„Mein Gott, ich sehe!“
Es dauerte eine Woche, bis Hans Castorp durch die Oberin von Mylendonk ins Durchleuchtungslaboratorium bestellt wurde. Er mochte nicht drängen. Man war beschäftigt im Hause „Berghof“, offenbar hatten Ärzte und Personal alle Hände voll zu tun. Neue Gäste waren in den letzten Tagen angelangt: zwei russische Studenten mit dickem Haar und geschlossenen schwarzen Blusen, die keinen Schimmer von Wäsche sehen ließen; ein holländisches Ehepaar, dem an Settembrinis Tische Plätze angewiesen wurden; ein buckliger Mexikaner, der die Tischgesellschaft durch furchtbare Anfälle von Atemnot in Schrecken setzte: er klammerte sich dabei mit ehernem Griff seiner langen Hände an seine Nachbarn, ob Herr oder Dame, hielt fest wie ein Schraubstock und zog die entsetzt Widerstrebenden, um Hilfe Rufenden so in seine Ängste hinein. Kurzum, der Speisesaal war beinahe voll besetzt, obgleich die Wintersaison erst mit dem Oktober begann. Und die Schwere von Hans Castorps Fall, sein Krankheitsgrad, gab ihm kaum ein Recht, besonderen Anspruch auf Beachtung zu erheben. Frau Stöhr etwa war in all ihrer Dummheit und Unbildung ohne Zweifel viel kränker als er, von Dr. Blumenkohl ganz zu schweigen. Man hätte jedes Sinnes für Rangordnung und Abstand entbehren müssen, um in Hans Castorps Fall nicht bescheidene Zurückhaltung zu üben, – besonders da eine solche Gesinnung zum Geiste des Hauses gehörte. Leichtkranke galten nicht viel, er hatte es öfters aus den Gesprächen herausgehört. Man sprach mit Geringschätzung von ihnen, nach dem hierorts geltenden Maßstab, sie wurden über die Achsel angesehen, und zwar nicht allein von den Höher- und Hochgradigen, sondern auch von solchen, die selbst nur „leicht“ waren: womit diese freilich Geringschätzung auch ihrerselbst an den Tag legten, aber eine höhere Selbstachtung retteten, indem sie dem Maßstab sich unterwarfen. So ist es menschlich. „Ach, der!“ konnten sie wohl voneinander sagen, „dem fehlt eigentlich nichts, kaum daß er das Recht hat, hier zu sein. Nicht mal eine Kaverne hat er ...“ Dies war der Geist; er war aristokratisch in seinem besonderen Sinn, und Hans Castorp salutierte ihn aus angeborener Achtung vor Gesetz und Ordnung jeder Art. Ländlich, sittlich, heißt es. Reisende zeigen sich wenig gebildet, wenn sie über die Sitten und Werte ihrer Wirtsvölker sich lustig machen, und der Eigenschaften, die Ehre schaffen, gibt es diese und jene. Sogar gegen Joachim selbst beobachtete Hans Castorp eine gewisse Ehrerbietung und Rücksicht, – nicht sowohl, weil dieser der länger Eingesessene war und sein Anleiter und Cicerone in dieser Welt –, sondern namentlich, weil er der zweifellos „Schwerere“ war. Da aber alles so lag, war es begreiflich, daß man dazu neigte, aus seinem Falle das Mögliche zu machen und in Hinsicht auf ihn auch wohl zu übertreiben, um zur Aristokratie zu gehören oder ihr näher zu kommen. Auch Hans Castorp, wenn er bei Tische gefragt wurde, nannte wohl ein paar Striche mehr, als er in Wahrheit gemessen, und konnte unmöglich umhin, sich geschmeichelt zu fühlen, wenn man ihm mit dem Finger drohte, wie einem, der es faustdick hinter den Ohren hat. Aber auch, wenn er ein wenig auftrug, blieb er immer noch, eigentlich gesprochen, eine Person von geringen Graden, und so waren Geduld und Zurückhaltung denn sicherlich das ihm zukommende Betragen.
