„Zu sehr en philosophe für deinen Geschmack, Clawdia, nicht?“
„Laß die Impertinenzen! Das wird langweilig. Daß du gewartet hast, war dumm und unerlaubt. Aber du bist mir nicht böse, weil du umsonst gewartet hast?“
„Nun, es war etwas hart, Clawdia, auch für einen Menschen von phlegmatischen Leidenschaften, – hart für mich und hart von dir, daß du mit ihm zusammen kamst, denn natürlich wußtest du durch Behrens, daß ich hier war und auf dich wartete. Aber ich sagte dir ja, daß ich sie nur als eine Traumnacht auffasse, die unsrige, und daß ich dir deine Freiheit zugestehe. Schließlich habe ich ja nicht umsonst gewartet, denn du bist wieder da, wir sitzen beieinander wie damals, ich höre die wunderbare Schärfe deiner Stimme, von langer Hand vertraut meinem Ohr, und unter dieser weiten Seide sind deine Arme, die ich kenne, – wenn freilich oben auch dein Reisebegleiter im Fieber liegt, der große Peeperkorn, der dir diese Perlen geschenkt hat ...“
„Und mit dem Sie um Ihrer Bereicherung willen so gute Freundschaft halten.“
„Nimms mir nicht übel, Clawdia! Auch Settembrini hat mich deswegen gescholten, aber das ist doch nur ein gesellschaftliches Vorurteil. Der Mann ist ein Gewinn, – in Gottes Namen, er ist ja eine Persönlichkeit! Daß er in Jahren ist, – nun ja. Ich würde es trotzdem ganz begreifen, wenn du als Frau ihn ungeheuer liebtest. Du liebst ihn also sehr?“
„Dein Philosophentum in Ehren, deutsches Hänschen“, sagte sie, indem sie ihm über das Haar strich, „aber ich würde es nicht für mähnschlich halten, dir von meiner Liebe zu ihm zu sprechen!“
„Ach, Clawdia, warum nicht. Ich glaube, die Menschlichkeit fängt an, wo ungeniale Leute glauben, daß sie aufhört. Laß uns doch ruhig von ihm reden! Du liebst ihn leidenschaftlich?“
Sie beugte sich vor, um die ausgerauchte Zigarette seitlich in den Kamin zu werfen und saß dann mit verschränkten Armen.
„Er liebt mich“, sagte sie, „und seine Liebe macht mich stolz und dankbar und ihm ergeben. Du wirst das verstehen, oder du bist der Freundschaft nicht würdig, die er dir widmet ... Sein Gefühl zwang mich, ihm zu folgen und ihm zu dienen. Wie denn wohl sonst? Urteile selbst! Ist es denn mähnschenmöglich, sich über sein Gefühl hinwegzusetzen?“
„Unmöglich!“ bestätigte Hans Castorp. „Nein, das war selbstverständlich ganz ausgeschlossen. Wie sollte eine Frau es wohl fertigbringen, sich über sein Gefühl hinwegzusetzen, über seine Angst um das Gefühl, ihn sozusagen in Gethsemane im Stich zu lassen ...“