Sie lachte. „Ich müßte einmal danach suchen.“
„Ich trage das deine hier. Außerdem habe ich eine kleine Staffelei auf meiner Kommode, wo es bei Nacht und –“
Er kam nicht zu Ende. Vor ihm stand Peeperkorn. Er hatte sich nach seiner Reisebegleiterin umgesehen; durch die Portiere war er hereingekommen und stand vor dem Stuhle dessen, mit dem er sie hinterrücks plaudern sah, – stand da wie ein Turm, und zwar dicht vor Hans Castorps Füßen, so daß dieser, durch seinen Somnambulismus nicht an der Einsicht gehindert, daß es nun aufzustehen und höflich zu sein gelte, Mühe hatte, zwischen den beiden von seinem Stuhle emporzukommen, – er mußte sich seitlich davon herunterschieben, so daß denn also die handelnden Personen in einem Dreieck standen, den Stuhl in ihrer Mitte.
Frau Chauchat genügte einer Forderung des gesitteten Abendlandes, indem sie „die Herren“ einander vorstellte. Ein Bekannter von früher her, sagte sie in Bezug auf Hans Castorp, – aus Tagen ihres vorigen Aufenthalts. Herrn Peeperkorns Existenz bedurfte keiner Erläuterung. Sie nannte seinen Namen, und der Holländer, den blassen Blick unter dem idolhaften Arabeskenwerk seiner aufmerksam vertieften Stirn- und Schläfenfalten auf den jungen Mann gerichtet, reichte ihm die Hand, deren breiter Rücken sommersprossig war, – eine Kapitänshand, dachte Hans Castorp, wenn man die Nagellanzen beiseite ließ. Zum erstenmal stand er unter der unmittelbaren Einwirkung von Peeperkorns wuchtiger Persönlichkeit („Persönlichkeit“ – man hatte das Wort beständig im Sinne angesichts seiner; man wußte auf einmal, was das war, eine Persönlichkeit, wenn man ihn sah, ja mehr noch, man war überzeugt, daß eine Persönlichkeit überhaupt nicht anders aussehen könne als er), und seine schwanken Jünglingsjahre fühlten sich erdrückt von dem Gewicht dieser breitschultrigen, rotgesichtigen, weißumlohten Sechzig, mit dem weh zerrissenen Munde und Kinnbart, der lang und schmal auf die geistlich geschlossene Weste niederhing. Übrigens war Peeperkorn die Artigkeit selbst.
„Mein Herr,“ sagte er, „– durchaus. Nein, erlauben Sie mir, – durchaus! Ich mache heute abend Ihre Bekanntschaft, – die Bekanntschaft eines vertrauenerweckenden jungen Mannes, – ich tue es mit Bewußtsein, mein Herr, ich bin mit ganzer Kraft bei der Sache. Sie gefallen mir, mein Herr; ich – bitte sehr! Erledigt. Sie sagen mir zu.“
Da gab es keine Widerrede. Seine Kulturgebärden waren allzu peremtorisch, Hans Castorp gefiel ihm. Und Peeperkorn zog Folgerungen daraus, die er andeutungsweise verlautbarte, und die durch den Mund seiner Reisebegleiterin eine hilfreich-sinngemäße Ergänzung fanden.
„Mein Kind,“ sagte er, „– alles gut. Wie wäre es aber – ich bitte mich wohl zu verstehen. Das Leben ist kurz, unser Vermögen, seinen Anforderungen gerecht zu werden, es ist nun einmal – Das sind Tatsachen, mein Kind. Gesetze. Un–er–bittlichkeiten. Kurzum, mein Kind, kurzum und gut. –“ Er verharrte in ausdrucksvoll anheimstellender Geste, die Verantwortung ablehnend für den Fall, daß hier trotz seines Hinweises ein entscheidender Fehler begangen werden sollte.
Offenbar war Frau Chauchat geübt, die Richtung seiner Wünsche aufs halbe Wort zu unterscheiden. Sie sagte:
„Warum nicht. Man könnte noch etwas beieinander bleiben, vielleicht ein Spielchen machen und eine Flasche Wein trinken. Was stehen Sie?“ wandte sie sich an Hans Castorp. „Regen Sie sich! Wir werden nicht zu dreien bleiben, wir müssen Gesellschaft haben. Wer ist noch im Salon? Engagieren Sie, wen Sie finden! Holen Sie einige Freunde von den Balkons. Wir werden Doktor Ting-Fu von unserem Tische auffordern.“
Peeperkorn rieb sich die Hände.