgegenhielt, Hofrat Behrens an dem runden Tisch in der Mitte, der weiß gedeckt war, und hob mit einem Schöpflöffel dampfendes Getränk aus einer Terrine. Auch er hatte sein Äußeres ein wenig karnevalistisch aufgemuntert, indem er nämlich zu dem klinischen Kittel, den er auch heute trug, da seine Tätigkeit ja niemals ruhte, einen echten türkischen Fez, karminrot, mit schwarzer Troddel, die ihm über das Ohr baumelte, aufgesetzt hatte, – Kostüm genug für ihn, dies beides zusammen; es reichte hin, seine ohnehin markante Erscheinung ins durchaus Wunderliche und Ausgelassene zu steigern. Der weiße Langkittel übertrieb des Hofrats Größe; brachte man die Nackenbeugung in Anschlag, indem man sie in Gedanken beseitigte und seine Gestalt zur vollen Höhe aufrichtete, so erschien er geradezu überlebensgroß, mit kleinem, buntem Kopf von eigentümlichstem Gepräge. Dem jungen Hans Castorp wenigstens war dies Gesicht noch nie so sonderbar vorgekommen, wie heute unter der närrischen Bedeckung: diese stutznäsig flache und bläulich hitzige Physiognomie, in der unter weißblonden Brauen die blauen Augen tränend quollen und über dem bogenförmigen, nach oben sich bäumenden Mund das helle und schief geschürzte Schnurrbärtchen stand. Abgeneigt von dem Dampfe, der vor ihm aus der Terrine wirbelte, ließ er das braune Getränk, einen zuckerigen Arrak-Punsch, im Bogen aus der Schöpfkelle in die dargereichten Gläser rinnen, unaufhörlich in seinem aufgeräumten Kauderwelsch sich ergehend, sodaß Lachsalven rund um den Tisch den Ausschank begleiteten.

„Herr Urian sitzt oben auf“, erläuterte Settembrini leise mit einer Handbewegung gegen den Hofrat und wurde dann nach Hans Castorps Seite fortgezogen. Auch Dr. Krokowski war anwesend. Klein, stämmig und kernig, sein schwarzes Lüsterhemd mit leeren Ärmeln um die Schultern gehängt, sodaß es dominoartig wirkte, hielt er sein Glas mit gedrehter Hand in Augenhöhe und plauderte fröhlich mit einer Gruppe von Masken travestierten Geschlechts. Musik setzte ein. Die Patientin mit dem Tapirgesicht spielte, von dem Mannheimer pianistisch begleitet, auf der Geige das Largo von Händel und danach eine Sonate von Grieg, deren Charakter national und salonmäßig war. Man applaudierte wohlwollend, auch an den beiden Bridge-Tischen, die aufgeschlagen waren, und an denen Maskierte und Unmaskierte saßen, Flaschen in Eiskühlern neben sich. Die Türen standen offen; auch in der Halle hielten sich Gäste auf. Eine Gruppe um den Rundtisch mit der Bowle sah dem Hofrat zu, der den Anführer zu einem Gesellschaftsspiel machte. Er zeichnete mit geschlossenen Augen, im Stehen, über den Tisch gebückt, dabei aber zurückgelegten Kopfes, damit alle sehen konnten, daß er die Augen geschlossen hielt, zeichnete auf die Rückseite einer Visitenkarte mit Bleistift blindlings eine Figur, – es waren die Umrisse eines Schweinchens, die seine riesige Hand ohne Zuhilfenahme der Augen hinmalte, eines Schweinchens im Profil, – etwas einfach und mehr ideell als lebenswahr, aber es war unverkennbar die Grundgestalt eines Schweinchens, die er unter so erschwerenden Bedingungen zusammenzog. Das war ein Kunststück, und er konnte es. Das Schlitzäuglein kam ungefähr dort zu sitzen, wohin es gehörte, etwas zu weit vorn am Rüssel, aber doch ungefähr an seinen Platz; es verhielt sich nicht anders mit dem Spitzohr am Kopf, den Beinchen, die an dem gerundeten Bäuchlein hingen; und als Fortsetzung der ebenso gerundeten Rückenlinie ringelte das Schwänzchen sich sehr artig in sich selber. Man rief „Ah!“ als das Werk getan, und drängte sich zu dem Versuch, von Ehrgeiz ergriffen, es dem Meister gleichzutun. Allein die Wenigsten hätten ein Schweinchen mit offenen Augen zu zeichnen vermocht, geschweige bei geschlossenen. Was kamen da für Mißgeburten zustande! Es fehlte an allem Zusammenhang. Das Äuglein fiel außerhalb des Kopfes, die Beinchen ins Innere des Wanstes, der seinerseits weit entfernt war, sich zu schließen, und das Schwänzchen ringelte sich irgendwo abseits, ganz ohne organische Beziehung zur verworrenen Hauptgestalt, als selbständige Arabeske. Man wollte sich ausschütten vor Lachen. Die Gruppe fand Zuzug. Aufsehen entstand an den Bridgetischen, und die Spieler kamen, ihre Karten fächerförmig in der Hand, neugierig herüber. Die Umstehenden sahen dem, der sich erprobte, auf die Augenlider, ob er nicht blinzle, wozu einige durch das Gefühl ihrer Ohnmacht sich verführen ließen, kicherten und prusteten, solange er seine blinden Irrtümer beging, und brachen in Jubel aus, wenn er, die Augen aufreißend, auf sein absurdes Machwerk niederblickte. Trügerisches Selbstvertrauen trieb jeden zum Wettstreit. Die Karte, obgleich geräumig, war rasch auf beiden Seiten überfüllt, sodaß die verfehlten Figuren sich überschnitten. Aber der Hofrat opferte aus seinem Portefeuille eine zweite, auf welcher Staatsanwalt Paravant, nach heimlicher Überlegung, das Schweinchen in einem Zuge hinzumalen versuchte, – mit dem Ergebnis, daß sein Mißerfolg alle vorangegangenen übertraf: das Ornament, das er schuf, wies nicht nur mit keinem Schweinchen, sondern überhaupt mit nichts in der Welt die entfernteste Ähnlichkeit auf. Hallo, Gelächter und stürmische Glückwünsche! Man brachte Menükarten aus dem Speisesaal herzu, – so konnten nun mehrere Personen, Damen und Herren, auf einmal zeichnen, und jeder Konkurrierende hatte seine Aufpasser und Zuschauer, von denen wiederum ein jeder Anwärter auf den Stift war, der eben gehandhabt wurde. Es waren drei Bleistifte da, die man sich aus den Händen riß. Sie gehörten Gästen. Der Hofrat, nachdem er das neue Spiel in die Wege geleitet und bestens im Gange sah, war mit dem Adlaten verschwunden.

