„Mit welchem anderen?“

„Sei nicht so gedankenlos! Du bist doch nur auf drei Wochen eingerichtet mit deinem Kajütenkoffer. Du brauchst Wäsche, Unter- und Oberwäsche und Winterkleider, und brauchst mehr Schuhzeug. Schließlich, auch Geld mußt du dir kommen lassen.“

Wenn,“ sagte Hans Castorp, „wenn ich das alles brauche.“

„Gut, warten wir’s ab. Aber wir sollten ... nein,“ sagte Joachim und ging in Bewegung durchs Zimmer, „wir sollten uns keine Illusionen machen! Ich bin zu lange hier, um nicht Bescheid zu wissen. Wenn Behrens sagt, daß da eine rauhe Stelle ist, beinah ein Geräusch ... Aber selbstverständlich, wir können ja zusehen!“ –

Dabei blieb es für diesmal, und vorderhand traten die acht- und vierzehntägigen Abwandlungen des Normaltages in ihre Rechte, – auch in seiner gegenwärtigen Lage hatte Hans Castorp teil daran, wo nicht durch unmittelbaren Mitgenuß, so durch Berichte, die Joachim abstattete, wenn er ihn besuchte und sich für eine Viertelstunde auf seine Bettkante setzte.

Das Teebrett, worauf man ihm am Sonntagmorgen sein Frühstück brachte, war mit einem Blumenväschen geschmückt, und man hatte nicht versäumt, ihm von dem Feingebäck zu schicken, das heute im Saale gereicht wurde. Später wurde es drunten im Garten und auf der Terrasse lebendig, und mit Trara und Klarinettengenäsel setzte das vierzehntägige Sonntagskonzert ein, zu dem Joachim sich bei seinem Vetter einfand: er nahm die Darbietung bei offener Balkontür draußen in der Loge entgegen, während Hans Castorp von seinem Bette aus, halb sitzend, den Kopf auf die Seite gelegt und liebevoll-andächtig verschwimmenden Blickes den heraufdrängenden Harmonien lauschte, nicht ohne innerlich achselzuckend der Redereien Settembrinis von der „politischen Verdächtigkeit“ der Musik zu gedenken.

Im übrigen, wie wir sagten, ließ er sich von Joachim über die Erscheinungen und Veranstaltungen dieser Tage Bericht erstatten, fragte ihn aus, ob der Sonntag festliche Toiletten gebracht habe, Spitzenmatinees oder dergleichen (für Spitzenmatinees war es jedoch zu kalt gewesen); auch ob nachmittags Wagenfahrten stattgefunden hätten (wirklich waren welche unternommen worden: der Verein „Halbe Lunge“ war in corpore nach Clavadell ausgeflogen); und am Montag verlangte er, von Dr. Krokowskis Conférence zu hören, als Joachim davon zurückkehrte und, bevor er in die Mittagsliegekur ging, bei ihm vorsprach. Joachim zeigte sich mundfaul und abgeneigt, über den Vortrag zu berichten, – wie ja auch von dem vorigen weiter nicht zwischen den beiden die Rede gewesen war. Aber Hans Castorp bestand darauf, Einzelheiten zu hören. „Ich liege hier und zahle den vollen Preis“, sagte er. „Ich will auch etwas haben von dem, was geboten wird.“ Er erinnerte sich an den Montag vor vierzehn Tagen, an seinen selbständigen Spaziergang, der ihm so wenig gut getan, und gab der bestimmten Vermutung Ausdruck, daß er es eigentlich gewesen sei, der revolutionierend auf seinen Körper gewirkt und die still vorhandene Krankheit zum Ausbruch gebracht habe. „Aber wie die Leute hier reden,“ rief er; „das niedere Volk, – so würdig und feierlich: es klingt zuweilen wie Poesie. ‚Nun, so leb’ wohl und hab’ Dank!‘“ wiederholte er, indem er die Sprechweise des Holzknechtes nachahmte. „So habe ich es im Walde gehört, und ich vergesse es meiner Lebtage nicht. Dergleichen verbindet sich dann mit anderen Eindrücken oder Erinnerungen, weißt du, und man behält es bis an sein Lebensende im Ohr. – Und Krokowski hat also wieder von ‚Liebe‘ gesprochen?“ fragte er und schnitt ein Gesicht bei dem Wort.

„Selbstredend“, sagte Joachim. „Wovon denn sonst. Es ist ja nun einmal sein Thema.“

„Was sagte er denn heute davon?“

„Ach, nichts Besonderes. Du weißt ja selbst, vom vorigen Mal, wie er sich ausdrückt.“