Die Lehrerin dachte nach.
„Warten Sie, ich weiß ihn“, sagte sie. „Ich habe ihn gewußt. Heißt sie nicht Tatjana? Nein, das war es nicht, und auch nicht Natascha. Natascha Chauchat? Nein, so habe ichs nicht gehört. Halt, ich habe es! Awdotja heißt sie. Oder es war doch etwas in diesem Charakter. Denn Katjenka oder Ninotschka heißt sie nun einmal bestimmt nicht. Es ist mir wahrhaftig entfallen. Aber ich kann es mit Leichtigkeit in Erfahrung bringen, wenn Ihnen daran gelegen ist.“
Wirklich wußte sie am nächsten Tage den Namen. Sie sprach ihn beim Mittagessen aus, als die Glastür ins Schloß schmetterte. Frau Chauchat hieß Clawdia.
Hans Castorp verstand nicht gleich. Er ließ sich den Namen wiederholen und buchstabieren, bevor er ihn auffaßte. Dann sprach er ihn mehrmals nach, indem er dabei mit rot geäderten Augen zu Frau Chauchat hinüberblickte und ihn ihr gewissermaßen anprobierte.
„Clawdia,“ sagte er, „ja, so mag sie wohl heißen, es stimmt ganz gut.“ Er machte kein Hehl aus seiner Freude über die intime Kenntnis und sprach jetzt nur noch von „Clawdia“, wenn er Frau Chauchat meinte. „Ihre Clawdia dreht ja Brotkugeln, habe ich eben gesehen. Fein ist das nicht.“ „Es kommt darauf an, wer es tut“, antwortete die Lehrerin. „Clawdia steht es.“
Ja, die Mahlzeiten im Saal mit den sieben Tischen hatten den allergrößten Reiz für Hans Castorp. Er bedauerte es, wenn eine davon zu Ende ging, aber sein Trost war, daß er sehr bald, in zwei oder zweieinhalb Stunden, wieder hier sitzen werde, und wenn er wieder hier saß, so war es, als sei er nie aufgestanden. Was lag dazwischen? Nichts. Ein kurzer Spaziergang zum Wasserlauf oder ins Englische Viertel, ein wenig Ruhe im Stuhl. Das war keine ernste Unterbrechung, kein schwer zu nehmendes Hindernis. Etwas anderes, wenn Arbeit, irgendwelche Sorgen und Mühen sich vorgelagert hätten, die im Geiste nicht leicht zu übersehen, zu übergehen gewesen wären. Dies war jedoch nicht der Fall im klug und glücklich geregelten Leben des „Berghofs“. Hans Castorp konnte sich, wenn er von einer gemeinsamen Mahlzeit aufstand, ganz unmittelbar auf die nächste freuen, – sofern nämlich „sich freuen“ das richtige Wort war für die Art von Erwartung, mit der er dem neuen Zusammensein mit der kranken Frau Clawdia Chauchat entgegensah, und nicht ein zu leichtes, vergnügtes, einfältiges und gewöhnliches. Möglicherweise ist der Leser geneigt, nur solche Ausdrücke, nämlich vergnügte und gewöhnliche, in bezug auf Hans Castorps Person und sein Innenleben als passend und zulässig zu erachten; aber wir erinnern daran, daß er sich als ein junger Mann von Vernunft und Gewissen auf den Anblick und die Nähe Frau Chauchats nicht einfach „freuen“ konnte und, da wir es wissen müssen, stellen wir fest, daß er dies Wort, wenn man es ihm angeboten hätte, achselzuckend verworfen haben würde.
Ja, er wurde hochnäsig gegen gewisse Ausdrucksmittel, – das ist eine Einzelheit, die angemerkt zu werden verdient. Er ging umher, indes seine Wangen in trockener Hitze standen, und sang vor sich hin, sang in sich hinein, denn sein Befinden war musikalisch und sensitiv. Er summte ein Liedchen, das er, wer weiß wo und wann, in einer Gesellschaft oder bei einem Wohltätigkeitskonzert einmal von einer kleinen Sopranstimme gehört und jetzt in sich vorgefunden hatte, – einen sanften Unsinn, der anfing:
„Wie berührt mich wundersam
Oft ein Wort von dir“,
und er war im Begriffe, hinzuzusetzen: