„Ich sage nicht,“ versetzte Hans Castorp, „ich sage nicht, daß sie sie jemals geteilt hat. Das ist wenig glaubwürdig. Wir haben diesen Gegenstand vorhin theoretisch berührt, als wir von der reaktiven Natur der Frauen sprachen. An mir ist natürlich nicht viel zu lieben. Was habe denn ich für ein Format, – urteilen Sie selbst! Wenn es da zu einem – einem neunundzwanzigsten Februar kommen konnte, so ist das einzig und allein der weiblichen Bestechlichkeit durch die primäre Wahl des Mannes zuzuschreiben, – wozu ich bemerken möchte, daß ich mir renommistisch und geschmacklos vorkomme, indem ich mich einen ‚Mann‘ nenne, aber Clawdia ist jedenfalls eine Frau.“

„Sie folgte dem Gefühl“, murmelte Peeperkorn mit zerrissenen Lippen.

„Wie sie es in Ihrem Falle weit gehorsamer tat“, sagte Hans Castorp, „und wie sie es aller Wahrscheinlichkeit nach schon manches liebe Mal getan hat, – darüber muß jeder sich klar sein, der in die Lage kommt –“

„Halt!“ sprach Peeperkorn, immer noch abgewandt, aber mit einer Gebärde der flachen Hand gegen seinen Unterredner. „Sollte es nicht gemein sein, daß wir so über sie sprechen?“

„Doch nicht, Mynheer Peeperkorn. Nein, da glaube ich Sie völlig beruhigen zu können. Es ist ja von menschlichen Dingen die Rede, – das Wort „menschlich“ im Sinne der Freiheit und der Genialität genommen, – verzeihen Sie den möglicherweise etwas geschraubten Ausdruck, aber der Bedarfsfall brachte mich kürzlich dazu, ihn mir anzueignen.“

„Gut, fahren Sie fort!“ befahl Peeperkorn leise.

Auch Hans Castorp sprach leise, auf der Kante seines Stuhles am Bette sitzend, gegen den königlichen alten Mann geneigt, die Hände zwischen den Knien.

„Denn sie ist ja eine geniale Existenz,“ sagte er, „und der Mann hinter dem Kaukasus – Sie wissen doch wohl, daß sie einen Mann hinter dem Kaukasus hat – bewilligt ihr ihre Freiheit und Genialität, sei es aus Stumpfheit, sei es aus Intelligenz, ich kenne den Burschen nicht. Jedenfalls tut er wohl daran, sie ihr zu bewilligen, denn es ist die Krankheit, die sie ihr verleiht, das geniale Prinzip der Krankheit, dem sie untersteht, und jeder, der in die Lage kommt, wird gut tun, seinem Beispiel zu folgen und sich nicht zu beklagen, weder rückwärts noch vorwärts ...“

„Sie beklagen sich nicht?“ fragte Peeperkorn und wandte ihm das Antlitz zu ... Es schien fahl in der Dämmerung; die Augen blickten bleich und matt unter der idolhaften Stirnlineatur, der große, zerrissene Mund stand halb geöffnet wie bei einer tragischen Maske.

„Ich dachte nicht,“ antwortete Hans Castorp bescheiden, „daß es sich um mich handle. Meine Worte bezwecken, daß Sie sich nicht beklagen, Mynheer Peeperkorn, und mir nicht um früherer Vorkommnisse willen Ihr Wohlwollen entziehen. Darauf kommt es mir an in dieser Stunde.“