Nun war denn also der Plan eines Ausflugs zum Wasserfall an der Tagesordnung, – Peeperkorn selbst hatte das Ziel bestimmt, und er fühlte sich rüstig zu dem Unternehmen. Es war der dritte Tag nach einem Quartananfall; Mynheer ließ wissen, daß er ihn zu nutzen wünsche. Zwar war er zu den ersten Mahlzeiten des Tages nicht im Speisesaal erschienen, sondern hatte sie, wie in letzter Zeit sehr häufig, zusammen mit Madame Chauchat in seinem Salon eingenommen; aber schon beim ersten Frühstück hatte Hans Castorp durch den hinkenden Concierge Order empfangen, sich eine Stunde nach dem Mittagessen zu einer Spazierfahrt bereitzuhalten, ferner, diesen Befehl an die Herren Ferge und Wehsal weiterzugeben, auch Settembrini und Naphta zu benachrichtigen, daß man bei ihnen vorfahren werde, und endlich für die Bestellung zweier Landauer auf drei Uhr Sorge zu tragen.
Um diese Stunde traf man sich vor dem Portal von Haus „Berghof“: Hans Castorp, Ferge und Wehsal erwarteten dort die Herrschaften aus den Fürstenzimmern, indem sie sich damit unterhielten, die Pferde zu tätscheln, die ihnen mit schwarzen, feuchten, plumpen Lippen Zuckerstücke von der flachen Hand nahmen. Die Reisegenossen erschienen mit nur leichter Verspätung auf der Freitreppe. Peeperkorn, dessen Königshaupt schmäler geworden schien, lüftete, dort oben in langem, etwas abgetragenem Ulster an der Seite Clawdias stehend, seinen weichen, runden Hut, und seine Lippen bildeten unhörbar ein allgemeines Begrüßungswort. Dann wechselte er einen Händedruck mit jedem der drei Herren, die dem Paar bis zum Fuße der Stufen entgegenkamen.
„Junger Mann,“ sagte er dabei zu Hans Castorp, indem er ihm die linke Hand auf die Schulter legte, „... wie geht es, mein Sohn?“
„Verbindlichsten Dank! Und andererseits?“ erwiderte der Gefragte ...
Die Sonne schien, es war ein schöner, blanker Tag, aber man hatte doch gut getan, Übergangspaletots anzulegen: im Fahren würde man es zweifellos kühl haben. Auch Madame Chauchat trug einen warmen Gurtmantel aus faserigem, groß kariertem Stoff und sogar ein wenig Pelz um die Schultern. Den Rand ihres Filzhutes hatte sie mit einem unter dem Kinn gebundenen olivenfarbenen Schleier seitlich niedergebogen, was ihr so reizend stand, daß es die Mehrzahl der Anwesenden geradezu schmerzte, – nur Ferge nicht, den einzigen, der nicht verliebt in sie war; und diese seine Unbefangenheit hatte zur Folge, daß ihm bei der vorläufigen Verteilung der Plätze, bis die Externen zur Gesellschaft stoßen würden, der Rücksitz gegenüber Mynheer und Madame im ersten Landauer zufiel, während Hans Castorp, nicht ohne ein spöttisches Lächeln Clawdias aufgefangen zu haben, mit Ferdinand Wehsal das zweite Gefährt bestieg. Die schmächtige Person des malaiischen Kammerdieners nahm teil an dem Ausflug. Mit einem geräumigen Korbe, unter dessen Deckel die Hälse zweier Weinflaschen hervorragten, und den er unter dem Rücksitz des vorderen Landauers verwahrte, war er hinter seiner Herrschaft erschienen, und in dem Augenblick, als er zur Seite des Kutschers die Arme gekreuzt hatte, erhielten die Pferde ihr Zeichen, und mit angezogenen Bremsen setzten die Wagen sich die Wegschleife hinab in Bewegung.
Auch Wehsal hatte Frau Chauchats Lächeln bemerkt, und die verdorbenen Zähne zeigend, äußerte er sich darüber gegen seinen Fahrtgenossen.
„Haben Sie gesehen,“ fragte er, „wie sie sich über Sie lustig machte, weil Sie allein mit mir fahren müssen? Ja, ja, wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Ärgert und ekelt es Sie sehr, so neben mir zu sitzen?“
„Nehmen Sie sich zusammen, Wehsal, und reden Sie nicht so niederträchtig!“ verwies ihn Hans Castorp. „Frauen lächeln bei jeder Gelegenheit, nur um des Lächelns willen; es ist nutzlos, sich jedesmal Gedanken darüber zu machen. Was krümmen Sie sich immer so? Sie haben, wie wir alle, Ihre Vorzüge und Nachteile. Zum Beispiel spielen Sie sehr hübsch aus dem ‚Sommernachtstraum‘, das kann nicht jeder. Sie sollten es nächstens mal wieder tun.“
„Ja, da reden Sie mir nun so von oben herab zu“, erwiderte der elende Mensch, „und wissen gar nicht, wieviel Unverschämtheit in Ihrem Trost liegt, und daß Sie mich dadurch nur noch tiefer erniedrigen. Sie haben gut reden und trösten vom hohen Roß herunter, denn wenn Sie derzeit auch ziemlich lächerlich dastehen, so sind Sie doch einmal daran gewesen und waren im siebenten Himmel, allmächtiger Gott, und haben ihre Arme um Ihren Nacken gefühlt und all das, allmächtiger Gott, es brennt mir im Schlunde und in der Herzgrube, wenn ich dran denke, – und sehen im Vollbewußtsein dessen, was Ihnen zuteil geworden, auf meine bettelhaften Qualen hinab ...“
„Schön ist es nicht, wie Sie sich ausdrücken, Wehsal. Es ist sogar hochgradig abstoßend, das brauche ich Ihnen nicht zu verhehlen, da Sie mir Unverschämtheit vorwerfen, und abstoßend soll es auch wohl sein, Sie legen es geradezu darauf an, sich widrig zu machen und krümmen sich unausgesetzt. Sind Sie denn wirklich so ungeheuer verliebt in sie?“