„Und der Katarrh?“ versetzte der Hofrat ... „Wovon kommt der? Lassen Sie sich mal was erzählen, Castorp, und passen Sie auf, Sie verfügen ja über hinlänglich zahlreiche Hirnwindungen, soviel ich weiß. Also die Luft hier bei uns, die ist gut gegen die Krankheit, meinen Sie, nicht wahr? Und das ist auch so. Aber sie ist auch gut für die Krankheit, verstehen Sie mich, sie fördert sie erst einmal, sie revolutioniert den Körper, sie bringt die latente Krankheit zum Ausbruch, und so ein Ausbruch, nichts für ungut, ist Ihr Katarrh. Ich weiß nicht, ob Sie schon unten im Tieflande febril gewesen sind, aber hier oben sind Sie es jedenfalls gleich am ersten Tage geworden und nicht erst durch Ihren Katarrh, – um meine Meinung zu sagen.“
„Ja,“ sagte Hans Castorp, „ja, das glaube ich wirklich auch.“
„Sofort waren Sie wahrscheinlich beschwipst“, bekräftigte der Hofrat. „Das sind die löslichen Gifte, die von den Bakterien erzeugt werden; die wirken berauschend auf das Zentralnervensystem, verstehen Sie, und dann kriegt man heitere Bäckchen. Sie gehen nun erst einmal in die Klappe, Castorp; wir müssen sehen, ob wir Sie durch ein paar Wochen Bettruhe nüchtern kriegen. Das Weitere kann nachher kommen. Wir nehmen eine schöne Innenansicht von Ihnen auf – es wird Ihnen Spaß machen, so Einblick zu gewinnen in Ihre eigne Person. Das sage ich Ihnen aber gleich: ein Fall wie Ihrer heilt nicht von heute bis übermorgen, Reklameerfolge und Wunderkuren sind dabei nicht aufzuweisen. Es kam mir doch gleich so vor, als ob Sie ein besserer Patient sein würden, mit mehr Talent zum Kranksein, als der Brigadegeneral da, der immer gleich weg will, wenn er mal ein paar Striche weniger hat. Als ob Stillgelegen nicht ein ebenso gutes Kommando wäre wie Stillgestanden! Ruhe ist die erste Bürgerpflicht, und Ungeduld schadet bloß. Daß Sie mich also nicht enttäuschen, Castorp, und meine Menschenkenntnis nicht Lügen strafen, bitt’ ich mir aus! Und nun marsch, in die Remise mit Ihnen!“
Damit schloß Hofrat Behrens die Unterredung und setzte sich an den Schreibtisch, um als Mann von vielen Geschäften die Pause bis zur nächsten Untersuchung mit schriftlicher Arbeit auszufüllen. Dr. Krokowski aber erhob sich von seinem Platze, schritt auf Hans Castorp zu, und, den Kopf schräg zurückgelegt, eine Hand auf der Schulter des jungen Mannes und kernig lächelnd, so daß in seinem Barte die gelblichen Zähne sichtbar wurden, schüttelte er ihm herzhaft die Rechte.
Fünftes Kapitel
Ewigkeitssuppe und plötzliche Klarheit
Hier steht eine Erscheinung bevor, über die der Erzähler sich selbst zu wundern gut tut, damit nicht der Leser auf eigene Hand sich allzusehr darüber wundere. Während nämlich unser Rechenschaftsbericht über die ersten drei Wochen von Hans Castorps Aufenthalt bei denen hier oben (einundzwanzig Hochsommertage, auf die sich menschlicher Voraussicht nach dieser Aufenthalt überhaupt hatte beschränken sollen) Räume und Zeitmengen verschlungen hat, deren Ausdehnung unseren eigenen halb eingestandenen Erwartungen nur zu sehr entspricht, – wird die Bewältigung der nächsten drei Wochen seines Besuches an diesem Orte kaum so viele Zeilen, ja Worte und Augenblicke erfordern, als jener Seiten, Bogen, Stunden und Tagewerke gekostet hat: im Nu, das sehen wir kommen, werden diese drei Wochen hinter uns gebracht und beigesetzt sein.
