Man lauschte mit offenen Mündern lächelnd. Man traute seinen Ohren nicht, wie überaus rein und natürlich die Koloraturen der Holzbläser lauteten. Eine Geige, sie ganz allein, präludierte phantastisch. Man vernahm den Bogenstrich, das Tremolo des Griffes, das süße Gleiten von einer Lage in die andere. Sie fand ihre Melodie, den Walzer, das „Ach, ich habe sie verloren“. Leicht trug Orchesterharmonie die schmeichlerische Weise, und es war zum Entzücken, wie sie, ehrenvoll vom Ensemble aufgenommen, als rauschendes Tutti sich wiederholte. Natürlich war es nicht so, wie wenn eine wirkliche Kapelle im Zimmer hier konzertiert hätte. Der Klangkörper, unentstellt im übrigen, erlitt eine perspektivische Minderung; es war, wenn es erlaubt ist, für den Gehörsfall ein Gleichnis aus dem Gebiet des Gesichtes einzusetzen, als ob man ein Gemälde durch ein umgekehrtes Opernglas betrachtete, so daß es entrückt und verkleinert erschien, ohne an der Schärfe seiner Zeichnung, der Leuchtkraft seiner Farben etwas einzubüßen. Das Musikstück, talentstraff und prickelnd, spielte sich ab in allem Witz seiner leichtsinnigen Erfindung. Den Schluß machte die Ausgelassenheit selbst, ein drollig zögernd ansetzender Galopp, ein unverschämter Cancan, der die Vision in der Luft geschüttelter Zylinder, schleudernder Knie, aufstiebender Röcke erzeugte und im komisch-triumphalen Enden kein Ende fand. Dann schnappte das Drehwerk selbsttätig ein. Es war aus. Man applaudierte von Herzen.

Man rief nach Weiterem und man bekam es: Menschliche Stimme entströmte dem Schrein, männlich, weich und gewaltig auf einmal, von Orchester begleitet, ein italienischer Bariton berühmten Namens, – und nun konnte durchaus von keiner Verschleierung und Entfernung mehr die Rede sein: das herrliche Organ erscholl nach seinem vollen natürlichen Umfang und Kraftinhalt, und namentlich wenn man in eines der offenen Nebenzimmer trat und den Apparat nicht sah, so war es nicht anders, als stände dort im Salon der Künstler in körperlicher Person, das Notenblatt in der Hand, und sänge. Er sang eine Opernbravourarie in seiner Sprache – eh, il barbiere. Di qualità, di qualità! Figaro qua, Figaro là, Figaro, Figaro, Figaro! Die Zuhörer wollten sterben vor Lachen über sein falsettierendes parlando, über den Kontrast dieser Bärenstimme und dieser zungenbrecherischen Sprechfertigkeit. Erfahrene mochten die Künste seiner Phrasierung, seiner Atemtechnik verfolgen und bewundern. Meister des Unwiderstehlichen, Virtuose des welschen Da capo-Geschmacks, hielt er den vorletzten Ton, vor der Schlußtonika, zur Rampe vordringend, wie es schien, und offenbar die Hand in der Luft, auf eine Weise aus, daß man in gezogene Bravorufe ausbrach, bevor er geendigt hatte. Es war vorzüglich.

Und es gab mehr. Ein Waldhorn vollführte mit schöner Vorsicht Variationen über ein Volkslied. Eine Sopranistin schmetterte, stakkierte und trillerte eine Arie aus „La Traviata“ mit der lieblichsten Kühle und Genauigkeit. Der Geist eines Violinisten von Weltruf spielte, wie hinter Schleiern, zu einer Klavierbegleitung, die trocken klang, wie Spinett, eine Romanze von Rubinstein. Aus der sacht kochenden Wundertruhe drangen Glockenklänge, Harfenglissandos, Trompetengeschmetter und Trommelwirbel. Schließlich wurden Tanzplatten eingelegt. Sogar von dem neuen Import war schon ein und das andere Beispiel vorhanden, im exotischen Hafenkneipengeschmack, der Tango, berufen, aus dem Wiener Walzer einen Großvatertanz zu machen. Zwei Paare, des modischen Schrittes mächtig, zeigten sich darin auf dem Teppich. Behrens hatte sich zurückgezogen, nachdem er die Vermahnung erteilt, jede Nadel nur einmal zu benutzen und die Platten „ganz ähnlich wie rohe Eier“ zu behandeln. Hans Castorp bediente den Apparat.

