Schon nach anderthalb Minuten änderte sie ihre Haltung, blickte um sich, stand auf mit einer Miene, als wisse sie nicht, woran sie sei und wohin sie sich zu wenden habe – und begann zu sprechen. Sie fragte etwas, richtete eine Frage an Joachim, obgleich dieser in seine illustrierte Zeitung vertieft schien, während Hans Castorp unbeschäftigt dasaß, – bildete Worte mit ihrem Munde und gab Stimme dazu aus ihrer weißen Kehle: es war die nicht tiefe, aber eine kleine Schärfe enthaltende, angenehm belegte Stimme, die Hans Castorp kannte – von langer Hand her kannte und einmal sogar aus unmittelbarer Nähe vernommen hatte: damals, als mit dieser Stimme für ihn selbst gesagt worden war: „Gern. Du mußt ihn mir nach der Stunde aber bestimmt zurückgeben.“ Das war jedoch fließender und bestimmter hingesprochen worden; jetzt kamen die Worte etwas schleppend und gebrochen, die Sprechende hatte kein natürliches Anrecht darauf, sie lieh sie nur, wie Hans Castorp sie schon ein paarmal hatte tun hören, mit einer Art von Überlegenheitsgefühl, das aber von demütigem Entzücken umwogt war. Eine Hand in der Tasche ihrer Wolljacke und die andere am Hinterkopf, fragte Frau Chauchat:

„Ich bitte, auf wieviel Uhr sind Sie bestellt?“

Und Joachim, der einen schnellen Blick auf seinen Vetter geworfen hatte, antwortete, indem er sitzend die Absätze zusammenzog:

„Auf halb vier Uhr.“

Sie sprach wieder:

„Ich auf drei Viertel. Was gibt es denn? Es ist gleich vier. Es sind Personen eben noch eingetreten, nicht wahr?“

„Ja, zwei Personen“, antwortete Joachim. „Sie waren vor uns an der Reihe. Der Dienst hat Verspätung. Es scheint, das Ganze hat sich um eine halbe Stunde verschoben.“

„Das ist unangenehm!“ sagte sie und betastete nervös ihr Haar.

„Eher“, erwiderte Joachim. „Wir warten auch schon fast eine halbe Stunde.“

So sprachen sie miteinander, und wie im Traum hörte Hans Castorp zu. Daß Joachim mit Frau Chauchat sprach, war beinahe dasselbe, wie wenn er selbst mit ihr gesprochen hätte, – wenn freilich auch wieder etwas ganz und gar anderes. Das „Eher“ hatte Hans Castorp beleidigt, es kam ihm frech und mindestens befremdend gleichmütig vor in Anbetracht der Umstände. Aber Joachim konnte am Ende so sprechen, – er konnte überhaupt mit ihr sprechen und tat sich vielleicht vor ihm noch etwas zugute darauf mit seinem kecken „Eher“, – ungefähr wie er selbst vor Joachim und Settembrini sich aufgespielt hatte, als man ihn gefragt, wie lange er zu bleiben gedenke und er „drei Wochen“ geantwortet hatte. An Joachim, obgleich er die Zeitung vor das Gesicht gehalten, hatte sie sich gewandt mit ihrer Anrede, – gewiß weil er der älter Eingesessene, ihr länger von Ansehen Bekannte war; aber doch auch aus jenem anderen Grunde, weil ein Verkehr auf gesittetem Fuße, ein artikulierter Austausch in ihrem Falle am Platze war und nichts Wildes, Tiefes, Schreckliches und Geheimnisvolles zwischen ihnen waltete. Hätte jemand Braunäugiges mit Rubinring und Orangenparfüm hier mit ihnen gewartet, so wäre es an ihm, Hans Castorp, gewesen, das Wort zu führen und „Eher“ zu sagen, – unabhängig und rein, wie er ihr gegenüberstand. „Gewiß, eher unangenehm, wertes Fräulein!“ hätte er gesagt und vielleicht sein Taschentuch mit einem Schwung aus der Brusttasche gezogen, um sich zu schneuzen. „Bitte, Geduld zu üben. Wir sind in keiner besseren Lage.“ Und Joachim hätte gestaunt über seine Leichtlebigkeit, – wahrscheinlich aber, ohne sich ernstlich an seine Stelle zu wünschen. Nein, auch Hans Castorp war nicht eifersüchtig auf Joachim, wie die Dinge lagen, obgleich dieser es war, der mit Frau Chauchat sprechen durfte. Er war einverstanden damit, daß sie sich an ihn gewandt hatte; sie hatte den Umständen Rechnung getragen, indem sie es tat, und so zu erkennen gegeben, daß sie sich dieser Umstände bewußt war ... Sein Herz hämmerte.