Er richtete sich nicht auf. In seinen Mund trat ein bitterer Geschmack. Er hörte eine andere Stimme tief und kalt erwidern:
„Ich sehe ihn längst.“
Die Platte war abgelaufen, der letzte Bläserakkord verklungen. Aber niemand stoppte den Apparat. Leer kratzend in der Stille lief die Nadel inmitten der Scheibe weiter. Da hob denn Hans Castorp den Kopf, und seine Augen gingen, ohne suchen zu müssen, den richtigen Weg.
Es war einer mehr im Zimmer, als vordem. Dort, abseits von der Gesellschaft, im Hintergrund, wo die Reste des Rotlichtes sich fast in Nacht verloren, so daß die Augen kaum noch dahin drangen, zwischen Schreibtisch-Breitseite und spanischer Wand, auf dem gegen das Zimmer gedrehten Besucherstuhl des Doktors, wo während der Pause Elly gesessen, saß Joachim. Es war Joachim mit den schattigen Wangenhöhlen und dem Kriegsbart seiner letzten Tage, in dem die Lippen so voll und stolz sich wölbten. Angelehnt saß er und hielt ein Bein über das andere geschlagen. Auf seinem abgezehrten Gesicht erkannte man, obgleich es von einer Kopfbedeckung beschattet war, den Stempel des Leidens und auch den Ausdruck von Ernst und Strenge wieder, der es so männlich verschönt hatte. Zwei Falten standen auf seiner Stirn zwischen den Augen, die tief in knochigen Höhlen lagen, doch das beeinträchtigte nicht die Sanftmut des Blicks dieser schönen, groß-dunklen Augen, der still und freundlich spähend auf Hans Castorp, auf diesen allein, gerichtet war. Sein kleiner Kummer von ehedem, die abstehenden Ohren waren erkennbar auch unter der Kopfbedeckung, der sonderbaren Kopfbedeckung, auf die man sich nicht verstand. Vetter Joachim war nicht in Zivil; sein Säbel schien am übergeschlagenen Schenkel zu lehnen, er hielt die Hände am Griff, und etwas wie eine Pistolentasche glaubte man gleichfalls an seinem Gürtel zu unterscheiden. Doch war das auch kein richtiger Waffenrock, was er trug. Nichts Blankes noch Farbiges war daran zu bemerken, es hatte einen Litewkakragen und Seitentaschen, und irgendwo ziemlich tief saß ein Kreuz. Die Füße Joachims wirkten groß und die Beine sehr dünn; sie schienen eng eingewickelt, auf sportliche mehr, denn auf militärische Art. Und wie war das mit der Kopfbedeckung? Sie sah aus, als hätte Joachim sich ein Feldgeschirr, einen Kochtopf aufs Haupt gestülpt und ihn durch Sturmband unter dem Kinn befestigt. Doch wirkte das altertümlich und landsknechthaft und kriegerisch kleidsam, merkwürdigerweise.
Hans Castorp spürte den Atem Ellen Brands auf seinen Händen. Neben sich hörte er den der Kleefeld, der beschleunigt ging. Sonst war nichts zu vernehmen, als das unaufhörliche wetzende Geräusch der abgelaufenen, unter der Nadel weiter rotierenden Platte, die niemand stoppte. Er sah sich nach keinem seiner Kumpane um, wollte nichts von ihnen sehen und wissen. Schräg hin über die Hände, den Kopf auf seinen Knien, starrte er weit vorgebeugt durch das Rotdunkel auf den Besuch im Sessel. Einen Augenblick schien sein Magen sich umkehren zu wollen. Es zog ihm die Kehle zusammen, und ein vier- oder fünffaches Schluchzen stieß ihn innig-krampfhaft. „Verzeih!“ flüsterte er in sich hinein; und dann gingen die Augen ihm über, so daß er nichts mehr sah.
Er hörte raunen: „Reden Sie ihn an!“ – Er hörte Dr. Krokowskis baritonale Stimme feierlich und heiter seinen Namen nennen und die Aufforderung wiederholen. Statt ihr nachzukommen, zog er seine Hände unter Ellys Gesicht fort und stand auf.
Wieder rief Dr. Krokowski seinen Namen, diesmal in streng vermahnendem Ton. Aber Hans Castorp war mit wenigen Schritten bei den Stufen der Eingangstür und schaltete mit knappem Handgriff das Weißlicht ein.
Die Brand war in schwerem Chok zusammengefahren. Sie zuckte in den Armen der Kleefeld. Jener Sessel war leer.
Auf den im Stehen protestierenden Krokowski ging Hans Castorp zu, nahe vor ihn hin. Er wollte sprechen, aber von seinen Lippen kam kein Wort. Mit brüsk heischender Kopfbewegung streckte er die Hand aus. Da er den Schlüssel empfangen, nickte er dem Doktor mehrmals drohend ins Gesicht, machte kehrt und ging aus dem Zimmer.