Warum gerade er? Es hatte sich so gemacht. Mit gedämpfter Kurzangebundenheit war er denjenigen entgegengetreten, die nach des Hofrats Weggang den Nadel- und Plattenwechsel, die Ein- und Ausschaltung des Triebstroms hatten in die Hand nehmen wollen. „Lassen Sie mich das tun!“ hatte er gesagt, indem er sie beiseite drängte, und sie waren ihm gleichmütig gewichen, erstens, weil er die Miene hatte, als ob er von längerer Hand her sich auf die Sache verstände, dann aber, weil ihnen sehr wenig daran gelegen war, an der Quelle des Genusses tätig zu sein, statt sich bequem und unverbindlich damit bewirten zu lassen, solange es sie nicht langweilte.

Nicht so Hans Castorp. Während der Vorführung der neuen Erwerbung durch den Hofrat hatte er sich still im Hintergrunde gehalten, ohne Lachen, ohne Beifallsrufe, aber die Darbietungen gespannt verfolgend, indes er nach gelegentlicher Gewohnheit mit zwei Fingern an einer Augenbraue drehte. Mit einer gewissen Unruhe hatte er im Rücken des Publikums mehrfach den Standort gewechselt, war ins Bibliothekszimmer getreten, um von dort zu lauschen, und hatte sich später, Hände auf dem Rücken und mit verschlossenem Gesichtsausdruck, neben Behrens aufgestellt, den Schrein im Auge, den einfachen Dienst daran erkundend. In ihm hieß es: „Halt! Achtung! Epoche! Das kam zu mir.“ Die bestimmteste Ahnung neuer Passion, Bezauberung, Liebeslast erfüllte ihn. Dem Jüngling im Flachland, dem beim ersten Blick auf ein Mädchen Amors widerhakiger Pfeil unverhofft mitten im Herzen sitzt, ist nicht gar anders zumute. Eifersucht beherrschte sofort Hans Castorps Schritte. Öffentliches Gut? Schlaffe Neugier hat weder Recht noch Kraft, zu besitzen. „Lassen Sie mich das tun!“ sagte er zwischen den Zähnen, und sie waren es ganz zufrieden. Sie tanzten noch ein bißchen nach leichtgeschürzten Piecen, die er laufen ließ, verlangten auch noch eine Gesangsnummer, ein Opernduett, die Barkarole aus „Hoffmanns Erzählungen“, die lieblich genug ins Ohr ging, und als er den Deckel schloß, zogen sie ab, flüchtig angeregt und schwatzend, in die Liegekur, zur Ruhe. Darauf hatte er gewartet. Sie ließen hinter sich alles stehen und liegen wie es mochte, die offenen Nadelbüchschen und Albums, die zerstreuten Platten. Das sah ihnen ähnlich. Er tat, als schlösse er sich ihnen an, verließ aber heimlich ihren Zug auf der Treppe, kehrte in den Salon zurück, schloß alle Türen und blieb dort die halbe Nacht, tief beschäftigt.

Er machte sich mit der neuen Erwerbung vertraut, durchmusterte ungestört den beigestellten Vortragsschatz, den Inhalt der schweren Alben. Es waren deren zwölf, von zweierlei Größe, zu je zwölf Platten; und da viele der eng kreisförmig geritzten schwarzen Scheiben doppelseitig waren, nicht nur weil manches Stück auch die Kehrseite in Anspruch nahm, sondern auch weil einer ganzen Reihe von Tafeln zwei verschiedene Darbietungen eingeschrieben waren, so war das ein anfangs schwer übersichtliches, ja verwirrendes Eroberungsgebiet schöner Möglichkeiten. Er spielte wohl ein Viertelhundert, indem er sich, um nicht zu stören, in der Nacht nicht gehört zu werden, gewisser sacht ziehender Nadeln bediente, die den Klang verringerten, – aber das war kaum der achte Teil dessen, was sich aller Enden lockend zum Versuche anbot. Für heute mußte es genug sein, die Titel zu überfliegen und nur dann und wann, stichprobeweise, ein Beispiel der stummen Zirkelgraphik dem Schreine einzuverleiben, um es zum Tönen zu bringen. Sie waren unterschieden durch das farbige Etikett ihres Zentrums, die Hartgummidisken, und durch nichts weiter, für das Auge. Eine sah aus wie die andere, ganz oder nicht ganz bis zur Mitte mit konzentrischen Kreisen dicht bedeckt; und doch barg ihr feines Liniengepräge die erdenklichste Musik, glücklichste Eingebungen aus allen Regionen der Kunst, in ausgesuchter Wiedergabe.

