Er senkte die Augen und nickte, um seinem erhabenen Nachbarn die Genugtuung des Verständnisses zu bereiten.

„Das ist wohl wahr“, sagte er. „Es mag Sünde sein – und ein Zeichen von Unzulänglichkeit – den Raffinements zu frönen, ohne den einfachen und natürlichen Gaben des Lebens, die so groß und heilig sind, gerecht geworden zu sein. Dies ist Ihre Meinung, wenn ich Sie recht verstehe, Mynheer Peeperkorn, und obgleich es mir selbst noch nicht eingefallen ist, kann ich Ihnen aus eigener Überzeugung zustimmen, da Sie darauf hinweisen. Es mag übrigens selten genug vorkommen, daß diesen gesunden und einfachen Lebensgaben so recht volle Gerechtigkeit widerfährt. Bestimmt sind die meisten Leute zu schlaff und unaufmerksam und gewissenlos und innerlich ausgeleiert, um sie ihnen widerfahren zu lassen, so wird es wohl sein.“

Der Gewaltige war hoch befriedigt. „Junger Mann,“ sagte er, „– perfekt. Wollen Sie mir erlauben – kein Wort weiter. Ich bitte Sie, mit mir zu trinken, das Glas bis zum Grunde zu leeren, und zwar Arm um Arm. Dies soll noch nicht heißen, daß ich Ihnen das brüderliche Du anbiete, – ich war eben im Begriff, es zu tun, besinne mich aber, daß es ein klein wenig zu überstürzt wäre. Ich werde es Ihnen höchstwahrscheinlich in sehr absehbarer Zeit – Verlassen Sie sich darauf! Wenn Sie aber wünschen und darauf bestehen, daß wir sofort –“

Hans Castorp befürwortete andeutend den von Peeperkorn selbst angeregten Aufschub.

„Gut, mein Junge. Gut, Kamerad. Unzulänglichkeit – gut. Gut und schaudervoll. Gewissenlos, – sehr gut. Gaben – nicht gut. Anforderungen! Heilige, weibliche Anforderungen des Lebens an Ehre und Manneskraft –“

Hans Castorp mußte plötzlich erkennen, daß Peeperkorn schwer betrunken war. Doch wirkte auch seine Betrunkenheit nicht gering und beschämend, nicht als Entwürdigungszustand, sondern verband sich mit der Majestät seiner Natur zu einer großartigen und ehrfurchtgebietenden Erscheinung. Auch Bacchus selbst, dachte Hans Castorp, stützte sich betrunken auf seine enthusiastischen Begleiter, ohne darum an Gottheit einzubüßen, und im höchsten Grade kam es darauf an, wer betrunken war, eine Persönlichkeit oder ein Leineweber. Er hütete sich innerlichst, im Respekt vor dem erdrückenden Reisebegleiter im geringsten nachzulassen, dessen Kulturgebärden schlaff geworden waren und dessen Zunge lallte.

„Duzbruder –“ sagte Peeperkorn, den mächtigen Körper in freier und stolzer Trunkenheit zurückgeworfen, den Arm auf der Tischplatte ausgestreckt und mit der schlaff geballten Faust leicht aufschlagend, „– in Aussicht genommen, – in nahe Aussicht, wenn auch Besonnenheit zunächst noch – gut. Erledigt. Das Leben – junger Mann – es ist ein Weib, ein hingespreitet Weib, mit dicht beieinander quellenden Brüsten und großer, weicher Bauchfläche zwischen den ausladenden Hüften, mit schmalen Armen und schwellenden Schenkeln und halbgeschlossenen Augen, das in herrlicher, höhnischer Herausforderung unsere höchste Inständigkeit beansprucht, alle Spannkraft unserer Manneslust, die vor ihm besteht oder zuschanden wird, – zuschanden, junger Mann, begreifen Sie, was das hieße? Die Niederlage des Gefühls vor dem Leben, das ist die Unzulänglichkeit, für die es keine Gnade, kein Mitleid und keine Würde gibt, sondern die erbarmungslos und hohnlachend verworfen ist, – er–ledigt, junger Mann, und ausgespien ... Schmach und Entehrung sind gelinde Worte für diesen Ruin und Bankerott, für diese grauenhafte Blamage. Sie ist das Ende, die höllische Verzweiflung, der Weltuntergang ...“

Der Holländer hatte beim Sprechen den mächtigen Körper mehr und mehr zurückgeworfen, während zugleich sein königliches Haupt sich zur Brust neigte, als wollte er einschlafen. Bei dem letzten Worte aber ließ er die schlaffe Faust ausholend zu schwerem Schlage auf den Tisch fallen, so daß der schmächtige Hans Castorp, nervös von Spiel und Wein und von der Eigentümlichkeit aller Umstände, zusammenfuhr und ehrfürchtig erschrocken auf den Gewaltigen blickte. „Weltuntergang“ – wie das Wort ihm zu Gesichte stand! Hans Castorp erinnerte sich nicht, es jemals aussprechen gehört zu haben, außer etwa in der Religionsstunde, und das war kein Zufall, dachte er, denn wem unter allen Menschen, die er kannte, wäre ein solches Donnerwort wohl zugekommen, wer hatte das Format dafür – um die Frage richtig zu stellen? Der kleine Naphta hätte sich seiner wohl einmal bedienen können; doch wäre das Usurpation und scharfes Geschwätz gewesen, während in Peeperkorns Munde das Donnerwort seine ganze schmetternde und posaunenumdröhnte Wucht, kurz, biblische Größe gewann. „Mein Gott – eine Persönlichkeit!“ empfand er zum hundertstenmal. „Ich bin an eine Persönlichkeit geraten, und sie ist Clawdias Reisebegleiter!“ Ziemlich benebelt auch seinerseits, drehte er sein Weinglas auf dem Tisch um sich selbst, die andere Hand in der Hosentasche und ein Auge zugekniffen vor dem Rauch der Zigarette, die er im Mundwinkel hielt. Hätte er nicht schweigen sollen, nachdem von berufener Seite Donnerworte gesprochen worden? Was sollte da noch seine spröde Stimme? Aber an Diskussion gewöhnt durch seine demokratischen Erzieher – beide von Natur demokratisch, obgleich der eine sich sträubte, es zu sein –, ließ er sich zu einem seiner treuherzigen Kommentare verleiten. Er sagte:

„Ihre Bemerkungen, Mynheer Peeperkorn“ (was war das für ein Ausdruck: Bemerkungen! Macht man „Bemerkungen“ über den Weltuntergang?), „führen meine Gedanken noch einmal auf das zurück, was vorhin über das Laster ausgemacht wurde, nämlich daß es in einer Beleidigung der einfachen und, wie Sie sagen, heiligen, oder, wie ich sagen möchte, klassischen Lebensgaben besteht, der Lebensgaben von Format, sozusagen, zugunsten der späten und ausgepichten, der Raffinements, denen man ‚frönt‘, wie einer von uns beiden sich ausdrückte, während man sich den großen ‚weiht‘ und ihnen ‚huldigt‘. Aber hier scheint mir nun eben auch die Entschuldigung – verzeihen Sie, ich bin eine zur Entschuldigung geneigte Natur, – obgleich Entschuldigung wohl kein Format hat, wie ich deutlich fühle – die Entschuldigung also für das Laster zu liegen, und zwar gerade insofern es auf ‚Unzulänglichkeit‘, wie wir es nannten, beruht. Sie haben über die Schrecken der Unzulänglichkeit Dinge solchen Formates gesagt, daß Sie mich aufrichtig betroffen sehen davon. Aber ich meine, der Lasterhafte zeigt sich durchaus nicht unempfindlich für diese Schrecken, sondern im Gegenteil läßt er ihnen alle Gerechtigkeit widerfahren, indem das Versagen seines Gefühls vor den klassischen Lebensgaben ihn zum Laster treibt, worin also keine Beleidigung des Lebens liegt oder zu liegen braucht, da es ebensogut als Huldigung davor aufgefaßt werden kann, und zwar insofern die Raffinements ja Rausch- und Erhebungsmittel darstellen, stimulantia, wie man sagt, Stützen und Steigerungen der Gefühlskräfte, weshalb denn also doch das Leben ihr Zweck und Sinn ist, die Liebe zum Gefühl, das Trachten der Unzulänglichkeit nach Gefühl ... Ich meine ...“

Was redete er da? War es nicht der demokratischen Unverschämtheit genug, „einer von uns beiden“ zu sagen, wo es sich um eine Persönlichkeit und um ihn handelte? Zog er den Mut zu dieser Frechheit aus Vergangenheiten, die gewisse gegenwärtige Besitzrechte in ein schiefes Licht setzten? Stach ihn der Haber, daß er sich obendrein in eine ebenfalls durchaus unverschämte Analyse des „Lasters“ verstricken mußte? Nun mochte er sehen, wie er sich aus der Sache zog; denn es war klar, daß er Fürchterliches heraufbeschworen.