Zu plaudern! Man konnte es sich denken. Niemandem war wohl bei dem Wort, einem rechten Wort des fröhlichen Kameraden Krokowski. Jedermann fühlte sein Innerstes kalt davon angerührt, auch Hans Castorp, als er verspätet seinen vorzüglichen Liegestuhl bezog und sich erinnerte, wie ihm bei Ellys ungebührlichen Leistungen und der verschämten Erklärung, die sie dafür gegeben, der Boden unter den Füßen geschwankt hatte, so daß eine gewisse Übelkeit und körperliche Beängstigung, eine leichte Seekrankheit ihn angekommen war. Er hatte niemals ein Erdbeben erlebt, aber er sagte sich, daß damit wohl ähnliche Empfindungen unverwechselbaren Schreckens verbunden sein müßten, – von der Neugier abgesehen, die Ellen Brands fatale Fähigkeiten ihm außerdem einflößten: einer Neugier, die das Gefühl ihrer höheren Hoffnungslosigkeit in sich selbst trug, das heißt: das Bewußtsein der geistigen Unzugänglichkeit des Gebietes, wonach sie tastete, und daher den Zweifel, ob sie nur müßig oder auch sündig sei, was sie aber nicht hinderte, zu bleiben, was sie war, nämlich Neugier. Hans Castorp hatte, wie jedermann, im Lauf seiner Lebensjahre von Dingen der geheimen Natur oder Übernatur dies und jenes vernommen, – der seherischen Urtante ist ja Erwähnung geschehen, von der eine melancholische Überlieferung auf ihn gekommen. Aber niemals war diese Welt, der er eine theoretische und unbeteiligte Anerkennung nicht versagt hatte, ihm persönlich auf den Leib gerückt, nie hatte er praktische Erfahrungen damit gemacht, und sein Widerstreben gegen solche Erfahrungen, ein Geschmackswiderstreben, ein ästhetisches Widerstreben, ein Widerstreben humanen Stolzes – wenn wir so anspruchsvolle Ausdrücke verwenden dürfen in Hinsicht auf unseren durchaus anspruchslosen Helden – kam der Neugier, die sie ihm lebhaft erregten, fast gleich. Er fühlte im voraus, fühlte es klar und deutlich, daß diese Erfahrungen, wie sie auch fortgehen mochten, nie anders sich würden anlassen können, als abgeschmackt, unverständlich und menschlich würdelos. Dennoch brannte er darauf, sie zu machen. Er begriff, daß „Müßig oder sündig“, als Alternative schon schlimm genug, gar keine Alternative war, sondern daß das zusammenfiel, und daß geistige Hoffnungslosigkeit nur die außermoralische Ausdrucksform der Verbotenheit war. Das Placet experiri aber, ihm eingepflanzt von einem, der solche Versuche freilich aufs prallste mißbilligen mußte, saß fest in Hans Castorps Sinn; seine Sittlichkeit fiel nachgerade mit seiner Neugier zusammen, hatte das wohl eigentlich immer getan: mit der unbedingten Neugier des Bildungsreisenden, die vielleicht schon, als sie vom Mysterium der Persönlichkeit kostete, nicht mehr weit von dem hier auftauchenden Gebiet entfernt gewesen war, und die eine Art von militärischem Charakter bekundete dadurch, daß sie dem Verbotenen nicht auswich, wenn es sich anbot. So beschloß Hans Castorp, auf dem Posten zu sein und nicht beiseite zu stehen, wenn es mit Ellen Brand zu weiteren Abenteuern kommen sollte.
Dr. Krokowski hatte ein striktes Verbot ergehen lassen, fernerhin laienhafte Experimente mit Fräulein Brands geheimen Gaben anzustellen. Er hatte das Kind mit wissenschaftlichem Beschlag belegt, hielt Sitzungen mit ihr in seinem analytischen Verlies, hypnotisierte sie, wie man hörte, war bestrebt, die in ihr schlummernden Möglichkeiten zu entwickeln und zu disziplinieren, ihr seelisches Vorleben zu erforschen. Dies tat übrigens auch Hermine Kleefeld, ihre mütterliche Freundin und Patronin, und erfuhr unter dem Siegel der Verschwiegenheit dies und das, was sie unter demselben Siegel im ganzen Hause verbreitete, bis in die Concierge-Loge hinein. Sie erfuhr zum Beispiel, daß der- oder dasjenige, was der Kleinen beim Spiele die Aufgaben zugeflüstert hatte, Holger hieß – es war der Jüngling Holger, ein spirit, ihr wohlvertraut, ein abgeschieden-ätherisch Wesen und etwas wie ein Schutzgeist der kleinen Ellen. – Er also hatte ihr das mit der Salzprise und Paravants Zeigefinger verraten? – Ja, die Schattenlippen liebkosend an ihrem Ohr, so daß es leise kitzelte und zum Lächeln reizte, habe er es ihr eingeflüstert. – Das müsse angenehm gewesen sein, wenn Holger ihr früher in der Schule die Antworten eingesagt habe, wenn sie nicht vorbereitet gewesen sei. – Hierauf hatte Ellen geschwiegen. Das habe Holger wohl nicht gedurft, sagte sie später. In so ernste Dinge sich einzumischen, sei ihm verwehrt, und übrigens habe er die Schulantworten wohl selber nicht recht gewußt.
