Augenscheinlich gab es keinen glücklicheren Menschen, keinen, dessen Wesen und Wünsche in dieser besonderen Lebensform reiner aufgegangen wären. Mit einer Art von verschämter Wonne erzählte er, wie er zum erstenmal in seiner jungen Pracht am Rathaus vorübergegangen und dem Posten, der zur Ehrenbezeigung stillgestanden sei, aus einiger Entfernung abgewinkt habe. Er berichtete von kleinen Verdrießlichkeiten und Genugtuungen des Dienstes, von glänzend-wohliger Kameradschaft, von der verschmitzten Treue seines Burschen, komischen Zwischenfällen beim Exerzieren und in der Instruktionsstunde, von Besichtigungen und Liebesmahlen. Auch von gesellschaftlichen Dingen, Visiten, Diners, Bällen, war gelegentlich die Rede. Von seiner Gesundheit überhaupt nicht.

Bis gegen den Sommer nicht. Dann hieß es, er hüte das Bett, habe sich leider krank melden müssen: Katarrhfieber, Angelegenheit von ein paar Tagen. Anfang Juni tat er wieder Dienst, aber Mitte des Monats hatte er abermals „schlapp gemacht“, klagte bitter über sein „Pech“, und die Angst brach durch, er möchte etwa zum großen Manöver, Anfang August, auf das er sich von ganzem Herzen freute, nicht auf dem Posten sein. Unsinn, im Juli war er kerngesund, wochenlang, so lange, bis eine Untersuchung am Horizont erschien, die durch die vermaledeiten Schwankungen seiner Temperatur zur Notwendigkeit geworden war, und von der viel abhängen würde. Über das Ergebnis dieser Untersuchung hörte Hans Castorp dann lange nichts, und als es geschah, war es nicht Joachim, der ihm schrieb, – sei es, weil er nicht in der Lage war, zu schreiben, oder weil er sich schämte, – sondern seine Mutter, Frau Ziemßen, und sie telegraphierte. Sie zeigte an, die Beurlaubung Joachims auf einige Wochen sei ärztlicherseits als unumgänglich befunden worden. Hochgebirge indiziert, alsbaldige Abreise geraten, Belegung zweier Zimmer erbeten. Rückantwort bezahlt. Gezeichnet: Tante Luise.

Es war Ende Juli, als Hans Castorp in seiner Balkonloge diese Depesche durchflog, dann las und wieder las. Er nickte leise dazu, nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem ganzen Oberkörper, und sagte zwischen den Zähnen: „Szo, szo, szo! Szieh, szieh, szieh! – Joachim kommt wieder!“ durchfuhr ihn plötzlich die Freude. Aber er wurde gleich wieder still und dachte: „Hm, hm, schwerwiegende Neuigkeiten. Man könnte sie auch als schöne Bescherung bezeichnen. Verdammt, das ist schnell gegangen – schon reif für die Heimat! Die Mutter fährt mit –“ (er sagte „die Mutter“, nicht „Tante Luise“; sein Gefühl für Verwandtschaft, Familienbeziehungen hatte sich unvermerkt bis zur Fremdheit abgeschwächt) – „das ist gravierend. Und gerade vor den Manövern, auf die der Gute so brannte! Hm, hm, es liegt eine hübsche Portion Gemeinheit darin, höhnische Gemeinheit, es ist ein gegen-idealistisches Faktum. Der Körper triumphiert, er will es anders als die Seele, und setzt sich durch, zur Blamage der Hochfliegenden, die lehren, er sei der Seele untertan. Es scheint, sie wissen nicht, was sie sagen, denn wenn sie recht hätten, so würfe das ein zweifelhaftes Licht auf die Seele, in einem Fall wie diesem. Sapienti sat, ich weiß, wie ichs meine. Denn die Frage, die ich aufstelle, ist eben, wie weit es verfehlt ist, sie gegeneinander zu stellen, wie weit sie vielmehr unter einer Decke stecken und eine abgekartete Partie spielen, – das fällt den Hochfliegenden zu ihrem Glück nicht ein. Guter Joachim, wer wollte dir und deinem Biereifer zu nahe treten! Du meinst es ehrlich – aber was ist Ehrlichkeit, frage ich, wenn Körper und Seele nun mal unter einer Decke stecken? Sollte es möglich sein, daß du gewisse erfrischende Düfte, eine hohe Brust und ein grundloses Gelächter nicht hast vergessen können, die am Tische der Stöhr deiner warten? ... Joachim kommt wieder!“ dachte er neuerdings und zog sich zusammen vor Freude. „Er kommt in schlechtem Zustande, offenbar, aber wir werden wieder zu zweien sein, ich werde nicht mehr so ganz auf eigene Hand hier oben leben. Das ist gut. Es wird nicht alles genau wie früher sein; sein Zimmer ist ja besetzt: Mistreß Macdonald, da hustet sie auf ihre klanglose Art und hat natürlich wieder die Photographie ihres kleinen Sohnes neben sich auf dem Tischchen oder auch in der Hand. Aber das ist finales Stadium, und wenn das Zimmer noch nicht wieder vorgemerkt ist, so ... Vorläufig wird ja ein anderes zu haben sein. 28 ist frei, meines Wissens. Ich will gleich auf die Verwaltung und namentlich zu Behrens. Ist das eine Neuigkeit, – traurig von der einen und famos von der anderen Seite, aber jedenfalls eine mächtige Neuigkeit! Ich möchte nur auf den gdießenden Kameraden warten, der gleich kommen muß, da es, wie ich sehe, halb vier ist. Ich möchte ihn fragen, ob er auch in diesem Falle der Meinung bleibt, daß man das Körperliche als sekundär zu betrachten hat ...“

Noch vorm Tee war er im Verwaltungsbureau. Das gedachte Zimmer, am selben Korridor wie seines gelegen, stand zur Verfügung. Auch für Frau Ziemßen würde sich Unterkunft finden. Er eilte zu Behrens. Er traf ihn im „Labor“, eine Zigarre in der einen Hand, in der anderen ein Reagenzglas mißfarbenen Inhalts.

„Herr Hofrat, wissen Sie was?“ begann Hans Castorp ...

„Ja, daß der Ärger nicht abreißt“, erwiderte der Pneumotom. „Das ist Rosenheim aus Utrecht“, sagte er und wies mit der Zigarre auf das Glas. „Gaffky zehn. Und da kommt Fabrikdirektor Schmitz und zetert und beschwert sich, daß Rosenheim auf der Promenade ausgespuckt hat, – mit Gaffky zehn. Und ich soll ihn rüffeln. Aber wenn ich ihn rüffle, so kriegt er Zustände, denn er ist maßlos irritabel und hat mit Familie drei Zimmer belegt. Ich kann ihn nicht rausgraulen, ich kriege es mit der Generaldirektion zu tun. Da sehen Sie, in was für Konflikte man jeden Augenblick gerät, und wenn man auch noch so gern still und unbefleckt seines Weges ziehen möchte.“

„Dumme Geschichte“, sagte Hans Castorp mit der Einsicht des Intimen und Altsassen. „Ich kenne die Herren. Schmitz ist kolossal korrekt und strebsam und Rosenheim reichlich salopp. Vielleicht bestehen aber auch noch andere, als hygienische, Reibungsflächen, ich möchte es glauben. Schmitz und Rosenheim sind beide befreundet mit Doña Perez aus Barcelona, vom Tisch der Kleefeld, das wird es im Grunde wohl sein. Ich würde vorschlagen, das betreffende Verbot vielleicht allgemein wieder in Erinnerung zu bringen und übrigens ein Auge zuzudrücken.“

„Natürlich drücke ich. Ich kriege ja schon Blepharospasmus vor lauter Augenzudrücken. Was treten Sie hier denn an?“

Und Hans Castorp rückte heraus mit seiner traurigen und auch wieder famosen Neuigkeit.

Nicht, daß der Hofrat überrascht gewesen wäre. Er wäre es auf keinen Fall gewesen, war es aber besonders nicht, weil Hans Castorp ihn, gefragt oder ungefragt, über Joachims Ergehen auf dem laufenden gehalten und schon im Mai Bettlägerigkeit signalisiert hatte.