Es waren da eine Menge Ouvertüren und Einzelsätze aus der Welt der erhabenen Symphonik, gespielt von berühmten Orchestern, deren Leiter namhaft gemacht waren. Eine lange Reihe von Liedern sodann, vorgetragen zum Klavier, von Mitgliedern großer Opernhäuser, – und zwar sowohl Lieder, die das hohe und bewußte Erzeugnis persönlicher Kunst waren, wie auch schlichte Volkslieder, wie dann endlich auch noch solche, die zwischen diesen beiden Gattungen gleichsam die Mitte hielten, insofern sie zwar Produkte geistiger Kunst, aber im Sinn und Geist des Volkes tiefecht und fromm empfunden und erfunden waren; künstliche Volkslieder, wenn man so sagen durfte, ohne durch das Wort „künstlich“ ihrer Innigkeit zu nahe zu treten: eines zumal, das Hans Castorp von Kindesbeinen an gekannt hatte, zu dem er aber jetzt eine geheimnisvoll-beziehungsreiche Liebe faßte, und von dem die Rede sein wird. – Was gab es noch, oder eigentlich, was gab es nicht? Es gab Oper die Hülle und Fülle. Ein internationaler Chor gefeierter Sänger und Sängerinnen setzte, begleitet von diskret zurücktretendem Orchester, die hochgeschulte Gottesgabe seiner Stimmen ein zur Ausführung von Arien, Duetten, ganzen Ensembleszenen aus den verschiedenen Gegenden und Epochen des musikalischen Theaters: der südlichen Schönheitssphäre einer zugleich hoch- und leichtherzigen Hingerissenheit, einer deutsch-volkhaften Welt von Schalkheit und Dämonie, der französischen Großen und Komischen Oper. War damit ein Ende? O nein. Denn es folgte die Serie der Kammermusiken, der Quartette und Trios, der Instrumental-Solonummern für Violine, Cello, Flöte, die Konzertgesangsnummern mit obligater Violine oder Flöte, die rein pianistischen Nummern, – von den bloßen Belustigungen, den Couplets, den Zweckplatten, in die kleine Aufspielorchester ihre Weisen geprägt hatten, und die nach einer derben Nadel verlangten, nicht erst zu reden.

Hans Castorp sichtete das, ordnete das, übergab es, einsam hantierend, zu einem kleinen Teile dem Instrument, das es zu tönendem Leben weckte. Er ging mit heißem Kopfe zu ähnlich vorgerückter Stunde schlafen, wie nach dem ersten Gelage mit Pieter Peeperkorn majestätisch-duzbrüderlichen Angedenkens, und träumte von zwei bis sieben von dem Zauberkasten. Er sah im Traume die Drehscheibe um ihren Zapfen kreisen, schnell bis zur Unsichtlichkeit und lautlos dabei, in einer Bewegung, die nicht nur eben in dem wirbeligen Rundfluß, sondern auch noch in einem eigentümlichen seitlichen Wogen bestand, dergestalt, daß dem nadeltragenden Gelenkarm, unter dem sie hinzog, ein elastisch atmendes Schwingen mitgeteilt wurde, – sehr dienlich, wie man glauben mochte, dem vibrato und portamento der Streicher und der menschlichen Stimmen; doch unbegreiflich blieb es, im Traum nicht weniger als im Wachen, wie das bloße Nachziehen einer haarfeinen Linie über einem akustischen Hohlraum und einzig mit Hilfe des Schwingungshäutchens der Schallbüchse die reich zusammengesetzten Klangkörper wiedererzeugen konnte, die das geistige Ohr des Schläfers füllten.

Er war am Morgen zeitig wieder im Salon, schon vor dem Frühstück, und ließ, mit gefalteten Händen in einem Sessel sitzend, einen herrlichen Bariton aus dem Schreine zur Harfe singen: „Blick’ ich umher in diesem edlen Kreise –“. Die Harfe klang vollkommen natürlich, es war unverfälschtes und unvermindertes Harfenspiel, was der Schrein außer der schwellenden, hauchenden, artikulierenden menschlichen Stimme aus sich entließ – durchaus zum Erstaunen. Und Zärtlicheres gab es auf Erden nicht, als den Zwiegesang aus einer modernen italienischen Oper, den Hans Castorp darauf folgen ließ, – als diese bescheidene und innige Gefühlsannäherung zwischen der weltberühmten Tenorstimme, die so vielfach in den Alben vertreten war, und einem glashell-süßen kleinen Sopran, – als sein „Da mi il braccio, mia piccina“ und die simple, süße, gedrängt melodische kleine Phrase, die sie ihm zur Antwort gab ...

Hans Castorp zuckte zusammen, da hinter ihm die Tür ging. Es war der Hofrat, der zu ihm hereinschaute; – in seinem klinischen Kittel mit dem Hörrohr in der Brusttasche stand er dort einen Augenblick, den Türgriff in der Hand, und nickte dem Laboranten zu. Dieser erwiderte das Nicken über die Schulter hin, worauf das blauwangige Gesicht des Chefs mit dem einseitig geschürzten Schnurrbärtchen hinter der zugezogenen Tür verschwand und Hans Castorp sich seinem unsichtbar-wohllautenden Liebespärchen wieder zuwandte.