Der Rest des Sonntags bot nichts Außerordentliches, abgesehen vielleicht von den Mahlzeiten, die, da sie reicher als gewöhnlich nicht wohl gestaltet werden konnten, wenigstens eine erhöhte Feinheit der Gerichte aufwiesen. (Zum Mittagessen gab es ein Chaud-froid von Hühnern, mit Krebsen und halbierten Kirschen verziert; zum Gefrorenen Patisserie in Körbchen, die aus gesponnenem Zucker geflochten waren, und dann auch noch frische Ananas.) Abends, nachdem er sein Bier getrunken, fühlte Hans Castorp sich noch erschöpfter, frostiger und schwerer von Gliedern, als die Tage vorher, sagte seinem Vetter schon gegen neun Uhr gute Nacht, zog eilig das Federbett bis über das Kinn und schlief ein wie erschlagen.

Allein schon der folgende Tag, der erste Montag also, den der Hospitant hier oben verlebte, brachte eine weitere regelmäßig wiederkehrende Abwandlung des Tageslaufes: nämlich einen jener Vorträge, die Dr. Krokowski vierzehntägig im Speisesaal vor dem gesamten volljährigen, der deutschen Sprache kundigen und nicht moribunden Publikum des „Berghofes“ hielt. Es handelte sich, wie Hans Castorp von seinem Vetter hörte, um eine Reihe zusammenhängender Kollegien, einen populär-wissenschaftlichen Kursus unter dem Generaltitel „Die Liebe als krankheitbildende Macht“. Die belehrende Unterhaltung fand nach dem zweiten Frühstück statt, und es war, wie wiederum Joachim sagte, nicht zulässig, wurde zum mindesten höchst ungern gesehen, daß man sich davon ausschlösse, – weshalb es denn auch als erstaunliche Frechheit galt, daß Settembrini, obgleich des Deutschen mächtiger als irgend jemand, die Vorträge nicht nur niemals besuchte, sondern sich auch in den abschätzigsten Äußerungen darüber erging. Was Hans Castorp betraf, so war er vor allem aus Höflichkeit, dann aber auch aus unverhohlener Neugier sofort entschlossen, sich einzufinden. Vorher jedoch tat er etwas ganz Verkehrtes und Fehlerhaftes: er ließ sich einfallen, auf eigene Hand einen ausgedehnten Spaziergang zu machen, was ihm über alles Vermuten schlecht bekam.

„Jetzt paß auf!“ waren seine ersten Worte, als Joachim morgens in sein Zimmer trat. „Ich sehe, daß es mit mir nicht so weitergeht. Ich habe die horizontale Lebensweise nun satt, – das Blut schläft einem ja dabei ein. Mit dir ist es selbstverständlich was anderes, du bist Patient, dich will ich durchaus nicht verführen. Aber ich will nun mal gleich nach dem Frühstück einen ordentlichen Spaziergang unternehmen, wenn du es mir nicht übel nimmst, so ein paar Stunden aufs Geratewohl in die Welt hinein. Ich stecke mir einen Bissen zum Frühstück in die Tasche, dann bin ich unabhängig. Wir wollen doch sehen, ob ich nicht ein anderer Kerl bin, wenn ich nach Hause komme.“

„Schön!“ sagte Joachim, da er sah, daß es dem anderen ernst war mit seinem Begehren und Vorsatz. „Aber übertreibe es nicht, das rate ich dir. Es ist hier anders als wie zu Hause. Und dann sei pünktlich zum Vortrag zurück!“

In Wirklichkeit waren es noch andere Gründe, als nur der körperliche, die dem jungen Hans Castorp sein Vorhaben eingegeben hatten. Ihm war, als ob an seinem hitzigen Kopf, dem schlechten Geschmack, den er meistens im Munde hatte, und dem willkürlichen Klopfen seines Herzens viel weniger die Schwierigkeiten der Akklimatisation schuld seien, als solche Dinge, wie das Treiben des russischen Ehepaars nebenan, die Reden der kranken und dummen Frau Stöhr bei Tische, des Herrenreiters weicher Husten, den er täglich auf den Korridoren vernahm, die Äußerungen Herrn Albins, die Eindrücke, die er von den Verkehrssitten der leidenden Jugend empfangen hatte, der Gesichtsausdruck Joachims, wenn er Marusja betrachtete, und dergleichen Wahrnehmungen mehr. Er dachte, es müsse gut sein, dem Bannkreise des „Berghofes“ einmal zu entkommen, im Freien tief aufzuatmen und sich tüchtig zu rühren, um, wenn man abends müde war, doch wenigstens zu wissen, warum. Und so trennte er sich denn unternehmend von Joachim, als dieser nach dem Frühstück seinen dienstlich abgemessenen Lustwandel nach der Bank an der Wasserrinne antrat, und marschierte stockschwenkend die Fahrstraße hinab seine eigenen Wege.

Es war ein kühler, bedeckter Morgen – gegen halb neun Uhr. Wie er es sich vorgenommen, atmete Hans Castorp tief die reine Frühluft, diese frische und leichte Atmosphäre, die mühelos einging und ohne Feuchtigkeitsduft, ohne Gehalt, ohne Erinnerungen war ... Er überschritt den Wasserlauf und das Schmalspurgeleise, gelangte auf die unregelmäßig bebaute Straße, verließ sie gleich wieder und schlug einen Wiesenpfad ein, der nur ein kurzes Stück zu ebener Erde lief und dann schräg hin und ziemlich steil den rechtsseitigen Hang emporführte. Das Steigen freute Hans Castorp, seine Brust weitete sich, er schob mit der Stockkrücke den Hut aus der Stirn, und als er, aus einiger Höhe zurückblickend, in der Ferne den Spiegel des Sees gewahrte, an dem er auf der Herreise vorübergekommen war, begann er zu singen.

Er sang die Stücke, über die er eben verfügte, allerlei volkstümlich empfindsame Lieder, wie sie in Kommers- und Turnliederbüchern stehen, unter anderem eines, worin die Zeilen vorkamen:

„Die Barden sollen Lieb und Wein,

Doch öfter Tugend preisen“ –

sang sie anfangs leise und summend, dann laut und aus ganzer Kraft. Sein Bariton war spröde, aber heute fand er ihn schön, und das Singen begeisterte ihn mehr und mehr. Hatte er zu hoch eingesetzt, so verlegte er sich auf fistelnde Kopftöne, und auch diese erschienen ihm schön. Wenn sein Gedächtnis ihn im Stiche ließ, so half er sich damit, daß er der Melodie irgendwelche sinnlose Silben und Worte unterlegte, die er nach Art der Kunstsänger formenden Mundes und mit prunkendem Gaumen-R in die Lüfte sandte, und ging schließlich dazu über, sowohl was den Text als auch was die Töne betraf, nur noch zu phantasieren und seine Produktion sogar mit opernhaften Armbewegungen zu begleiten. Da es sehr anstrengend ist, zugleich zu steigen und zu singen, so wurde ihm bald der Atem knapp und fehlte ihm immer mehr. Aber aus Idealismus, um der Schönheit des Gesanges willen, bezwang er die Not und gab unter häufigen Seufzern sein Letztes her, bis er sich endlich in äußerster Kurzluftigkeit, blind, nur ein farbiges Flimmern vor Augen und mit fliegenden Pulsen unter einer dicken Kiefer niedersinken ließ, – nach so großer Erhebung plötzlich die Beute durchgreifender Verstimmung, eines Katzenjammers, der an Verzweiflung grenzte.