Dies also könnte wundernehmen; und doch ist es in der Ordnung und entspricht den Gesetzen des Erzählens und Zuhörens. Denn in der Ordnung ist es und diesen Gesetzen entspricht es, daß uns die Zeit genau so lang oder kurz wird, für unser Erlebnis sich genau ebenso breit macht oder zusammenschrumpft, wie dem auf so unerwartete Art vom Schicksal mit Beschlag belegten Helden unserer Geschichte, dem jungen Hans Castorp; und es mag nützlich sein, den Leser in Ansehung des Zeitgeheimnisses auf noch ganz andere Wunder und Phänomene, als das hier auffallende, vorzubereiten, die uns in seiner Gesellschaft zustoßen werden. Für jetzt genügt es, daß jedermann sich erinnert, wie rasch eine Reihe, ja eine „lange“ Reihe von Tagen vergeht, die man als Kranker im Bette verbringt: es ist immer derselbe Tag, der sich wiederholt; aber da es immer derselbe ist, so ist es im Grunde wenig korrekt, von „Wiederholung“ zu sprechen; es sollte von Einerleiheit, von einem stehenden Jetzt oder von der Ewigkeit die Rede sein. Man bringt dir die Mittagssuppe, wie man sie dir gestern brachte und sie dir morgen bringen wird. Und in demselben Augenblick weht es dich an – du weißt nicht, wie und woher; dir schwindelt, indes du die Suppe kommen siehst, die Zeitformen verschwimmen dir, rinnen ineinander, und was sich als wahre Form des Seins dir enthüllt, ist eine ausdehnungslose Gegenwart, in welcher man dir ewig die Suppe bringt. Mit Bezug auf die Ewigkeit aber von Langerweile zu sprechen, wäre sehr paradox; und Paradoxe wollen wir meiden, besonders im Zusammenleben mit diesem Helden.
Hans Castorp also war bettlägrig seit Sonnabendnachmittag, da Hofrat Behrens, die oberste Autorität in der Welt, die uns einschließt, es so angeordnet hatte. Da lag er, sein Monogramm auf der Brusttasche seines Nachthemds, die Hände hinter dem Kopf gefaltet, in seinem reinlichen, weißen Bett, dem Totenbett der Amerikanerin und wahrscheinlich noch mancher anderen Person, und blickte mit einfachen, vom Schnupfen getrübten blauen Augen zur Zimmerdecke empor, die Sonderbarkeit seiner Lebenslage betrachtend. Dabei ist nicht anzunehmen, daß seine Augen ohne Schnupfen klar, hell und unzweideutig geblickt hätten, denn so sah es in seinem Inneren, wie einfach dieses auch sein mochte, nicht aus, sondern in der Tat sehr trübe, verworren, undeutlich-halbaufrichtig und zweifelhaft. Bald erschütterte, wie er so dalag, ein tolles, tief aufsteigendes Triumphgelächter von innen her seine Brust, und sein Herz stockte und schmerzte von einer nie gekannten, ausschweifenden Freude und Hoffnung; bald wieder erblaßte er vor Schrecken und Bangen, und es waren die Schläge des Gewissens selbst, mit denen sein Herz in raschem, fliegendem Takt gegen die Rippen pochte.
Joachim ließ ihn am ersten Tage ganz in Ruhe und vermied jede Erörterung. Schonend trat er ein paarmal ins Krankenzimmer, nickte dem Liegenden zu und fragte der guten Form wegen, ob ihm was abgehe. Übrigens fiel es ihm um so leichter, Hans Castorps Scheu vor einer Auseinandersetzung zu erkennen und zu achten, als er sie teilte und sich nach seiner Auffassung sogar in einer peinlicheren Lage befand als dieser.