Er hatte die Lebensweise seiner ersten drei Wochen, dies schon vertraute, gleichmäßige und genau geregelte Leben an Joachims Seite wieder aufgenommen, und es ging wie am Schnürchen vom ersten Tage an, als sei es nie unterbrochen worden. In der Tat war diese Unterbrechung nichtig gewesen; er bekam es gleich gelegentlich seines ersten Wiedererscheinens bei Tische deutlich zu spüren. Zwar hatte Joachim, der auf solche Markierungen ein ganz bestimmtes und geflissentliches Gewicht legte, Sorge getragen, daß ein paar Blumen den Platz des Erstandenen schmückten. Aber die Begrüßung durch die Tischgenossen war wenig festlich, unterschied sich von früheren, denen eine Trennung nicht von drei Wochen, sondern von drei Stunden vorangegangen war, nur unwesentlich: weniger aus Gleichgültigkeit gegen seine einfache und sympathische Person und weil diese Leute allzusehr mit sich selbst, das heißt: mit ihrem interessanten Körper beschäftigt waren, als darum, weil ihnen die Zwischenzeit nicht bewußt geworden war. Und Hans Castorp konnte ihnen darin ohne Schwierigkeit folgen, denn er selbst saß an seinem Platz am Tischende, zwischen der Lehrerin und Miß Robinson, nicht anders, als habe er spätestens gestern zuletzt hier gesessen.
Wenn man aber am Tische selbst von der Beendigung seiner Zurückgezogenheit nicht viel Aufhebens gemacht hatte, – wie hätte man im weiteren Saal welches davon machen sollen? Dort hatte buchstäblich niemand auch nur Notiz davon genommen, – mit alleiniger Ausnahme Settembrinis, der nach Schluß der Mahlzeit zu spaßhaft-freundschaftlicher Begrüßung herangekommen war. Hans Castorp hätte freilich noch eine weitere Einschränkung gemacht, deren Berechtigung wir dahinstellen müssen. Er behauptete bei sich, daß Clawdia Chauchat sein Wiedererscheinen bemerkt –, gleich bei ihrem, wie immer, verspäteten Eintreten, nach dem Zufallen der Glastür, ihren schmalen Blick habe auf ihm ruhen lassen, dem er mit seinem begegnet war, und kaum, daß sie sich niedergesetzt, noch einmal über die Schulter sich lächelnd nach ihm umgesehen habe: lächelnd, wie vor drei Wochen, bevor er zur Untersuchung gegangen. Und eine so unverhohlene und rücksichtslose Bewegung war das gewesen – rücksichtslos in betreff seinerselbst wie auch der übrigen Gästeschaft –, daß er nicht gewußt hatte, ob er sich darüber entzücken oder es als ein Zeichen von Geringschätzung verstehen und sich darüber ärgern sollte. Auf jeden Fall hatte sein Herz sich zusammengekrampft unter diesen Blicken, welche die zwischen der Kranken und ihm obwaltende gesellschaftliche Unbekanntschaft auf eine in seinen Augen ungeheuerliche und berauschende Weise verleugnet und Lügen gestraft hatte, – sich fast schmerzhaft zusammengekrampft schon, als die Glastür klirrte, denn auf diesen Augenblick hatte er mit kurz gehendem Atem gewartet.
