„Gut, lachen wir!“ sagte er. „Zur Heiterkeit werden Sie mich immer bereit finden. ‚Das Lachen ist ein Erglänzen der Seele‘, sagt ein Alter. Auch sind wir abgekommen – auf Dinge, die, wie ich zugebe, mit den Schwierigkeiten zusammenhängen, auf die unsere Vorarbeiten zur Herstellung des maurerischen Weltbundes stoßen, Schwierigkeiten, die namentlich das protestantische Europa entgegenstellt ...“ Und Herr Settembrini fuhr fort, mit Wärme von dem Gedanken dieses Weltbundes zu sprechen, der von Ungarn aus ins Leben getreten und dessen zu erhoffende Verwirklichung bestimmt sei, der Freimaurerei weltentscheidende Macht zu verleihen. Er zeigte leichthin Briefe vor, die er von auswärtigen Bundesgrößen in dieser Sache empfangen, ein eigenhändiges Schreiben des schweizerischen Großmeisters, Bruder Quartier la Tente vom dreiunddreißigsten Grade, und erörterte den Plan, das Kunstidiom Esperanto zur Bundesweltsprache zu erklären. Sein Eifer erhob ihn zur Sphäre der hohen Politik, er richtete sein Auge dahin und dorthin und schätzte die Aussichten ab, die der revolutionär-republikanische Gedanke in seiner eigenen Heimat, in Spanien, in Portugal besitze. Auch mit Personen, die an der Spitze der Großloge der letztgenannten Monarchie standen, wollte er briefliche Fühlung unterhalten. Dort reiften zweifellos die Dinge der Entscheidung entgegen. Hans Castorp möge an ihn denken, wenn in allernächster Zeit da unten die Ereignisse sich überstürzen würden. Hans Castorp versprach, das zu tun.
Es will bemerkt sein, daß diese maurerischen Plaudereien, die zwischen dem Zögling und jedem der beiden Mentoren gesondert verliefen, noch in die Zeit vor Joachims Heimkehr zu Denen hier oben gefallen waren. Die Auseinandersetzung, auf die wir nun kommen, ereignete sich schon während seiner Wiederanwesenheit und in seiner Gegenwart, neun Wochen nach seiner Rückkehr, Anfang Oktober, und Hans Castorp behielt dies Beisammensein in der Herbstsonne vor dem Kurhaus in „Platz“, bei erfrischenden Getränken, darum allezeit so genau im Gedächtnis, weil Joachim ihm damals heimliche Sorge gemacht hatte, – Sorge durch Angaben und Erscheinungen, die sonst eben keine Sorge einzuflößen pflegen, nämlich durch Halsschmerzen und Heiserkeit: harmlose Belästigungen also, die aber dem jungen Castorp in einem irgendwie eigentümlichen Licht erschienen, – eben dem Licht, so kann man sagen, das er in der Tiefe von Joachims Augen zu gewahren glaubte, diesen Augen, die immer sanft und groß gewesen waren, heute aber, genau erst heute, eine gewisse unbestimmbare Vergrößerung und Vertiefung von sinnendem und – man muß das sonderbare Wort hinzufügen – drohendem Ausdruck nebst jener erwähnten stillen Erleuchtung von innen her erfahren hatten, die ganz falsch gekennzeichnet wäre, wenn man sagte, sie hätte Hans Castorp nicht gefallen, – im Gegenteil, sie gefiel ihm sogar sehr gut, nur daß sie ihm dennoch Sorge machte. Und kurz, es ist über diese Eindrücke gar nicht anders als verworren, ihrem eigenen Charakter gemäß, zu reden.
Das Gespräch, die Kontroverse – natürlich eine Kontroverse zwischen Naphta und Settembrini – angehend, so war sie eine Sache für sich und stand mit jenen Sondererörterungen über das Logenwesen nur in lockerem Zusammenhang. Außer den Vettern waren auch Ferge und Wehsal dabei zugegen, und aller Teilnahme war groß, obgleich nicht alle dem Gegenstande gewachsen waren, – Herr Ferge zum Beispiel war es ausdrücklich nicht. Aber ein Streit, der geführt wird, als ob es ums Leben ginge, außerdem aber mit einem Witz und Schliff, als ob es nicht ums Leben, sondern nur um ein elegantes Wettspiel ginge – und so wurden alle Dispute zwischen Settembrini und Naphta geführt –: ein solcher Streit ist selbstverständlich und an und für sich unterhaltend anzuhören, auch für den, der wenig davon versteht und seine Tragweite nur undeutlich absieht. Sogar ganz Unzugehörige, Umsitzende lauschten dem Wortwechsel mit hohen Augenbrauen, gefesselt von Leidenschaft und Zierlichkeit der Wechselrede.
Es war, wie gesagt, vor dem Kurhause, nachmittags nach dem Tee. Die vier Berghofgäste hatten Settembrini dort getroffen, und von ungefähr hatte Naphta sich zugesellt. Sie saßen alle um ein kleines metallenes Tischchen herum bei verschiedenen mit Soda verdünnten Getränken, Anis und Wermut. Naphta, der hier seine Vespermahlzeit einnahm, hatte sich Wein und Kuchen geben lassen, was offenbar eine Erinnerung an seine Alumnenzeit darstellte; Joachim befeuchtete seine leidende Kehle oft mit Naturlimonade, die er sehr stark und sauer trank, weil das zusammenziehe und ihm Erleichterung schaffe, und Settembrini genoß schlechthin Zuckerwasser, jedoch durch einen Strohhalm und auf so anmutig appetitliche Art, als schlürfe er die kostbarste Erquickung. Er scherzte:
„Was höre ich, Ingenieur? Was kommt mir gerüchtweise zu Ohren? Ihre Beatrice kehrt wieder? Ihre Führerin durch alle neun kreisenden Sphären des Paradieses? Nun, ich will hoffen, daß Sie auch dann die leitende Freundeshand Ihres Virgil nicht ganz verschmähen werden! Unser Ekklesiast hier wird Ihnen bestätigen, daß die Welt des medio evo nicht komplett ist, wenn franziskanischer Mystik der Gegenpol thomistischer Erkenntnis fehlt.“
Man lachte über soviel spaßhafte Gelehrsamkeit und sah Hans Castorp an, der ebenfalls lachend „seinem Virgil“ das Wermutglas entgegenhob. Es ist aber kaum zu glauben, was alles aus der, wenn auch geschnörkelten, so doch sehr harmlosen Äußerung Herrn Settembrinis sich an unerschöpflichem Geisteszwist in der nächsten Stunde ergab. Denn Naphta, freilich gewissermaßen herausgefordert, ging sofort zum Angriff über und machte sich über den lateinischen Dichter her, den Settembrini bekanntermaßen abgöttisch liebte, ja, über Homer stellte, während Naphta ihm, wie überhaupt der lateinischen Poesie, schon mehr als einmal die schärfste Geringschätzung bezeigt hatte – und eben hierzu auch jetzt die Gelegenheit prompt und boshaft ergriff. Es sei eine äußerst gutmütige Zeitbefangenheit des großen Dante gewesen, sprach er, diesen mittelmäßigen Versifex so feierlich zu nehmen und ihm in seinem Liede eine so hohe Rolle zuzuweisen, wenn auch Herr Lodovico dieser Rolle wohl eine allzu freimaurerische Bedeutung beilege. Was es denn weiter auf sich gehabt habe mit diesem höfischen Laureatus und Speichellecker des julischen Hauses, diesem Weltstadtliteraten und Prunkrhetor ohne einen Funken von Produktivität, dessen Seele, wenn er eine gehabt habe, jedenfalls aus zweiter Hand gewesen, und der überhaupt kein Dichter, sondern ein Franzose in augusteischer Allongeperücke gewesen sei!
Herr Settembrini zweifelte nicht, daß der Vorredner Mittel und Wege wissen werde, seine Verachtung der römischen Hochzivilisation mit seinem Amt als Lateinlehrer zu vereinbaren, doch scheine es nötig, ihn auf den schwereren Widerspruch hinzuweisen, in den er sich durch solche Urteile mit seinen eigenen Lieblingsjahrhunderten setze, die den Virgilius nicht nur nicht verachtet, sondern seiner Größe auf einfältige Art gerecht geworden seien, indem sie einen weisheitsmächtigen Zauberer aus ihm gemacht hätten.
Recht vergebens, versetzte Naphta, rufe Herr Settembrini die Einfalt jener morgendlichen Zeiten zu seiner Hilfe auf, – die Siegerin, die ihre Schöpferkraft noch in der Dämonisierung des Überwundenen bewährt habe. Übrigens seien die Lehrer der jungen Kirche nicht müde geworden, vor den Lügen der alten Philosophen und Dichter zu warnen, insonderheit davor, sich mit der üppigen Beredsamkeit des Virgil zu beflecken, und heute, wo wieder ein Zeitalter zu Grabe sinke, abermals ein proletarischer Morgen tage, sei wahrhaftig die Stunde günstig, ihnen nachzufühlen! So möge denn, um alles zu beantworten, Herr Lodovico auch überzeugt sein, daß er, Redner, sein bißchen bürgerliche Beschäftigung, worauf jener anzuspielen die Güte gehabt habe, mit aller gebotenen reservatio mentalis betreibe und sich nicht ohne Ironie in einen klassisch-rhetorischen Erziehungsbetrieb einordne, dessen Lebensdauer ein Sanguiniker allenfalls noch nach Jahrzehnten berechnen möge.
„Ihr habt sie,“ rief Settembrini, „ihr habt sie studiert, daß ihr schwitztet, diese alten Dichter und Philosophen, habt euch ihr kostbares Erbe anzueignen versucht, wie ihr das Material der antiken Bauwerke für eure Bethäuser benutztet! Denn ihr fühltet wohl, daß ihr aus eigener Kraft eurer proletarischen Seele keine neue Kunstform hervorzubringen vermöchtet und hofftet, das Altertum mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. So wird es wieder, so wird es immer gehen! Euere ungehobelte Morgendlichkeit wird sich in die Schule begeben müssen bei dem, was zu verachten ihr euch und andere bereden möchtet; denn ohne Bildung bestündet ihr nicht vor dem Angesicht der Menschheit, und es gibt nur eine Bildung: diejenige, die ihr die bürgerliche nennt, und die die menschliche ist!“ Eine Frage von Jahrzehnten – das Ende des humanistischen Erziehungsprinzips? Nur Höflichkeit hinderte Herrn Settembrini, in ein ebenso sorgloses wie spöttisches Gelächter auszubrechen. Ein Europa, das sein Ewigkeitsgut zu wahren wisse, werde über proletarische Apokalypsen, die man da und dort zu erträumen beliebe, in Gemütsruhe zur Tagesordnung klassischer Vernunft übergehen.
Über die Tagesordnung nun gerade, versetzte Naphta beißend, scheine Herr Settembrini nicht ganz wohlunterrichtet. Auf der Tagesordnung eben stehe als Frage, was jener als ausgemacht zu behandeln für gut finde: nämlich, ob die mediterran-klassisch-humanistische Überlieferung eine Menschheitssache und darum menschlich-ewig – oder ob sie allenfalls nur Geistesform und Zubehör einer Epoche, der bürgerlich-liberalen, gewesen sei und mit ihr sterben könne. Dies zu entscheiden, werde Sache der Geschichte sein, und es sei Herrn Settembrini immerhin zu empfehlen, sich nicht allzu sehr in Sicherheit zu wiegen, daß die Entscheidung im Sinn seines lateinischen Konservativismus fallen werde.