Hans Castorp hatte keine Zeit, sich mit den Titeln zu beschäftigen, die Naphta Herrn Settembrini da wieder verlieh. Flüchtig nahm er sich vor, der Sache bei erster Gelegenheit auf den Grund zu gehen. Im Augenblick aber verzehrte das laufende Gespräch seine Aufmerksamkeit ganz; denn Naphta erörterte eben mit Schärfe die allgemeinen Tendenzen, die den Humanisten bestimmten, der Gesundheit grundsätzlich alle Ehre zu geben und die Krankheit tunlichst zu entehren und zu verkleinern, – in welcher Stellungnahme allerdings eine bemerkenswerte und fast löbliche Selbstentäußerung sich kundtat, da Herr Settembrini selbst ja krank war. Seine Haltung aber, die durch ihre ungemeine Würde nichts an Fehlerhaftigkeit einbüßte, ergab sich aus einer Achtung und Andacht vor dem Leibe, die gerechtfertigt doch nur gewesen wäre, wenn der Leib sich noch in seinem gottesursprünglichen Zustande, statt in dem der Erniedrigung – in statu degradationis – befunden hätte. Denn unsterblich erschaffen, war er vermöge der Verschlimmerung der Natur durch die Erbsünde der Verderbtheit und Abscheulichkeit anheimgefallen, sterblich und verweslich, nicht anders, denn als Kerker und Strafzwinger der Seele zu betrachten und nur geeignet, das Gefühl der Scham und Verwirrung, pudoris et confusionis sensum, wie der heilige Ignatius sagte, zu erwecken.
Diesem Gefühle, rief Hans Castorp, habe bekanntlich auch der Humanist Plotinus Ausdruck verliehen. Aber Herr Settembrini, die Hand aus dem Schultergelenk über den Kopf geworfen, forderte ihn auf, die Gesichtspunkte nicht zu vermengen und sich lieber rezeptiv zu verhalten.
Unterdessen leitete Naphta die Ehrfurcht, die das christliche Mittelalter dem Elend des Leibes gewidmet hatte, aus der religiösen Zustimmung ab, die es dem Anblick fleischlichen Jammers gezollt hatte. Denn die Schwären des Körpers machten nicht nur dessen Gesunkenheit augenfällig, sondern entsprachen auch der venenosen Verderbtheit der Seele auf eine erbauliche und geistliche Genugtuung erweckende Weise, – während Leibesblüte eine irreführende und das Gewissen beleidigende Erscheinung war, welche durch tiefe Erniedrigung vor der Bresthaftigkeit zu verleugnen man äußerst guttat. Quis me liberabit de corpore mortis hujus? Wer wird mich befreien aus dem Körper dieses Todes? Das war die Stimme des Geistes, welche auf ewig die Stimme wahrer Menschheit war.
Nein, das war eine nächtige Stimme, nach Herrn Settembrinis bewegt vorgetragener Ansicht, – die Stimme einer Welt, der die Sonne der Vernunft und Menschlichkeit noch nicht erschienen war. Ja, obgleich venenos für seine leibliche Person, hatte er seinen Geist gesund und unverpestet genug erhalten, um dem pfäffischen Naphta in Sachen des Leibes auf schöne Art die Spitze zu bieten und sich über die Seele lustig zu machen. Er verstieg sich dazu, den Menschenleib als den wahren Tempel Gottes zu feiern, worauf Naphta dieses Gewebe für nichts weiter als für den Vorhang zwischen uns und der Ewigkeit erklärte, was wieder zur Folge hatte, daß Settembrini ihm den Gebrauch des Wortes „Menschheit“ endgültig verbot – und so fort.
Mit froststarren Mienen, barhaupt, in ihren Überschuhen aus Gummistoff bald die hart knirschende und mit Asche bestreute Schneedecke tretend, die den Bürgersteig aufhöhte, bald mit den Füßen durch die lockeren Schneemassen des Fahrdammes pflügend, Settembrini in einer Winterjacke, deren Biberkragen und Ärmelrevers vermöge enthaarter Stellen gleichsam räudig wirkten, die er jedoch elegant zu tragen wußte, Naphta in einem schwarzen, fußlangen und hochgeschlossenen Mantel, der mit Pelz nur gefüttert war und außen nichts davon sehen ließ, stritten sie um diese Prinzipien mit der persönlichsten Angelegentlichkeit, wobei es öfters geschah, daß sie sich nicht aneinander, sondern an Hans Castorp wandten, dem der eben Redende seine Sache vortrug und vorhielt, indem er auf den Gegner nur mit dem Haupte oder dem Daumen deutete. Sie hatten ihn zwischen sich, und er, den Kopf hin und her wendend, stimmte bald dem einen, bald dem anderen zu oder machte, stehen bleibend, den Oberkörper schräg zurückgebeugt und mit der Hand im gefütterten Ziegenlederhandschuh gestikulierend, etwas Eigenes, selbstverständlich höchst Unzulängliches geltend, indes Ferge und Wehsal die drei umkreisten, jetzt vor ihnen, dann hinter ihnen sich hielten oder auch eine Reihe mit ihnen bildeten, bis der Verkehr ihre Linie wieder auflöste.
Unter dem Einfluß ihrer Zwischenbemerkungen sprang die Debatte auf dinglichere Gegenstände ab, behandelte rasch nacheinander und unter wachsender Anteilnahme aller die Probleme der Feuerbestattung, der körperlichen Züchtigung, der Folter und der Todesstrafe. Es war Ferdinand Wehsal, der die Prügelpön aufs Tapet gebracht hatte, und die Anregung stand ihm zu Gesichte, wie Hans Castorp fand. Es überraschte nicht, daß Herr Settembrini sich in lauteren Worten und unter Anrufung der Menschenwürde gegen dies wüste Verfahren aussprach, in der Pädagogik sowohl wie nun gar in der Rechtspflege, – während es zwar ebenfalls nicht überraschend geschah, aber doch durch eine gewisse düstere Frechheit verblüffte, daß Naphta der Bastonade zugunsten redete. Ihm zufolge war es absurd, hier von Menschenwürde zu faseln, denn unsere wahre Würde beruhte im Geiste, nicht im Fleische, und da die Menschenseele nur zu sehr dazu neigte, ihre ganze Lebenslust aus dem Leibe zu saugen, so waren Schmerzen, die man diesem zufügte, ein durchaus empfehlenswertes Mittel, ihr die Lust am Sinnlichen zu versalzen und sie gleichsam aus dem Fleisch in den Geist zurückzutreiben, damit dieser wieder zur Herrschaft gelange. Das Züchtigungsmittel der Schläge als etwas besonders Schmähliches anzusehen, war ein recht alberner Vorwurf. Die heilige Elisabeth war von ihrem Beichtiger, Konrad von Marburg, aufs Blut gezüchtigt worden, wodurch „ihre Seel’“, wie es in der Legende hieß, „entzuckt“ worden war „bis in den dritten Chor“, und sie selbst hatte eine arme alte Frau, die zu schläfrig war, um zu beichten, mit Ruten geschlagen. Wollte man sich im Ernst unterfangen, die Selbstgeißelungen, denen die Angehörigen gewisser Orden und Sekten sowie überhaupt tiefer angelegte Personen sich unterzogen hatten, um das Prinzip des Geistigen stark in sich zu machen, barbarisch, unmenschlich zu nennen? Daß die gesetzliche Abschaffung der Schläge in den Ländern, die sich vornehm dünkten, ein wirklicher Fortschritt sei, war ein Glaube, der durch seine Unerschütterlichkeit nur an Komik gewann.
Nun, so viel, meinte Hans Castorp, war absolut zuzugeben, daß innerhalb des Gegensatzes von Körper und Geist der Körper zweifellos das böse, teuflische Prinzip ... verkörperte, haha, also verkörperte, insofern als der Körper natürlich Natur war – natürlich Natur, das war auch nicht schlecht! – und als die Natur in ihrem Gegensatz zum Geiste, zur Vernunft entschieden böse war, – mystisch böse, so konnte man sagen, wenn man auf Grund seiner Bildung und seiner Kenntnisse etwas riskierte. Diesen Gesichtspunkt festgehalten, war es dann aber nur folgerecht, den Körper dementsprechend zu behandeln, nämlich ihm Disziplinierungsmittel angedeihen zu lassen, die man ebenfalls, wenn man noch einmal etwas riskierte, als mystisch böse bezeichnen konnte. Vielleicht, daß Herr Settembrini, wenn er damals, als die Schwäche seines Körpers ihn gehindert hatte, zum Fortschrittskongreß nach Barcelona zu fahren, eine heilige Elisabeth zur Seite gehabt hätte ...
Man lachte, und da der Humanist auffahren wollte, erzählte Hans Castorp rasch von Schlägen, die er selbst einst empfangen: auf seinem Gymnasium war in den unteren Klassen diese Strafe teilweise noch getätigt worden, es waren Retstöcke vorhanden gewesen, und wenn auch die Lehrer an ihn nicht Hand hatten legen mögen, gesellschaftlicher Rücksicht halber, so war er doch von einem stärkeren Mitschüler einmal geprügelt worden, einem großen Flegel, mit dem biegsamen Stock auf die Oberschenkel und die nur mit Strümpfen bekleideten Waden, und das hatte ganz schmählich weh getan, infam, unvergeßlich, geradezu mystisch, unter schändlich innigem Stoßschluchzen waren ihm die Tränen nur so hervorgestürzt vor Wut und ehrlosem Wehsal – Herr Wehsal mochte freundlichst das Wort entschuldigen –, und Hans Castorp hatte denn auch gelesen, daß in Zuchthäusern bei Empfang der Prügelstrafe die stärksten Raubmörder wie kleine Kinder flennten.
Während Herr Settembrini sein Gesicht mit beiden Händen bedeckte, die in sehr abgeschabtem Leder steckten, fragte Naphta mit staatsmännischer Kälte, wie man renitente Verbrecher denn anders bändigen wolle, als durch Bock und Stock, die übrigens in einem Zuchthause durchaus stilvoll am Platze seien; ein humanes Zuchthaus sei eine ästhetische Halbheit, ein Kompromiß, und Herr Settembrini, obgleich er ein Schönredner sei, verstehe im Grunde nichts von Schönheit. Was nun aber gar die Pädagogik betraf, so wurzelte, wenn man Naphta hörte, der Menschenwürde-Begriff derer, die das körperliche Zuchtmittel daraus verbannen wollten, in dem Liberal-Individualismus der bürgerlichen Humanitätsepoche, einem aufgeklärten Absolutismus des Ich, der im Begriffe war, abzusterben und neu heraufziehenden, weniger weichlichen Gesellschaftsideen Platz zu machen, Ideen der Bindung und Beugung, des Zwanges und des Gehorsams, bei denen es ohne heilige Grausamkeit nicht abgehe, und die auch die Züchtigung des Kadavers wieder mit anderen Augen werde betrachten lassen.
„Daher der Name Kadavergehorsam!“ höhnte Settembrini; und da Naphta hinwarf, daß, da Gott unsern Leib zur Strafe der Sünde der gräßlichen Schmach der Verwesung anheimgebe, es am Ende kein Majestätsverbrechen sei, wenn derselbe Leib auch einmal Prügel bekomme, – so fiel man im Nu auf die Leichenverbrennung.