Es will nachgetragen sein, daß Hans Castorps innere Beziehungen zu der Patientin vom Guten Russentisch, die Teilnahme seiner Sinne und seines bescheidenen Geistes an ihrer mittelgroßen, weich schleichenden, kirgisenäugigen Person, kurzum seine Verliebtheit (das Wort habe Statt, obgleich es ein Wort von „unten“, ein Wort der Ebene ist und die Vorstellung erwecken könnte, als sei das Liedchen „Wie berührt mich wundersam“ hier irgendwie anwendbar gewesen) – während seiner Zurückgezogenheit sehr starke Fortschritte gemacht hatte. Ihr Bild hatte ihm vorgeschwebt, wenn er, frühwach, in das sich zögernd entschleiernde Zimmer, oder, am Abend, in die dichter werdende Dämmerung geblickt hatte (auch zu jener Stunde, als Settembrini unter plötzlichem Aufflammen des Lichtes bei ihm eingetreten war, hatte es ihm überaus deutlich vorgeschwebt, und dies war der Grund gewesen, weshalb er bei dem Anblick des Humanisten errötet war); an ihren Mund, ihre Wangenknochen, ihre Augen, deren Farbe, Form, Stellung ihm in die Seele schnitt, ihren schlaffen Rücken, ihre Kopfhaltung, den Halswirbel im Nackenausschnitt ihrer Bluse, ihre von dünnster Gaze verklärten Arme hatte er gedacht während der einzelnen Stunden des zerkleinerten Tages, – und wenn wir verschwiegen, daß dies das Mittel gewesen, wodurch ihm die Stunden so mühelos vergingen, so geschah es, weil wir sympathisch teilnehmen an der Gewissensunruhe, die sich in das erschreckende Glück dieser Bilder und Gesichte mischte. Ja, es war Schreck, Erschütterung damit verbunden, eine ins Unbestimmte, Unbegrenzte und vollständig Abenteuerliche ausschweifende Hoffnung, Freude und Angst, die namenlos war, aber des jungen Mannes Herz – sein Herz im eigentlichen und körperlichen Sinn – zuweilen so jäh zusammenpreßte, daß er die eine Hand in die Gegend dieses Organs, die andere aber zur Stirn führte (sie wie einen Schirm über die Augen legte) und flüsterte:
„Mein Gott!“
Denn hinter der Stirn waren Gedanken oder Halbgedanken, die den Bildern und Gesichten ihre zu weit gehende Süßigkeit eigentlich erst verliehen, und die sich auf Madame Chauchats Nachlässigkeit und Rücksichtslosigkeit bezogen, auf ihr Kranksein, die Steigerung und Betonung ihres Körpers durch die Krankheit, die Verkörperlichung ihres Wesens durch die Krankheit, an der er, Hans Castorp, laut ärztlichen Spruches nun teilhaben sollte. Er begriff hinter seiner Stirn die abenteuerliche Freiheit, mit der Frau Chauchat durch ihr Umblicken und Lächeln die zwischen ihnen bestehende gesellschaftliche Unbekanntschaft außer acht ließ, so, als seien sie überhaupt keine gesellschaftlichen Wesen und als sei es nicht einmal nötig, daß sie miteinander sprächen ... und ebendies war es, worüber er erschrak: in demselben Sinne erschrak wie damals im Untersuchungszimmer, als er von Joachims Oberkörper eilig suchend zu seinen Augen emporgeblickt hatte, – mit dem Unterschiede, daß damals Mitleid und Sorge die Gründe seines Erschreckens gewesen, hier aber ganz anderes im Spiele war.
Nun also ging das Berghof-Leben, dies gunstreiche und wohlgeregelte Leben auf engem Schauplatz wieder seinen gleichmäßigen Gang, – Hans Castorp, in Erwartung der Innenaufnahme, fuhr fort, es mit dem guten Joachim zu teilen, indem er es Stunde für Stunde genau so trieb wie dieser; und diese Nachbarschaft war wohl gut für den jungen Mann. Denn obgleich es nur eine Krankennachbarschaft war, so war viel militärische Ehrbarkeit darin: eine Ehrbarkeit, die freilich, ohne es gewahr zu werden, schon im Begriffe stand, im Kurdienste Genüge zu finden, so daß dieser gleichsam zum Ersatzmittel tiefländischer Pflichterfüllung und zum untergeschobenen Berufe wurde, – Hans Castorp war nicht so dumm, es nicht ganz genau zu bemerken. Doch aber fühlte er wohl ihre zügelnde, zurückhaltende Wirkung auf sein zivilistisches Gemüt, – sogar mochte es diese Nachbarschaft sein, ihr Beispiel und die Beaufsichtigung durch sie, was ihn von äußeren Schritten und blinden Unternehmungen zurückhielt. Denn er sah wohl, was der brave Joachim von einer gewissen, täglich auf ihn eindringenden Apfelsinenatmosphäre, worin es runde braune Augen, einen kleinen Rubin, viel schwach gerechtfertigte Lachlust und eine äußerlich wohlgebildete Brust gab, auszustehen hatte, und die Vernunft und Ehrliebe, mit der Joachim den Einfluß dieser Atmosphäre scheute und floh, ergriff Hans Castorp, hielt ihn selbst in einiger Zucht und Ordnung und hinderte ihn, sich von der Schmaläugigen sozusagen „einen Bleistift zu leihen“, – wozu er ohne die disziplinierende Nachbarschaft aller Erfahrung nach sehr bereitgewesen wäre.
Joachim sprach niemals von der lachlustigen Marusja, und so verbot es sich auch für Hans Castorp, mit ihm von Clawdia Chauchat zu sprechen. Er hielt sich schadlos durch verstohlenen Austausch mit der Lehrerin zu seiner Rechten bei Tische, wobei er das alte Mädchen durch Neckereien mit ihrer Schwäche für die schmiegsame Kranke zum Erröten brachte und unterdessen die Kinn- und Würdenstütze des alten Castorp nachahmte. Auch drang er in sie, über Madame Chauchats persönliche Verhältnisse, über ihre Herkunft, ihren Mann, ihr Alter, die Art ihres Krankheitsfalles Neues und Wissenswertes in Erfahrung zu bringen. Ob sie denn Kinder habe, wollte er wissen. – Aber nein doch, sie hatte keine. Was sollte eine Frau wie sie wohl mit Kindern beginnen? Wahrscheinlich war es ihr streng untersagt, welche zu haben – und andererseits: was würden denn das auch wohl für Kinder sein? Hans Castorp mußte dem beipflichten. Nachgerade sei es auch wohl zu spät dafür, vermutete er mit gewaltsamer Sachlichkeit. Zuweilen, im Profil, scheine Madame Chauchats Gesicht ihm fast schon ein wenig scharf. Ob sie wohl über dreißig sei? – Fräulein Engelhart widersprach heftig. Clawdia dreißig? Allerschlimmstenfalls sei sie achtundzwanzig. Und was das Profil betraf, so verbot sie ihrem Tischnachbar, so etwas zu sagen. Clawdias Profil sei von der weichsten Jugendlichkeit und Süße, wenn es natürlich auch ein interessantes Profil sei und nicht das irgendeiner gesunden Gans. Und zur Strafe fügte Fräulein Engelhart ohne Pause hinzu, sie wisse, daß Frau Chauchat öfters Herrenbesuch empfange, den Besuch eines in „Platz“ wohnenden Landsmannes: sie empfange ihn nachmittags auf ihrem Zimmer.
Das war gut gezielt. Hans Castorps Gesicht verzerrte sich gegen alle Bemühung, und auch die auf „Was nicht gar“ und „Sehe einer an“ gestimmten Redensarten, mit denen er die Eröffnung zu behandeln versuchte, waren verzerrt. Unfähig, das Vorhandensein dieses Landsmannes auf die leichte Achsel zu nehmen, wie er sich anfangs den Anschein hatte geben wollen, kam er mit zuckenden Lippen beständig auf ihn zurück. Ein jüngerer Mann? – Jung und ansehnlich, nach allem, was sie höre, erwiderte die Lehrerin; denn nach eigenem Augenschein konnte sie nicht urteilen. – Krank? – Höchstens leichtkrank! – Er wolle hoffen, sagte Hans Castorp höhnisch, daß mehr Wäsche an ihm zu sehen sei als bei den Landsleuten am Schlechten Russentisch, – wofür die Engelhart, noch immer zur Strafe, einstehen zu wollen erklärte. Da gab er zu, es sei eine Angelegenheit, um die man sich kümmern müsse, und beauftragte sie ernstlich, in Erfahrung zu bringen, was es mit diesem aus und ein gehenden Landsmann auf sich habe. Statt ihm aber Nachrichten hierüber zu bringen, wußte sie einige Tage später etwas völlig Neues.