Ferner stellte sich heraus, daß Ellen von jung auf, wenn auch in größeren Zeitabständen, Erscheinungen gehabt hatte, – sichtbare und unsichtbare. – Was das denn heißen solle: unsichtbare Erscheinungen? – Zum Beispiel so. Sie hatte als sechzehnjähriges Mädchen allein im Wohnzimmer ihres Elternhauses gesessen, am runden Tisch mit einer Handarbeit, am hellen Nachmittag, und neben ihr auf dem Teppich hatte ihres Vaters Dogge, die Hündin Freia, gelegen. Der Tisch war mit einer bunten Decke, einem solchen türkischen Schal, wie alte Frauen ihn dreieckig trugen, bedeckt gewesen: übereck, mit kurz hängenden Zipfeln hatte er auf der Platte gelegen. Und plötzlich hatte Ellen gesehen, wie der Zipfel ihr gegenüber sich langsam aufgerollt hatte: still, sorgfältig und regelmäßig war er aufgerollt worden, ein gutes Stück gegen die Mitte der Tischplatte hin, so daß die Rolle schließlich schon ziemlich lang gewesen war; und während dies geschehen, hatte Freia, wild auffahrend, mit angestemmten Vorderbeinen und gesträubtem Fell sich auf die Keulen gesetzt, war heulend ins Nebenzimmer gestürzt, unter das Sofa gekrochen und dann ein volles Jahr lang nicht zu bewegen gewesen, einen Fuß ins Wohnzimmer zu setzen.
Ob es Holger gewesen sei, fragte Fräulein Kleefeld, der die Schaldecke aufgerollt habe. – Die kleine Brand wußte es nicht. – Und was sie sich bei dem Vorkommnis denn wohl gedacht habe. – Aber da es absolut unmöglich war, sich das Allergeringste dabei zu denken, so hatte auch Elly sich weiter nichts dabei gedacht. – Ob sie es ihren Eltern berichtet habe. – Nein. – Das war seltsam. Obgleich sich so ganz und gar nichts dabei denken ließ, hatte Elly doch das Gefühl gehabt, in diesem Fall und in ähnlichen, daß sie es für sich behalten und ein strenges, schamhaftes Geheimnis daraus machen müsse. – Ob sie denn schwer daran getragen habe. – Nein, nicht besonders schwer. Was denn auch an dem Sich-Aufrollen einer Decke viel zu tragen sei. Aber an anderem habe sie schwerer getragen. Zum Beispiel hieran:
Vor einem Jahre, ebenfalls in ihrem Elternhaus zu Odense, hatte sie frühmorgens, in aller Frische, ihr Zimmer verlassen, das im Erdgeschoß gelegen war, und sich über die Diele die Treppe hinauf ins Eßzimmer begeben wollen, um, wie es ihre Gewohnheit war, Kaffee zu kochen, bevor die Eltern sich einfanden. Fast bis zum Podest, wo die Treppe sich wandte, war sie schon gelangt gewesen, da hatte sie auf eben diesem Podest, am Rande desselben, dicht an den Stufen, ihre in Amerika verheiratete ältere Schwester Sophie stehen sehen – leiblich und wirklich. Sie hatte ein weißes Kleid angehabt und sonderbarerweise einen Kranz von Wasserrosen, schilfigen Mummeln, auf dem Kopf getragen und die Hände an der Schulter gefaltet und hatte ihr zugenickt. „Ja, aber, Sophie, bist du da?“ hatte die angewurzelte Ellen halb freudig und halb erschrocken gefragt. Da hatte Sophie noch einmal genickt und sich darnach verflüchtigt. Sie war durchsichtig geworden; bald war sie nur in dem Grade noch sichtbar gewesen, wie eine fließende Strömung heißer Luft, und dann überhaupt nicht mehr, so daß der Weg frei gewesen war für Ellen. Doch dann hatte sich erwiesen, daß in dieser selbigen Morgenstunde Schwester Sophie in New-Jersey an Herzentzündung gestorben war.
Nun, meinte Hans Castorp, als die Kleefeld es ihm erzählte, das habe doch einigen Verstand, es lasse sich hören. Die Erscheinung hier, der Todesfall dort, – immerhin, da sei ein gewisser achtbarer Zusammenhang zu ersehen. Und er willigte ein, an einem spiritistischen Gesellschaftsspiel, einem Glasrücken, teilzunehmen, das man aus Ungeduld, unter heimlicher Umgehung von Dr. Krokowskis eifersüchtigem Verbot, mit Ellen Brand zu veranstalten beschlossen hatte.
Nur gewisse Personen wurden zu der Sitzung, deren Schauplatz Hermine Kleefelds Zimmer war, vertraulich zugezogen: außer der Gastgeberin, Hans Castorp und der kleinen Brand, waren es nur noch die Damen Stöhr und Levi sowie Herr Albin, der Tscheche Wenzel und Dr. Ting-Fu. Abends, erst mit dem Schlage Zehn, trat man leise zusammen und musterte flüsternd die Vorkehrungen, die Hermine getroffen, und die darin bestanden, daß auf einem ungedeckten Rundtisch von mittlerer Größe, inmitten des Zimmers, ein Weinglas, umgekehrt, den Fuß nach oben, gestellt war, rundum aber, am Rande der Tischplatte, in gehörigen Abständen, kleine Beinplättchen, Spielmarken nach ihrer gewöhnlichen Bestimmung, lagen, auf die mit Tinte und Feder die fünfundzwanzig Buchstaben des Alphabets gezeichnet waren. Vorerst reichte die Kleefeld Tee, was dankbar begrüßt wurde, da die Damen Stöhr und Levi, ungeachtet der kindlichen Harmlosigkeit des Unternehmens, über kalte Extremitäten und Herzklopfen klagten. Nach genossener Erwärmung ließ man sich um das Tischchen nieder, und in matt-rosiger Beleuchtung, da die Wirtin, der Stimmung zuliebe, das Deckenlicht gelöscht und nur das verkleidete Nachttischlämpchen hatte brennen lassen, legte jedermann einen Finger seiner Rechten leicht an den Fuß des Glases. So wollte es die Methode. Man harrte des Augenblicks, wo das Glas ins Rücken geraten würde.
Das mochte leichtlich geschehen, denn die Tischplatte war glatt, der Glasrand wohl geschliffen, und der Druck, den die noch so leicht aufgelegten, zitternden Finger übten, würde, da er natürlich ungleichmäßig war, hier mehr vertikale, dort eher seitliche Richtung haben mochte, auf die Dauer sehr hinreichend sein, das Glas zum Verlassen seines mittlern Ortes zu bestimmen. An der Peripherie des Bewegungsfeldes würde es auf Buchstaben stoßen, und wenn diejenigen, die es anlief, in ihrer Zusammensetzung Worte und irgend welchen Sinn ergaben, so würde das eine innerlich bis zur Unreinlichkeit verwickelte Erscheinung sein, ein Mischprodukt ganz-, halb- und unbewußter Elemente, der wunschgetriebenen Nachhilfe Einzelner – ob sie selbst ein solches Tun sich nun eingestanden oder nicht – und des geheimen Einverständnisses lichtloser Seelenschichten der Allgemeinheit, eines unterirdischen Zusammenwirkens zu scheinbar fremden Ergebnissen, an denen die Dunkelheiten des Einzelnen mehr oder weniger beteiligt sein würden, am stärksten wohl diejenigen der lieblichen kleinen Elly. Dies wußten im Grunde alle im voraus, und Hans Castorp, nach seiner Art, schwatzte es sogar aus, während man mit zitternden Fingern saß und wartete. Auch kamen die kalten Extremitäten und das Herzklopfen der Damen, die bedrängte Heiterkeit der Herren eben nur daher, daß sie es wußten, daher also, daß sie sich zu einem unreinlichen Spiel mit ihrer Natur, einem furchtsam-neugierigen Erproben unbekannter Teile ihres Selbst in stiller Nacht zusammengetan hatten und jener Schein- oder Halb-Dinglichkeiten harrten, die man magisch nennt. Es war fast nur, um der Sache eine Form zu geben, geschah also konventionellerweise, daß man unterstellte, durch das Glas würden die Geister Abgeschiedener zu der Versammlung reden. Herr Albin war erbötig, das Wort zu führen und mit den etwa auftretenden Intelligenzen zu unterhandeln, da er schon früher hie und da an spiritistischen Sitzungen teilgenommen.
Zwanzig und mehr Minuten vergingen. Der Stoff zum Flüstern versiegte, die erste Spannung gab nach. Man stützte den rechten Arm mit der Linken am Ellbogen. Der Tscheche Wenzel war im Begriffe einzunicken. Ellen Brand, das Fingerchen leicht aufgelegt, hielt den großen und reinen Kinderblick über die nahen Dinge hinweg in den Schein des Nachttischlämpchens gerichtet.
Plötzlich kippte das Glas, schlug auf und lief den Umsitzenden unter den Händen weg. Sie hatten Mühe, mit ihren Fingern zu folgen. Es rutschte bis zum Tischrande, lief ein Stück daran entlang und kehrte dann geradlinig ungefähr zur Mitte zurück. Hier schlug es noch einmal auf und verhielt sich ruhig.