Zur Hauptprüfung hatte er scharf und anhaltend arbeiten müssen und sah, als er heimkam, denn doch noch matter aus, als es zu seinem Typus paßte. Dr. Heidekind schalt, so oft er ihn sah, und forderte Luftveränderung, das heißt: eine gründliche. Mit Norderney oder Wyk auf Föhr, sagte er, sei es dieses Mal nicht getan, und wenn man ihn frage, so gehörte Hans Castorp, bevor er auf die Werft gehe, für ein paar Wochen ins Hochgebirge.

Das sei ganz gut, sagte Konsul Tienappel zu seinem Neffen und Pflegesohn, aber dann trennten sich diesen Sommer ihre Wege, denn ihn, Konsul Tienappel, bekämen ins Hochgebirge keine vier Pferde. Das sei nichts für ihn, er brauche einen vernünftigen Luftdruck, sonst kriege er Zufälle. Ins Hochgebirge solle Hans Castorp nur freundlichst alleine reisen. Er solle doch Joachim Ziemßen besuchen.

Das war ein natürlicher Vorschlag. Joachim Ziemßen nämlich war krank, – nicht krank wie Hans Castorp, sondern auf wirklich mißliche Weise krank, es war sogar ein großer Schrecken gewesen. Schon immer hatte er zu Katarrh und Fieber geneigt, und eines Tages war richtig auch roter Auswurf dagewesen, und Hals über Kopf hatte Joachim nach Davos gehen müssen, zu seinem größten Leidwesen und Kummer, denn eben stand er am Ziel seiner Wünsche. Ein paar Semester lang hatte er nach dem Willen der Seinen Jurisprudenz studiert, aber aus unwiderstehlichem Drange hatte er umgesattelt und sich als Fahnenjunker gemeldet und war auch schon angenommen. Und nun saß er seit über fünf Monaten im Internationalen Sanatorium „Berghof“ (dirigierender Arzt: Hofrat Dr. Behrens) und langweilte sich halb zu Tode, wie er auf Postkarten schrieb. Wenn also Hans Castorp denn schon eine Kleinigkeit für sich tun wollte, bevor er bei Tunder & Wilms seinen Posten antrat, so lag nichts näher, als daß er auch dort hinauf fuhr, um seinem armen Cousin Gesellschaft zu leisten, – für beide Teile war es das angenehmste.

Es war hoher Sommer geworden, als er sich zu der Reise entschloß. Die letzten Juli-Tage waren schon da.

Er fuhr auf drei Wochen.

Drittes Kapitel

Ehrbare Verfinsterung

Hans Castorp hatte gefürchtet, die Zeit zu verschlafen, da er so überaus müde gewesen war, aber er war früher als nötig auf den Beinen und hatte Muße im Überfluß, seinen Morgengewohnheiten ausführlich nachzukommen, hochzivilisierten Gewohnheiten, unter denen eine Gummiwanne sowie eine Holzschale mit grüner Lavendelseife nebst zugehörigem Strohpinsel eine Hauptrolle spielten, – und mit den Geschäften der Säuberung und der Körperpflege das andere des Auspackens und Einräumens zu verbinden. Während er den versilberten Hobel über seine mit parfümiertem Schaum bedeckten Wangen führte, erinnerte er sich seiner verworrenen Träume und schüttelte nachsichtig lächelnd, mit dem Überlegenheitsgefühl des im Tageslicht der Vernunft sich rasierenden Menschen den Kopf über so viel Unsinn. Sehr ausgeruht fühlte er sich eben nicht, aber frisch mit dem jungen Tage.

Indes er sich die Hände trocknete, trat er mit gepuderten Backen, in seiner file d’écosse-Unterhose und roten Saffian-Pantoffeln auf den Balkon hinaus, der durchlief und nur vermittelst undurchsichtiger, nicht ganz bis zum Geländer vortretender Glaswände in einzelne Zimmerbereiche geteilt war. Der Morgen war kühl und wolkig. Gestreckte Nebelbänke lagen unbeweglich vor den seitlichen Höhen, während massiges Gewölk, weißes und graues, auf das fernere Gebirge niederhing. Flecken und Streifen von Himmelsblau waren hie und da sichtbar, und wenn ein Sonnenblick einfiel, schimmerte die Ortschaft im Talgrunde weiß gegen die dunklen Fichtenwälder der Hänge. Irgendwo gab es Morgenmusik, wahrscheinlich in demselben Hotel, wo man auch gestern abend Konzert gehabt hatte. Choral-Akkorde klangen gedämpft herüber, nach einer Pause folgte ein Marsch, und Hans Castorp, der Musik von Herzen liebte, da sie ganz ähnlich auf ihn wirkte, wie sein Frühstücksporter, nämlich tief beruhigend, betäubend, zum Dösen überredend, lauschte wohlgefällig, den Kopf auf die Seite geneigt, mit offenem Munde und etwas geröteten Augen.

Drunten schlang sich die Wegschleife zum Sanatorium herauf, die er gestern abend gekommen war. Kurzstieliger, sternförmiger Enzian stand im feuchten Grase des Abhangs. Ein Teil der Plattform war als Garten eingezäunt; dort gab es Kieswege, Blumenrabatten und eine künstliche Felsengrotte zu Füßen einer stattlichen Edeltanne. Eine mit Blech gedeckte Halle, in der Liegestühle standen, öffnete sich gegen Süden, und daneben war eine rotbraun gestrichene Flaggenstange aufgerichtet, an deren Schnur zuweilen das Fahnentuch sich entfaltete, – eine Phantasiefahne, grün und weiß, mit dem Emblem der Heilkunde, einem Schlangenstab, in der Mitte.