„Klein, aber dein“, sagte er, Stirn an Stirn mit ihr, auf den Stift hinunter mit unbewegten Lippen und folglich unter Auslassung des Labiallautes.

„Oh, auch witzig bist du“, antwortete sie mit kurzem Lachen, indem sie sich aufrichtete und ihm das Crayon nun überließ. (Übrigens mochte Gott wissen, womit er witzig war, da er ja offensichtlich keinen Tropfen Blut im Kopfe hatte.) „Also geh, spute dich, zeichne, zeichne gut, zeichne dich aus!“ Witzig auch ihrerseits schien sie ihn fortzutreiben.

„Nein, du hast noch nicht gezeichnet. Du mußt zeichnen“, sagte er unter Auslassung des m von „mußt“ und trat auf ziehende Art einen Schritt zurück.

„Ich?“ wiederholte sie wieder mit einem Erstaunen, das etwas anderem mehr als seiner Forderung zu gelten schien. In einer gewissen Verwirrung lächelnd blieb sie noch stehen, folgte aber dann seiner magnetisierenden Rückwärtsbewegung ein paar Schritte gegen den Bowlentisch.

Es zeigte sich jedoch, daß die Unterhaltung dort nicht mehr vorhielt, in den letzten Zügen lag. Jemand zeichnete noch, hatte aber keine Zuschauer mehr. Die Karten waren mit Unsinn bedeckt, jedermann hatte seine Ohnmacht erprobt, der Tisch stand fast verlassen, zumal eine Gegenströmung eingesetzt hatte. Da man gewahr geworden, daß die Ärzte fort waren, lautete plötzlich die Parole auf Tanz. Schon wurde der Tisch beiseite geschleppt. Man postierte Späher an die Türen des Schreib- und des Klavierzimmers, mit der Anweisung, durch ein Zeichen den Ball zum Stehen zu bringen, falls etwa „der Alte“, Krokowski oder die Oberin sich wieder zeigen sollten. Ein slawischer Jüngling griff mit Ausdruck in die Tastatur des kleinen Nußbaumpianinos. Die ersten Paare drehten sich im Inneren eines unregelmäßigen Kreises von Sesseln und Stühlen, auf denen Zuschauer saßen.

Hans Castorp verabschiedete sich von dem eben fortschwebenden Tisch mit der Handbewegung: „Fahr hin!“ Mit dem Kinn deutete er dann auf freie Sitzgelegenheiten, die er im kleinen Salon gewahrte, und auf die geschützte Zimmerecke rechts neben der Portiere. Er sagte nichts, vielleicht, weil ihm die Musik zu laut war. Er zog einen Stuhl – es war ein sogenannter Triumphstuhl, mit Holzrahmen und einer Plüschbespannung – für Frau Chauchat an den Ort, den er vorher pantomimisch bezeichnet hatte, und eignete sich selbst einen knisternden, krachenden Korbstuhl mit gerollten Armlehnen an, auf den er sich zu ihr setzte, gegen sie vorgebeugt, die Arme auf den Lehnen, ihr Crayon in den Händen, die Füße weit unter dem Stuhl. Sie ihrerseits lag allzu tief in dem Plüschgehänge, ihre Knie waren emporgehoben, doch schlug sie trotzdem das eine über das andere und ließ ihren Fuß in der Höhe wippen, dessen Knöchel über dem Rande des schwarzen Lackschuhs von der ebenfalls schwarzen Seide des Strumpfes überspannt war. Vor ihnen saßen andere Leute, standen auf, um zu tanzen und machten solchen Platz, die müde waren. Es war ein Kommen und Gehen.

„Du hast ein neues Kleid“, sagte er, um sie betrachten zu dürfen, und hörte sie antworten:

„Neu? Du bist bewandert in meiner Toilette?“

„Habe ich nicht recht?“

„Doch. Ich habe es mir kürzlich hier machen lassen, bei Lukaček im Dorf. Er arbeitet viel für Damen hier oben. Es gefällt dir?“