Hans Castorp, im Gedränge, sah über Joachims Schulter einem Zeichnenden zu, indem er sich mit dem Ellbogen auf diese Schulter stützte, sein Kinn mit allen fünf Fingern erfaßt hielt und die andere Hand in die Hüfte stemmte. Er redete und lachte. Er wollte ebenfalls zeichnen, verlangte laut danach und erhielt den Bleistift, ein schon ganz kurzes Ding, man konnte ihn nur noch mit Daumen und Zeigefinger führen. Er schimpfte auf den Stummel, das blinde Gesicht zur Decke erhoben, schimpfte laut und verfluchte die Undienlichkeit des Stiftes, indem er mit fliegender Hand einen gräulichen Unsinn auf den Karton warf, schließlich sogar diesen verfehlte und auf das Tischtuch geriet. „Das gilt nicht!“ rief er in das verdiente Gelächter hinein. „Wie soll man mit einem solchen – zum Teufel damit!“ Und er warf den beschuldigten Stummel in die Punschbowle. „Wer hat einen vernünftigen Bleistift? Wer leiht mir einen? Ich muß noch einmal zeichnen! Einen Bleistift, einen Bleistift! Wer hat noch einen?“ rief er nach beiden Seiten aus, den linken Unterarm noch auf die Tischplatte gestützt und die rechte Hand hoch in der Luft schüttelnd. Er bekam keinen. Da wandte er sich um und ging ins Zimmer hinein, indem er zu rufen fortfuhr, – ging gerade auf Clawdia Chauchat zu, die, wie er gewußt hatte, nicht weit von der Portiere zum kleinen Salon stand und von hier aus dem Treiben am Bowlentisch lächelnd zugesehen hatte.

Hinter sich hörte er rufen, wohllautende ausländische Worte: „Eh! Ingegnere! Aspetti! Che cosa fa! Ingegnere! Un po di raggione, sa! Ma è matto questo ragazzo!“ Aber er übertönte diese Stimme mit der seinen, und so sah man Herrn Settembrini, eine Hand mit gespreiztem Arm über den Kopf geworfen – eine in seiner Heimat übliche Gebärde, deren Sinn nicht leicht auf ein Wort zu bringen wäre, und die von einem langgezogenen „Ehh –!“ begleitet war – die Fastnachtsgeselligkeit verlassen. – Hans Castorp aber stand auf dem Klinkerhof, blickte aus nächster Nähe in die blau-grau-grünen Epicanthus-Augen über den vortretenden Backenknochen und sprach: