Peeperkorn, an den Kammerdiener gelehnt, zog seine Arabesken hoch und verlangte zu wissen, warum das nicht gehe.
„Weil ich mit Ihrer Reisebegleiterin keine Stirnküsse tauschen kann“, sagte Hans Castorp. „Ich wünsche recht wohl zu ruhen! Nein, das wäre, von allen Seiten gesehen, der reine Unsinn.“
Und da auch Frau Chauchat schon auf ihre Zimmertür zuging, so ließ Peeperkorn den Widerspenstigen ziehen, indem er ihm freilich noch eine Weile über die eigene Schulter und die des Malaien mit angezogenem Faltenwerk nachblickte, erstaunt über eine Unbotmäßigkeit, auf die seine Herrschernatur nicht zu stoßen gewohnt sein mochte.
Mynheer Peeperkorn (Des Weiteren)
Mynheer Peeperkorn blieb in Haus Berghof während dieses ganzen Winters – soviel davon noch übrig war – und bis ins Frühjahr hinein, so daß es zuletzt noch zu einem recht denkwürdigen gemeinsamen Ausflug (auch Settembrini und Naphta waren dabei) ins Flüelatal und zum dortigen Wasserfall kam ... Zuletzt noch? Und danach blieb er also nicht länger? – Nein, länger nicht. – Er reiste ab? – Ja und nein. – Ja und nein? Bitte, keine Geheimniskrämerei! Man wird sich zu fassen wissen. Auch Leutnant Ziemßen ist gestorben, von so vielen minder ehrenhaften Tänzern des Todes ganz abgesehen. Der undeutliche Peeperkorn wurde also vom malignen Tropenfieber dahingerafft? – Nein, das wurde er nicht, aber wozu die Ungeduld? Daß nicht alles auf einmal da ist, bleibt als Bedingung des Lebens und der Erzählung zu achten, und man wird sich doch wohl gegen die gottgegebenen Formen menschlicher Erkenntnis nicht auflehnen wollen! Geben wir der Zeit wenigstens soviel Ehre, wie das Wesen unserer Geschichte uns noch erlaubt! Viel ist es ohnehin nicht mehr damit, es geht nachgerade holterdiepolter! oder, wenn das zu lärmend gesagt ist, es geht husch, husch! Ein Weiserchen mißt unsere Zeit, das trippelt, als ob es Sekunden mäße, während es jedesmal, Gott weiß, was, zu bedeuten hat, wenn es kaltblütig und ohne Aufenthalt durch seinen Höhepunkt geht. Schon Jahre, soviel ist sicher, sind wir hier oben, uns schwindelt, das ist ein Lastertraum ohne Opium und Haschisch, der Sittenrichter wird uns verurteilen, – und doch stellen wir der schlimmen Umnebelung absichtlich viel Verstandeshelligkeit und logische Schärfe entgegen! Nicht zufällig, das möge anerkannt werden, haben wir uns Köpfe wie die Herren Naphta und Settembrini zum Umgang erwählt, statt uns etwa gar mit lauter undeutlichen Peeperkorns zu umgeben, – und das führt nun freilich zu einem Vergleich, der in mancher Hinsicht und namentlich im Punkte des Formats zugunsten dieser späten Erscheinung ausschlagen muß, wie er es denn auch in Hans Castorps Gedanken tat, wenn er in seiner Loge lag und sich gestand, daß die beiden überartikulierten Erzieher, die seine arme Seele in die Mitte genommen, neben Pieter Peeperkorn geradezu verzwergten, so daß er geneigt war, sie zu nennen, wie jener in königlich trunkener Neckerei ihn selbst genannt hatte, nämlich „Schwätzerchen“, und es sehr gut und glücklich hieß, daß die hermetische Pädagogik ihn auch mit einer ausgemachten Persönlichkeit noch in Berührung brachte.
Daß diese Persönlichkeit als Clawdia Chauchats Reisebegleiter und also als gewaltige Störung auf den Plan trat, war ein Punkt für sich, durch den sich Hans Castorp in seinen Wertungen nicht beirren ließ. Er ließ sich, wiederholen wir, nicht beirren in seiner aufrichtig achtungsvollen, wenn auch zuweilen etwas kecken Teilnahme für einen Mann von Format, – nur weil dieser gemeinsame Reisekasse führte mit der Frau, von der Hans Castorp sich in der Faschingsnacht einen Bleistift geliehen. Das lag nicht in seiner Art, – wobei wir durchaus damit rechnen, daß mancher oder manche in unserem Zirkel Anstoß nehmen wird an solcher „Temperamentlosigkeit“ und es lieber sehen würde, wenn er Peeperkorn gehaßt und gemieden und innerlich von ihm nur als von einem alten Esel und kaudernden Trunkenbold gesprochen hätte, statt ihn zu besuchen, wenn er vom Wechselfieber gepackt war, an seinem Bette zu sitzen, mit ihm zu plaudern – ein Wort, das natürlich nur auf seine Beiträge zu den Gesprächen paßt, nicht auf die des großartigen Peeperkorn – und mit der Neugier eines Bildungsreisenden das Wesen der Persönlichkeit auf sich wirken zu lassen. Das aber tat er, und wir erzählen es, gleichgültig gegen die Gefahr, daß jemand sich dadurch an Ferdinand Wehsal erinnert finden könnte, der Hans Castorps Paletot getragen hatte. Diese Erinnerung hat nichts zu sagen. Unser Held war kein Wehsal. Elendstiefen waren nicht seine Sache. Er war nur eben kein „Held“, das heißt: er ließ sein Verhältnis zum Männlichen nicht durch die Frau bestimmen. Unserem Grundsatz getreu, ihn weder besser noch schlechter zu machen, als er war, stellen wir fest, daß er es einfach ablehnte – nicht bewußt und ausdrücklich, sondern ganz naiverweise es ablehnte, sich durch romanhafte Einflüsse um die Gerechtigkeit gegen das eigene Geschlecht bringen zu lassen – und um den Sinn für förderliche Bildungserlebnisse in dieser Sphäre. Das mag den Frauen mißfallen – wir glauben zu wissen, daß Frau Chauchat unwillkürlich Ärgernis daran nahm; eine oder die andere spitze Bemerkung, die sie sich entschlüpfen ließ, und die wir noch einrücken werden, ließ darauf schließen –, aber vielleicht war es diese Eigenschaft, die ihn zu einem so tauglichen Streitobjekt der Pädagogik machte.
Pieter Peeperkorn lag viel krank, – daß er es gleich am Tage nach jenem ersten Karten- und Sektabend tat, konnte nicht wundernehmen. Fast alle Teilnehmer an der ausgedehnten und angespannten Geselligkeit waren übel daran, Hans Castorp nicht ausgenommen, der starke Kopfschmerzen hatte, sich aber durch diese Last nicht abhalten ließ, dem Gastgeber von gestern einen Krankenbesuch zu machen: Durch den Malaien, den er auf dem Korridor des ersten Stockwerks traf, ließ er das Anerbieten an Peeperkorn ergehen und wurde willkommen geheißen.
Er betrat das zweibettige Schlafzimmer des Holländers durch einen Salon, der es von demjenigen Frau Chauchats trennte, und fand es vor dem Durchschnittstypus der Berghofgastzimmer ausgezeichnet durch Geräumigkeit und Eleganz der Ausstattung. Es gab da seidene Fauteuils und Tische mit geschweiften Beinen; ein weicher Teppich bedeckte den Boden, und auch die Betten waren nicht vom Schlage gewöhnlicher hygienischer Totenbetten, sie waren sogar prachtvoll: aus poliertem Kirschholz mit Messingbeschlägen und hatten einen kleinen gemeinsamen Himmel – ohne Gardinengehänge –, es war eben nur ein kleiner, schirmend vereinigender Baldachin.
Peeperkorn lag in der einen der beiden Bettstätten, Bücher, Briefe und Zeitungen auf der rotseidenen Steppdecke, und las durch seinen hochragenden Hornzwicker den „Telegraaf“. Kaffeegeschirr stand auf einem Stuhle neben ihm und eine halbgeleerte Rotweinflasche – es war der naiv Spritzige von gestern Abend – neben Medizingläsern auf dem Nachttischchen. Der Holländer trug zu Hans Castorps bescheidenem Befremden kein weißes Hemd, sondern ein wollenes mit langen Ärmeln, das an den Handgelenken geknöpft und ohne Halskragen war, rund ausgeschnitten vielmehr, den breiten Schultern und der mächtigen Brust des alten Mannes glatt anliegend: Die menschliche Großartigkeit seines Hauptes auf dem Kissen ward noch gehoben, dem Bürgerlichen entrückt durch diese Tracht, die seiner Erscheinung ein teils volkstümlich-arbeitermäßiges, teils verewigt-büstenartiges Gepräge verlieh.
„Durchaus, junger Mann“, sagte er, indem er den Hornzwicker am hohen Bügel ergriff und ihn abhob. „Ich bitte sehr, – keineswegs. Im Gegenteil.“ Und Hans Castorp setzte sich zu ihm und verbarg seine teilnehmende Verwunderung – wenn nicht gar wirkliche Bewunderung das Gefühl war, zu dem seine Gerechtigkeit ihn nötigte – hinter freundlich aufgewecktem Geschwätz, dem Peeperkorn mit großartigen Abgerissenheiten und eindringlichstem Gestenspiel sekundierte. Er sah nicht gut aus, gelb, recht leidend und mitgenommen. Gegen Morgen hatte er einen starken Fieberanfall gehabt, dessen Mattigkeitsfolgen sich nun mit den Nachwehen des Rausches verbanden.