Der Literat hatte seine Worte mit anmutigen Handbewegungen begleitet. Nun rundete er dies Gestenspiel mit einer Gebärde ab, die auf Joachim hinwies, und sagte:

„Unser Leutnant treibt zum Dienst. Gehen wir also. Wir haben den gleichen Weg, – ‚rechtshin, welcher zu Dis, des Gewaltigen, Mauern hinanstrebt‘. Ah, Virgil, Virgil! Meine Herren, er ist unübertroffen. Ich glaube an den Fortschritt, gewiß. Aber Virgil verfügt über Beiwörter, wie kein Moderner sie hat ...“ Und während sie sich auf den Heimweg machten, fing er an, lateinische Verse in italienischer Aussprache vorzutragen, unterbrach sich jedoch, als irgendein junges Mädchen, eine Tochter des Städtchens, wie es schien, und durchaus nicht sonderlich hübsch, ihnen entgegenkam, und verlegte sich auf ein schwerenöterhaftes Lächeln und Trällern. „T, t, t“, schnalzte er. „Ei, ei, ei! La, la, la! Du süßes Käferchen, willst du die Meine sein? Seht doch, ‚es funkelt ihr Auge in schlüpfrigem Licht‘“, zitierte er – Gott wußte, was es war – und sandte dem verlegenen Rücken des Mädchens eine Kußhand nach.

Das ist ja ein rechter Windbeutel, dachte Hans Castorp, und dabei blieb er auch, als Settembrini nach seiner galanten Anwandlung wieder zu medisieren begann. Hauptsächlich hatte er es auf Hofrat Behrens abgesehen, stichelte auf den Umfang seiner Füße und hielt sich bei seinem Titel auf, den er von einem an Gehirntuberkulose leidenden Prinzen erhalten habe. Von dem skandalösen Lebenswandel dieses Prinzen spreche noch heute die ganze Gegend, aber Radamanth habe ein Auge zugedrückt, beide Augen, jeder Zoll ein Hofrat. Ob die Herren übrigens wußten, daß er der Erfinder der Sommersaison sei? Ja, er, und kein anderer. Dem Verdienste seine Krone. Früher hätten im Sommer nur die Treuesten der Treuen in diesem Tale ausgeharrt. Da habe „unser Humorist“ mit unbestechlichem Scharfblick erkannt, daß dieser Mißstand nichts als die Frucht eines Vorurteils sei. Er habe die Lehre aufgestellt, daß, wenigstens so weit sein Institut in Frage komme, die sommerliche Kur nicht nur nicht weniger empfehlenswert, sondern sogar besonders wirksam und geradezu unentbehrlich sei. Und er habe dieses Theorem unter die Leute zu bringen gewußt, habe populäre Artikel darüber verfaßt und sie in die Presse lanciert. Seitdem gehe das Geschäft im Sommer so flott wie im Winter. „Genie!“ sagte Settembrini. „In-tu-i-tion!“ sagte er. Und dann hechelte er die übrigen Heilanstalten des Platzes durch und lobte auf beißende Art den Erwerbssinn ihrer Inhaber. Da sei Professor Kafka ... Alljährlich, zur kritischen Zeit der Schneeschmelze, wenn viele Patienten abzureisen verlangten, finde Professor Kafka sich gezwungen, rasch noch auf acht Tage zu verreisen, wobei er verspreche, nach seiner Rückkehr die Entlassungen vorzunehmen. Dann aber bleibe er sechs Wochen aus, und die Ärmsten warteten, wobei sich, am Rande bemerkt, ihre Rechnungen vergrößerten. Bis nach Fiume lasse man Kafka kommen, er aber reise nicht, bevor man fünftausend gute Schweizer Franken sichergestellt, worüber vierzehn Tage vergingen. Einen Tag nach der Ankunft des Celebrissimo sterbe alsdann der Kranke. Was Doktor Salzmann betreffe, so sage er dem Professor Kafka nach, daß er seine Spritzen nicht rein genug halte und den Kranken Mischinfektionen beibringe. Er fahre auf Gummi, sage Salzmann, damit seine Toten ihn nicht hörten, – wogegen wiederum Kafka behaupte, bei Salzmann werde den Patienten „des Rebstocks erheiternde Gabe“ in solchen Mengen aufgenötigt – nämlich ebenfalls behufs Abrundung ihrer Rechnungen –, daß die Leute wie die Fliegen stürben, und zwar nicht an Phthise, sondern an Trinkerleber ...

So ging es weiter, und Hans Castorp lachte herzlich und gutmütig über diesen Sturzbach zungenfertiger Lästerungen. Die Suade des Italieners lautete eigentümlich angenehm in ihrer unbedingten, von jeder Mundart freien Reinheit und Richtigkeit. Die Worte kamen prall, nett und wie neuschaffen von seinen beweglichen Lippen, er genoß die gebildeten, bissig behenden Wendungen und Formen, deren er sich bediente, ja selbst die grammatische Beugung und Abwandlung der Wörter mit einem offensichtlichen, sich mitteilenden und heiter stimmenden Behagen und schien viel zu klaren und gegenwärtigen Geistes, um sich auch nur ein einziges Mal zu versprechen.

„Sie sprechen so drollig, Herr Settembrini,“ sagte Hans Castorp, „so lebhaft, – ich weiß nicht, wie ich es nennen soll.“

„Plastisch, wie?“ entgegnete der Italiener und fächelte sich mit dem Taschentuch, obgleich es ja eher kühl war. „Das wird das Wort sein, das Sie suchen. Ich habe eine plastische Art zu sprechen, wollen Sie sagen. Aber halt!“ rief er. „Was sehe ich! Dort wandeln unsere Höllenrichter! Welch ein Anblick!“

Die Spaziergänger hatten die Wegbiegung schon wieder zurückgelegt. War es den Reden Settembrinis, dem Gefälle der Straße zu danken, oder hatten sie sich in Wahrheit weniger weit vom Sanatorium entfernt, als Hans Castorp geglaubt hatte, – denn ein Weg, den wir zum ersten Male gehen, ist bedeutend länger als derselbe, wenn wir ihn schon kennen –: jedenfalls war der Rückmarsch überraschend geschwind vonstatten gegangen. Settembrini hatte recht, es war das Ärztepaar, das dort unten auf dem freien Platz die Rückseite des Sanatoriums entlang strebte, voran der Hofrat im weißen Kittel, mit heraustretendem Genick und die Hände wie Ruder bewegend, auf seiner Fährte Dr. Krokowski im schwarzen Überhemd und desto selbstbewußter um sich blickend, als der klinische Brauch ihn nötigte, sich auf Dienstgängen hinter dem Chef zu halten.

„Ah, Krokowski!“ rief Settembrini. „Dort geht er und weiß alle Geheimnisse unserer Damen. Man bittet, die feine Symbolik seiner Kleidung zu beachten. Er trägt sich schwarz, um anzudeuten, daß sein eigenstes Studiengebiet die Nacht ist. Dieser Mann hat in seinem Kopf nur einen Gedanken, und der ist schmutzig. Ingenieur, wie kommt es, daß wir von ihm noch gar nicht gesprochen haben! Sie haben seine Bekanntschaft gemacht?“

Hans Castorp bejahte.

„Nun, und? Ich fange an, zu vermuten, daß auch er Ihnen gefallen hat.“