Gelegentlich sprach er Herrn Settembrini von seinem Vorhaben. Herr Settembrini hätte ihn vor Freuden beinahe umarmt. „Aber ja, aber ja doch, Ingenieur, um Gottes willen, tun Sie das! Fragen Sie niemanden und tun Sie’s, – Ihr guter Engel hat Ihnen das eingeflüstert! Tun Sie’s sofort, bevor diese gute Lust Sie wieder verläßt! Ich gehe mit Ihnen, ich begleite Sie in das Geschäft, und stehenden Fußes erwerben wir miteinander diese gesegneten Utensilien! Auch in die Berge würde ich Sie begleiten, würde mit Ihnen fahren, Flügelschuhe an den Füßen, wie Mercurio, aber ich darf es nicht ... Eh, dürfen! Ich täte es schon, wenn ich es nur ‚nicht dürfte‘, aber ich kann’s nicht, ich bin ein verlorener Mann. Dagegen Sie ... es wird Ihnen nicht schaden, durchaus nicht, wenn Sie vernünftig sind und nichts übertreiben. Ach was, und schadete es Ihnen sogar ein wenig, so wird es immer noch Ihr guter Engel gewesen sein, welcher ... Ich sage nichts weiter. Was für ein exzellenter Plan! Zwei Jahre hier und noch dieses Einfalls fähig, – ah, nein, Ihr Kern ist gut, man hat keinen Grund, an Ihnen zu verzweifeln. Bravo, bravo! Sie drehen Ihrem Schattenfürsten dort oben eine Nase, Sie kaufen diese Schlittschuhe, Sie lassen sie zu mir schicken oder zu Lukaček, oder zu dem Gewürzkrämer drunten in unserem Häuschen. Sie holen sie von dort, um sich darauf zu üben, und Sie gleiten dahin ...“

Ganz so geschah es. Unter den Augen Herrn Settembrinis, der den kritischen Sachkenner spielte, obgleich er von Sport keine Ahnung hatte, erstand Hans Castorp in einem Spezialgeschäft der Hauptstraße ein Paar schmucker Ski, hellbraun lackiert, aus gutem Eschenholz, mit prächtigem Lederzeug und vorne spitz aufgebogen, kaufte auch die Stäbe mit Eisenspitze und Radscheibe dazu und ließ es sich nicht nehmen, alles selbst auf der Schulter davonzutragen bis zu Settembrinis Quartier, wo mit dem Krämer eine Übereinkunft wegen täglicher Unterstellung der Gerätschaften bald getroffen war. Durch vielfache Anschauung über die Art ihres Gebrauches unterrichtet, begann er auf eigene Hand, fern von dem Gewimmel der Übungsplätze, an einem fast baumfreien Abhang nicht weit hinter Sanatorium Berghof, alltäglich darauf herumzustümpern, wobei das eine und andere Mal Herr Settembrini aus einiger Entfernung ihm zuschaute, auf seinen Stock gestützt, die Füße anmutig gekreuzt, Gewandtheitsfortschritte mit Bravorufen begrüßend. Es lief gut ab, als Hans Castorp eines Tages, die geschaufelte Wegschleife gegen „Dorf“ hinuntersteuernd, im Begriffe, die Schneeschuhe zum Krämer zurückzubringen, dem Hofrat begegnete. Behrens erkannte ihn nicht, obgleich es heller Mittag war und der Anfänger fast mit ihm zusammengestoßen wäre. Er hüllte sich in eine Wolke Zigarrenrauchs und stapfte vorbei.

Hans Castorp erfuhr, daß man eine Fertigkeit rasch gewinnt, deren man innerlich bedürftig ist. Er erhob keine Ansprüche auf Virtuosentum. Was er brauchte, war ohne Überhitzung und Atemlosigkeit in ein paar Tagen erlernt. Er hielt sich an, die Füße hübsch beieinander zu halten und gleichlaufende Spuren zu schaffen, probte aus, wie man sich bei der Abfahrt des Stockes zum Lenken bedient, lernte Hindernisse, kleine Bodenerhebungen, die Arme ausgebreitet, im Schwunge nehmen, aufgehoben und abtauchend wie ein Schiff auf stürmischer See, und fiel seit dem zwanzigsten Versuch nicht mehr um, wenn er in voller Fahrt mit Telemarkschwung bremste, das eine Bein vorgeschoben, das andere ins Knie gebeugt. Allmählich erweiterte er den Umkreis seiner Übungen. Eines Tages sah Herr Settembrini ihn im weißlichen Nebel verschwinden, rief ihm durch die hohlen Hände eine Warnung nach und ging pädagogisch befriedigt nach Hause.

Es war schön im winterlichen Gebirge, – nicht schön auf gelinde und freundliche Weise, sondern so, wie die Nordseewildnis schön ist bei starkem West, – zwar ohne Donnerlärm, sondern in Totenstille, doch ganz verwandte Ehrfurchtsgefühle erweckend. Hans Castorps lange, biegsame Sohlen trugen ihn in allerlei Richtung: entlang der linken Lehne gegen Clavadel oder rechtshin an Frauenkirch und Glaris vorüber, hinter denen der Schatten des Amselfluhmassivs im Nebel spukte; auch in das Dischmatal oder hinter dem Berghof empor in Richtung auf das bewaldete Seehorn, von dem nur die schneeige Spitze über die Baumgrenze ragte, und den Drusatschawald, hinter dem man den bleichen Schattenriß der tief verschneiten Rhätikonkette erblickte. Er ließ sich auch mit seinen Hölzern von der Drahtseilbahn zur Schatzalp steil aufheben und trieb sich gemächlich dort oben, zweitausend Meter hoch entführt, auf schimmernden Schrägflächen von Puderschnee herum, die bei sichtigem Wetter einen hehren Weitblick über die Landschaft seiner Abenteuer boten.

Er freute sich seiner Errungenschaft, vor welcher die Unzugänglichkeit sich auftat und Hindernisse fast zunichte wurden. Sie umgab ihn mit erwünschter Einsamkeit, der erdenklich tiefsten sogar, einer Einsamkeit, die das Herz mit Empfindungen des menschlich Wildfremden und Kritischen berührte. Da war wohl zu seiner einen Seite ein Tannenabsturz hinab in Schneedunst und andererseits ein Felsenaufstieg mit ungeheueren, zyklopischen, gewölbten und gebuckelten, Höhlen und Kappen bildenden Schneemassen. Die Stille, wenn er regungslos stehen blieb, um sich selbst nicht zu hören, war unbedingt und vollkommen, eine wattierte Lautlosigkeit, unbekannt, nie vernommen, sonst nirgends vorkommend. Da war kein Windhauch, der die Bäume auch nur aufs leiseste gerührt hätte, kein Rauschen, nicht eine Vogelstimme. Es war das Urschweigen, das Hans Castorp belauschte, wenn er so stand, auf seinen Stock gestützt, den Kopf zur Schulter geneigt, mit offenem Munde; und still und unablässig schneite es weiter darin, ruhig hinsinkend, ohne einen Laut.

Nein, diese Welt in ihrem bodenlosen Schweigen hatte nichts Wirtliches, sie empfing den Besucher auf eigene Rechnung und Gefahr, sie nahm ihn nicht eigentlich an und auf, sie duldete sein Eindringen, seine Gegenwart auf eine nicht geheuere, für nichts gutstehende Weise, und Gefühle des still bedrohlich Elementaren, des nicht einmal Feindseligen, vielmehr des Gleichgültig-Tödlichen waren es, die von ihr ausgingen. Das Kind der Zivilisation, fern und fremd der wilden Natur von Hause aus, ist ihrer Größe viel zugänglicher als ihr rauher Sohn, der, von Kindesbeinen auf sie angewiesen, in nüchterner Vertraulichkeit mit ihr lebt. Dieser kennt kaum die religiöse Furcht, mit der jener, die Augenbrauen hochgezogen, vor sie tritt, und die sein ganzes Empfindungsverhältnis zu ihr in der Tiefe bestimmt, eine beständige fromme Erschütterung und scheue Erregung in seiner Seele unterhält. Hans Castorp, in seiner langärmeligen Kamelhaarweste, seinen Wickelgamaschen und auf seinen Luxusski, kam sich im Grunde sehr keck vor im Belauschen der Urstille, der tödlich lautlosen Winterwildnis, und das Erleichterungsgefühl, das sich meldete, wenn auf dem Heimweg die ersten menschlichen Wohnstätten im Geschleier wieder auftauchten, machte ihm seinen vorherigen Zustand bewußt und lehrte ihn, daß stundenlang ein heimlich-heiliger Schrecken sein Gemüt beherrscht hatte. Auf Sylt hatte er, in weißen Hosen, sicher, elegant und ehrerbietig, am Rande der mächtigen Brandung gestanden wie vor einem Löwenkäfig, hinter dessen Gitter die Bestie ihren Rachen mit den fürchterlichen Reißzähnen schlundtief ergähnen läßt. Dann hatte er gebadet, während ein Strandwächter auf einem Hörnchen denjenigen Gefahr zublies, die frecherweise versuchten, über die erste Welle hinauszudringen, dem herantreibenden Ungewitter auch nur zu nahe zu kommen, und noch der letzte Auslauf des Katarakts hatte den Nacken wie Prankenschlag getroffen. Von dorther kannte der junge Mensch das Begeisterungsglück leichter Liebesberührungen mit Mächten, deren volle Umarmung vernichtend sein würde. Was er aber nicht gekannt hatte, war die Neigung, diese begeisternde Berührung mit der tödlichen Natur so weit zu verstärken, daß die volle Umarmung drohte, – als ein schwaches, wenn auch bewaffnetes und von der Zivilisation leidlich ausgestattetes Menschenkind, das er war, sich so weit ins Ungeheuerliche vorzuwagen, oder doch so lange nicht davor zu fliehen, bis der Verkehr das Kritische streifte und ihm kaum noch beliebig Grenzen zu setzen waren, bis es sich nicht mehr um Schaumauslauf und leichten Prankenschlag handelte, sondern um die Welle, den Rachen, das Meer.

Mit einem Worte: Hans Castorp hatte Mut hier oben, – wenn Mut vor den Elementen nicht stumpfe Nüchternheit im Verhältnis zu ihnen, sondern bewußte Hingabe und aus Sympathie bezwungenen Todesschrecken bedeutet. – Sympathie? – Allerdings, Hans Castorp hegte Sympathie mit den Elementen in seiner schmalen, zivilisierten Brust; und da war ein Zusammenhang dieser Sympathie mit dem neuen Würdegefühl, dessen er sich beim Anblick des schlittelnden Völkchens bewußt geworden, und das ihm eine tiefere und größere, weniger hotelbequeme Einsamkeit als die seiner Balkonloge hatte schicklich und wünschenswert erscheinen lassen. Von dort aus hatte er das hohe Nebelgebirg, den Tanz des Schneesturms betrachtet und sich seines Gaffens über die Brustwehr des Komforts hin in seiner Seele geschämt. Darum, und nicht aus Sportfexerei noch aus angeborner Körperfreudigkeit, hatte er Skilaufen gelernt. Wenn es ihm nicht geheuer war dort in der Größe, der schneienden Totenstille – und das war es dem Kinde der Zivilisation durchaus nicht –: nun, so hatte er vom nicht Geheueren längst hier oben mit Geist und Sinn gekostet. Ein Kolloquium mit Naphta und Settembrini war auch nicht just das Geheuerste; ebenfalls führte es ins Weglose und Hochgefährliche; und wenn von Sympathie mit der großen Winterwildnis auf seiten Hans Castorps die Rede sein konnte, so darum, weil er sie, seines frommen Schreckens ungeachtet, als passenden Schauplatz für das Austragen seiner Gedankenkomplexe empfand, als geziemenden Aufenthalt für einen, der, ohne freilich recht zu wissen, wie er dazu kam, mit Regierungsgeschäften, betreffend Stand und Staat des homo Dei beschwert war.

Kein Mann war hier, der Vorwitzigen auf einem Hörnchen Gefahr geblasen hätte, es sei denn, Herr Settembrini wäre dieser Mann gewesen, als er dem entschwindenden Hans Castorp durch die hohlen Hände zugerufen hatte. Dieser aber hatte Mut und Sympathie, er achtete des Zurufs in seinem Rücken nicht mehr, als er dessen geachtet hatte, der bei gewissen Schritten einst in der Faschingsnacht hinter ihm drein geklungen war. „Eh, Ingeniere, un po’ di ragione, sa!“ Ach ja, du pädagogischer Satana mit deiner ragione und ribellione, dachte er. Übrigens habe ich dich gern. Du bist zwar ein Windbeutel und Drehorgelmann, aber du meinst es gut, meinst es besser und bist mir lieber als der scharfe kleine Jesuit und Terrorist, der spanische Folter- und Prügelknecht mit seiner Blitzbrille, obgleich er fast immer recht hat, wenn ihr euch zankt ... euch pädagogisch um meine arme Seele rauft, wie Gott und Teufel um den Menschen im Mittelalter ...

Die Beine bepudert, stöckelte er sich irgendwo bleiche Höhen hinan, deren Lakengebreite sich in Terrassen, absatzweise erhoben, höher und höher, man wußte nicht wohin; es schien, daß sie nirgends hinführten; ihre obere Region verschwamm mit dem Himmel, der ebenso nebelweiß war wie sie, und von dem man nicht wußte, wo er anfing; kein Gipfel, keine Gratlinie war sichtbar, es war das dunstige Nichts, gegen das Hans Castorp sich emporschob, und da auch hinter ihm die Welt, das bewohnte Menschental, sich sehr bald schloß und den Augen abhanden kam, auch kein Laut von dorther mehr zu ihm drang, so war denn seine Einsamkeit, ja Verlorenheit, ehe er’s gedacht, so tief, wie er sie sich nur hatte wünschen können, tief bis zum Schrecken, der die Vorbedingung des Mutes ist. „Praeterit figura hujus mundi“, sagte er bei sich in einem Latein, das nicht humanistischen Geistes war, – er hatte die Redensart von Naphta gehört. Er blieb stehen und sah sich um. Es war überall gar nichts und nirgends etwas zu sehen, außer einzelnen ganz kleinen Schneeflocken, die aus dem Weiß der Höhe kommend auf das Weiß des Grundes niedersanken, und die Stille ringsumher war gewaltig nichtssagend. Während sein Blick sich in der weißen Leere brach, die ihn blendete, fühlte er sein Herz sich regen, das vom Aufstieg pochte, – dies Herzmuskelorgan, dessen tierische Gestalt und dessen Art zu schlagen er unter den knatternden Blitzen der Durchleuchtungskammer, frevelhafterweise vielleicht, belauscht hatte. Und eine Art von Rührung wandelte ihn an, eine einfache und andächtige Sympathie mit seinem Herzen, dem schlagenden Menschenherzen, so ganz allein hier oben im Eisig-Leeren mit seiner Frage und seinem Rätsel.

Er schob sich weiter, höher hinauf, gegen den Himmel. Manchmal stieß er das obere Ende seines Skistockes in den Schnee und sah zu, wie blaues Licht aus der Tiefe des Loches dem Stabe nachstürzte, wenn er ihn herauszog. Das machte ihm Spaß; er konnte lange stehen bleiben, um die kleine optische Erscheinung wieder und wieder zu erproben. Es war so ein eigentümliches zartes Berg- und Tiefenlicht, grünlich-blau, eisklar und doch schattig, geheimnisvoll anziehend. Es erinnerte ihn an das Licht und die Farbe gewisser Augen, schicksalblickender Schrägaugen, die Herr Settembrini vom humanistischen Standpunkte aus verächtlich als „Tatarenschlitze“ und „Steppenwolfslichter“ bezeichnet hatte, – an früh erschaute und unvermeidlich wieder gefundene, an Hippes und Clawdia Chauchats Augen. „Gern“, sagte er halblaut in der Lautlosigkeit. „Aber mach ihn nicht entzwei: Il est à visser, tu sais.“ Und im Geiste hörte er hinter sich wohllautende Mahnungen zur Vernunft.