„Aber, in Gottes Namen, Ingenieur, das ist ja ein dummer alter Mann! Was finden Sie an ihm? Kann er Sie fördern? Mir steht der Verstand still! Alles wäre klar – ohne eben lobenswert zu sein –, wenn Sie ihn in den Kauf nähmen, wenn Sie in seiner Gesellschaft nur die seiner gegenwärtigen Geliebten suchten. Aber es ist unmöglich, nicht zu sehen, daß Sie sich beinahe mehr um ihn kümmern, als um sie. Ich beschwöre Sie, kommen Sie meinem Verständnis zu Hilfe ...“
Hans Castorp lachte. „Durchaus!“ sagte er. „Perfekt! Es ist nun einmal – Erlauben Sie mir – Gut!“ Und er suchte auch Peeperkorns Kulturgebärden zu kopieren. „Ja, ja“, lachte er weiter, „Sie finden das dumm, Herr Settembrini, und jedenfalls ist es undeutlich, was in Ihren Augen wohl schlimmer ist, als dumm. Ach, Dummheit. Es gibt so viele verschiedene Arten von Dummheit, und die Gescheitheit ist nicht die beste davon ... Hallo! Da habe ich was geprägt, glaube ich, ein Wort, ein mot. Wie gefällt es Ihnen?“
„Sehr gut. Ich sehe erwartungsvoll Ihrer ersten Aphorismensammlung entgegen. Vielleicht ist es noch Zeit, Sie zu bitten, daß Sie darin gewissen Betrachtungen Rechnung tragen, die wir gelegentlich über das menschenfeindliche Wesen des Paradoxons angestellt haben.“
„Soll geschehen, Herr Settembrini. Soll absolut geschehen. Nein, Sie sehen mich gar nicht auf der Jagd nach Paradoxen mit meinem mot. Es war mir nur darum zu tun, auf die großen Schwierigkeiten hinzuweisen, die die Bestimmung von ‚Dummheit‘ und ‚Gescheitheit‘ ... bereitet. Also: bereitet, nicht wahr? Das ist so schwer auseinander zu halten, das geht so sehr ineinander über ... Ich weiß wohl, Sie hassen das mystische guazzabuglio und sind für den Wert, das Urteil, das Werturteil, und da gebe ich Ihnen ganz recht. Aber das mit der ‚Dummheit‘ und der ‚Gescheitheit‘, das ist zuweilen ein komplettes Mysterium, und es muß doch erlaubt sein, sich um Mysterien zu kümmern, vorausgesetzt, daß das ehrliche Bestreben vorhanden ist, ihnen nach Möglichkeit auf den Grund zu kommen. Ich frage Sie folgendes. Ich frage Sie: Können Sie leugnen, daß er uns alle in die Tasche steckt? Ich drücke es derb aus, und doch können Sie es, soviel ich sehe, nicht leugnen. Er steckt uns in die Tasche, und irgendwoher kommt ihm das Recht zu, sich über uns lustig zu machen. Woher? Wieso? Inwiefern? Natürlich nicht vermöge seiner Gescheitheit. Ich gebe zu, daß von Gescheitheit kaum die Rede sein kann. Er ist ja vielmehr ein Mann der Undeutlichkeit und des Gefühls, das Gefühl ist geradezu seine Puschel, – verzeihen Sie den umgangssprachlichen Ausdruck! Ich sage also: Nicht vor Gescheitheit steckt er uns in die Tasche, das heißt nicht aus geistigen Gründen, – Sie würden sich das verbitten, und wirklich, es scheidet aus. Aber doch auch nicht aus körperlichen! Doch nicht seiner Kapitänsschultern wegen, in Hinsicht auf rohe Brachialgewalt und weil er jeden von uns mit der Faust niederstrecken könnte, – er denkt gar nicht daran, daß er das könnte, und wenn er mal daran denkt, so genügen ein paar zivilisierte Worte, um ihn zu beschwichtigen ... Also auch nicht aus körperlichen. Und doch spielt ganz ohne Zweifel das Körperliche eine Rolle dabei, – nicht im brachialen Sinne, sondern in einem andern, im mystischen, – sobald das Körperliche eine Rolle spielt, wird die Sache mystisch –; und das Körperliche geht ins Geistige über, und umgekehrt, und sind nicht zu unterscheiden, und Dummheit und Gescheitheit sind nicht zu unterscheiden, aber die Wirkung ist da, das Dynamische, und wir werden in die Tasche gesteckt. Und dafür ist uns nur ein Wort an die Hand gegeben, und das heißt ‚Persönlichkeit‘. Man braucht es wohl auch vernünftigerweise, so, wie wir alle Persönlichkeiten sind, – moralische und juristische und was noch für Persönlichkeiten. Aber nicht so ist es hier gemeint. Sondern als ein Mysterium, das über Dummheit und Gescheitheit hinausliegt, und um das man sich doch muß kümmern dürfen, – teils um ihm nach Möglichkeit auf den Grund zu kommen und teils, soweit das nicht möglich ist, um sich daran zu erbauen. Und wenn Sie für Werte sind, so ist die Persönlichkeit am Ende doch auch ein positiver Wert, sollte ich denken, – positiver als Dummheit und Gescheitheit, im höchsten Grade positiv, absolut positiv, wie das Leben, kurzum: ein Lebenswert und ganz danach angetan, sich angelegentlich darum zu kümmern. Das meinte ich Ihnen erwidern zu sollen auf das, was Sie von Dummheit sagten.“
