„Messen Sie sich etwa überhaupt nie?“
„Doch, Frau Oberin. Wenn ich Fieber habe.“
„Menschenskind, man mißt sich in erster Linie, um zu sehen, ob man Fieber hat. Und jetzt haben Sie Ihrer Meinung nach keins?“
„Ich weiß nicht recht, Frau Oberin; ich kann es nicht recht unterscheiden. Ein bißchen heiß und frostig bin ich schon seit meiner Ankunft hier oben.“
„Aha. Und wo haben Sie Ihr Thermometer?“
„Ich habe keins bei mir, Frau Oberin. Wozu, ich bin ja nur zu Besuch hier, ich bin gesund.“
„Schnickschnack! Haben Sie mich gerufen, weil Sie gesund sind?“
„Nein,“ lachte er höflich, „sondern weil ich mich etwas –“
„– Erkältet habe. Solche Erkältungen sind uns schon öfter vorgekommen. Hier!“ sagte sie und kramte wieder in ihrer Tasche, um zwei längliche Lederetuis zum Vorschein zu bringen, ein schwarzes und ein rotes, die sie ebenfalls auf den Tisch legte. „Dieser hier kostet drei Franken fünfzig und der hier fünf Franken. Besser fahren Sie natürlich mit dem zu fünf. Das ist etwas fürs Leben, wenn Sie ordentlich damit umgehen.“
Er nahm lächelnd das rote Etui vom Tisch und öffnete es. Schmuck wie ein Geschmeide lag das gläserne Gerät in die genau nach seiner Figur ausgesparte Vertiefung der roten Samtpolsterung gebettet. Die ganzen Grade waren mit roten, die Zehntelgrade mit schwarzen Strichen markiert. Die Bezifferung war rot, der untere, verjüngte Teil mit spiegelig glänzendem Quecksilber gefüllt. Die Säule stand tief und kühl, weit unter dem Normalgrade tierischer Wärme.