Neuerdings verwirrte und verhaspelte Hans Castorp sich nicht mehr bei solchen Expektorationen und blieb nicht stecken. Er sprach seinen Part zu Ende, ließ die Stimme sinken, machte Punktum und ging seines Weges wie ein Mann, obgleich er noch immer rot dabei wurde und eigentlich etwas Furcht hatte vor dem kritischen Schweigen, das seinem Verstummen folgen würde, damit er Zeit habe, sich zu schämen. Herr Settembrini ließ es walten, dieses Schweigen, und sagte dann:
„Sie leugnen, sich auf der Jagd nach Paradoxen zu befinden. Unterdessen wissen Sie genau, daß ich Sie ebenso ungern auf der Jagd nach Mysterien sehe. Indem Sie aus der Persönlichkeit ein Geheimnis machen, laufen Sie Gefahr, der Götzenanbetung zu verfallen. Sie venerieren eine Maske. Sie sehen Mystik, wo es sich um Mystifikation handelt, um eine jener betrügerischen Hohlformen, mit denen der Dämon des Körperlich-Physiognomischen uns manchmal zu foppen liebt. Sie haben nie in Schauspielerkreisen verkehrt? Sie kennen nicht diese Mimenköpfe, in denen sich die Züge Julius Cäsars, Goethes und Beethovens vereinigen, und deren glückliche Besitzer, sobald sie den Mund auftun, sich als die erbärmlichsten Tröpfe unter der Sonne erweisen?“
„Gut, ein Naturspiel“, sagte Hans Castorp. „Aber doch nicht nur ein Naturspiel, nicht nur Fopperei. Denn da diese Leute Schauspieler sind, müssen sie ja Talent haben, und das Talent ist selbst über Dummheit und Gescheitheit hinaus, es ist selbst ein Lebenswert. Mynheer Peeperkorn hat auch Talent, sagen Sie, was Sie wollen, und damit steckt er uns in die Tasche. Setzen Sie in eine Ecke eines Zimmers Herrn Naphta und lassen Sie ihn einen Vortrag über Gregor den Großen und den Gottesstaat halten, höchst hörenswert, – und in der andern Ecke steht Peeperkorn mit seinem sonderbaren Mund und seinen hochgezogenen Stirnfalten und sagt nichts als ‚Durchaus! Erlauben Sie mir – Erledigt!‘ – Sie werden sehen, die Leute werden sich um Peeperkorn versammeln, alle um ihn, und Naphta wird ganz allein dasitzen mit seiner Gescheitheit und seinem Gottesstaat, obgleich er sich dermaßen deutlich ausdrückt, daß es einem durch Mark und Pfennig geht, wie Behrens zu sagen pflegt ...“
„Schämen Sie sich der Erfolgsanbetung!“ mahnte ihn Herr Settembrini. „Mundus vult decipi. Ich verlange nicht, daß man sich um Herrn Naphta schart. Er ist ein arger Quertreiber. Aber ich bin geneigt, auf seine Seite zu treten angesichts der imaginären Szene, die Sie mit tadelnswertem Beifall ausmalen. Verachten Sie nur das Distinkte, Präzise und Logische, das human zusammenhängende Wort! Verachten Sie es zu Ehren irgendeines Hokuspokus von Andeutung und Gefühlsscharlatanerie, – und der Teufel hat Sie schon unbedingt ...“
„Aber ich versichere Sie, er kann oft ganz zusammenhängend sprechen, wenn er warm wird“, sagte Hans Castorp. „Er hat mir gelegentlich von dynamischen Drogen und asiatischen Giftbäumen erzählt, so interessant, daß es fast unheimlich war – das Interessante ist immer etwas unheimlich – und interessant war es wieder nicht so sehr an und für sich, als eigentlich nur im Zusammenhang mit seiner Persönlichkeitswirkung: die machte es zugleich unheimlich und interessant ...“
„Natürlich, Ihre Schwäche für das Asiatische ist bekannt. In der Tat, mit solchen Wundern kann ich nicht aufwarten“, erwiderte Herr Settembrini mit soviel Bitterkeit, daß Hans Castorp eilig erklärte, die Vorzüge seiner Unterhaltung und Belehrung lägen selbstverständlich nach einer ganz anderen Seite hin, und es komme niemandem in den Sinn, Vergleiche anzustellen, durch die beiden Teilen Unrecht geschehen würde. Doch der Italiener überhörte und verschmähte die Höflichkeit. Er fuhr fort: