Unvornehm gesonnen – die Kirche? Herr Settembrini wurde auf den unerbittlichen Aristokratismus aufmerksam gemacht, welcher der Idee von der Erblichkeit der Schande zugrunde gelegen habe: der Übertragung schwerer Schuld auf die – demokratisch gesprochen – doch unschuldigen Nachkommen; die lebenslange Makelhaftigkeit und Rechtlosigkeit natürlicher Kinder zum Beispiel. Aber er bat, davon stille zu sein, – erstens, weil sein humanes Gefühl sich dagegen empöre, und zweitens, weil er die Winkelzüge satt habe und in den Kunstgriffen der gegnerischen Apologetik den durchaus infamen und teuflischen Kultus des Nichts wiedererkenne, der Geist genannt sein wolle, und der die eingestandene Unpopularität des asketischen Prinzips als etwas so Legitimes, so Heiliges empfinden lasse.

Hier kam nun Naphta denn doch um die Erlaubnis ein, hell herauslachen zu dürfen. Man spreche vom Nihilismus der Kirche! Vom Nihilismus des am meisten realistischen Herrschaftssystems der Weltgeschichte! Nie habe Herrn Settembrini also ein Hauch berührt von der humanen Ironie, mit der sie der Welt, dem Fleische beständig Zugeständnisse gewähre, in kluger Nachgiebigkeit die letzten Folgerungen des Prinzips verhülle und den Geist als regelnden Einfluß walten lasse, ohne der Natur allzu streng zu begegnen? Auch von dem priesterlich feinen Begriff der Indulgenz habe er folglich nie gehört, unter den sogar ein Sakrament, nämlich das der Ehe, falle, welches gar kein positives Gut, gleich den anderen Sakramenten, sondern nur ein Schutz gegen die Sünde sei, verliehen einzig zur Einschränkung der sinnlichen Begierde und der Unmäßigkeit, so daß das asketische Prinzip, das Keuschheitsideal sich darin behaupte, ohne daß dem Fleische mit unpolitischer Schärfe entgegengetreten werde?

Wie konnte Herr Settembrini da umhin, sich zu verwahren gegen einen so abscheulichen Begriff des „Politischen“, gegen die Gebärde dünkelhafter Nachsicht und Klugheit, die der Geist – das, was sich hier Geist nenne – sich anmaße gegen sein vermeintlich schuldhaftes und „politisch“ zu behandelndes Gegenteil, welches in Wahrheit seiner giftigen Indulgenz durchaus nicht bedürfe; gegen die verfluchte Zweiheitlichkeit einer Weltdeutung, die das Universum verteufele, nämlich sowohl das Leben, als auch zugleich sein erdünkeltes Gegenteil, den Geist: denn wenn jenes böse sei, müsse auch dieser, als reine Verneinung, es sein! Und er brach eine Lanze für die Unschuld der Wollust, – wobei Hans Castorp an sein Humanistenstübchen im Dache mit dem Stehpult, den Strohstühlen und der Wasserflasche denken mußte, – während Naphta, behauptend, nie könne Wollust ohne Schuld sein, und die Natur habe angesichts des Geistigen gefälligst ein schlechtes Gewissen zu haben, die kirchliche Politik und Indulgenz des Geistes als „Liebe“ bestimmte, um den Nihilismus des asketischen Prinzips zu widerlegen, – wobei Hans Castorp fand, daß das Wort „Liebe“ dem scharfen, mageren kleinen Naphta recht sonderbar zu Gesichte stehe ...

So ging das weiter, wir kennen das Spiel, Hans Castorp kannte es. Wir haben mit ihm einen Augenblick hingehört, um zu beobachten, wie, beispielsweise, ein solcher peripatetischer Waffengang sich im Schatten der nebenherwandelnden Persönlichkeit ausnahm, und auf welche Weise etwa diese Gegenwart ihn insgeheim um den Nerv brachte: nämlich so, daß ein heimlicher Zwang zur Bezugnahme auf sie den hin und her springenden Funken tötete und eine Erinnerung an jenes Gefühl matter Leblosigkeit sich aufdrängte, das uns überkommt, wenn eine elektrische Leitung sich als kontaktlos erweist. Gut! so war es. Da war kein Knistern zwischen den Widersprüchen mehr, kein Sprung des Blitzes, kein Strom, – die Gegenwart, neutralisiert durch den Geist, wie dieser meinen wollte, neutralisierte vielmehr den Geist; Hans Castorp ward es mit Staunen und Neugier gewahr.

Revolution und Erhaltung, – man blickte auf Peeperkorn, man sah ihn daherstapfen, nicht besonders großartig zu Fuß, mit seinem seitwärts nickenden Tritt und den Hut in der Stirn; sah seine breiten, unregelmäßig zerrissenen Lippen und hörte ihn sagen, indem er scherzhaft mit dem Kopf auf die Disputanten deutete: „Ja – ja – ja! Cerebrum, cerebral, verstehen Sie! Das ist – Da zeigt sich denn doch –“: und siehe, der Steckkontakt war mausetot! Sie versuchten es zum andern, griffen zu stärkeren Beschwörungen, kamen auf das „aristokratische Problem“, auf Popularität und Vornehmheit. Kein Funke. Magnetisch nahm das Gespräch persönlichen Bezug; Hans Castorp sah Clawdias Reisebegleiter unter der rotseidenen Steppdecke im Bette liegen, im kragenlosen Trikothemd, halb alter Arbeitsmann, halb Königsbüste, – und mit mattem Zucken erstarb der Nerv des Streites. Stärkere Spannungen! Verneinung hie und Kult des Nichts – hie ewiges Ja und liebende Neigung des Geistes zum Leben! Wo blieben Nerv, Blitz und Strom, wenn man auf Mynheer blickte, – was unvermeidlich und kraft geheimer Anziehung geschah? Kurzum, sie blieben aus, und das war, mit Hansens Wort, nicht weniger noch mehr als ein Mysterium. Für seine Aphorismensammlung mochte er sich notieren, daß man ein Mysterium mit allereinfachsten Worten ausspricht – oder es unausgesprochen läßt. Um dieses allenfalls auszusprechen, durfte man einzig sagen, aber dies geradezu, daß Pieter Peeperkorn mit seiner hochfaltigen Königsmaske und seinem bitter zerrissenen Munde jeweils beides war, daß beides auf ihn zu passen und in ihm sich aufzuheben schien, wenn man ihn ansah: dies und jenes, das eine und das andre. Ja, dieser dumme alte Mann, dies herrscherliche Zero! Er lähmte den Nerv der Widersprüche nicht durch Verwirrung und Quertreiberei, wie Naphta; er war nicht zweideutig, wie dieser, er war es auf ganz entgegengesetzte, auf positive Art, – dies torkelnde Mysterium, das offenkundig nicht über Dummheit und Gescheitheit allein, das über soviel andre Oppositionen noch hinaus war, die Settembrini und Naphta beschworen, um zu erzieherischem Behufe Hochspannung zu erzeugen. Die Persönlichkeit, so schien es, war nicht erzieherisch, – und dennoch, welche Chance war sie für einen Bildungsreisenden! Wie seltsam, diese Zweideutigkeit von einem König zu betrachten, als die Streiter auf Ehe und Sünde kamen, auf das Sakrament der Nachsicht, auf Schuld und Unschuld der Wollust! Er neigte das Haupt zur Schulter und Brust, die wehen Lippen taten sich voneinander, schlaff-klagend klaffte der Mund, die Nüstern spannten und verbreiterten sich wie in Schmerzen, die Falten der Stirne stiegen und weiteten die Augen zu blassem Leidensblick, – ein Bild der Bitternis. Und siehe, im selben Nu erblühte die Martermiene zur Üppigkeit! Die schräge Neigung des Hauptes deutete sich um in Schalkheit, die Lippen, noch offen, lächelten unsittsam, das sybaritische Grübchen, bekannt von früheren Gelegenheiten, erschien in einer Wange, – der tanzende Heidenpriester war da, und während er mit dem Kopfe scherzhaft in jene cerebrale Richtung deutete, hörte man ihn sagen: „Ei, ja, ja ja – perfekt. Das ist – Das sind – Da zeigt sich nun – Das Sakrament der Wollust, verstehen Sie – –“

Dennoch, wie wir sagten, am besten waren Hans Castorps herabgesetzte Freunde und Lehrer immer noch daran, wenn sie zanken konnten. Sie waren in ihrem Elemente alsdann, während das Format es nicht war, und immerhin mochte man verschieden urteilen über die Rolle, die er dabei spielte. Ganz zweifellos dagegen gestaltete die Lage sich zu ihrem Nachteil, wenn es nicht länger um Witz und Wort und Spiritus, sondern um Sachen, um Irden-Praktisches, kurz, um Fragen und Dinge ging, in denen Herrschernaturen sich eigentlich bewähren: dann wars um sie geschehen, sie traten in den Schatten, wurden unscheinbar, und Peeperkorn ergriff das Zepter, bestimmte, entschied, beorderte, bestellte und befahl ... Was wunder, daß er nach diesem Zustand trachtete und aus der Logomachie in ihn hinüberstrebte? Er litt, solange sie herrschte, oder doch, wenn sie lange herrschte; doch nicht aus Eitelkeit litt er unter ihr, – Hans Castorp war dessen versichert. Die Eitelkeit hat kein Format, und Größe ist nicht eitel. Nein, Peeperkorns Verlangen nach Dinglichkeit entsprang aus anderen Gründen: aus „Angst“, ganz grob und plump gesagt, aus jenem Pflichteifer und Ehrenraptus, dessen Hans Castorp gegen Herrn Settembrini versuchsweise erwähnt und den er als einen gewissermaßen militärischen Zug hatte ansprechen wollen.

„Meine Herren –“, sagte der Holländer, indem er die Kapitänshand mit den Nagellanzen beschwörend und gebietend erhob. „– Gut, meine Herren, perfekt, vortrefflich! Die Askese – die Indulgenz – die Sinnenlust – Ich möchte das – Durchaus! Höchst wichtig! Höchst strittig! Allein erlauben Sie mir – Ich fürchte, wir machen uns eines schweren – Wir entziehen uns, meine Herrschaften, wir entziehen uns in unverantwortlicher Weise den heiligsten –“ Er atmete tief. „Diese Luft, meine Herrschaften, die charaktervolle Föhnluft dieses Tages, mit ihrem zart entnervenden, ahnungs- und erinnerungsvollen Einschlag von Frühlingsaroma, – wir sollten sie nicht einatmen, um sie in Form von – Ich bitte dringend: wir sollten das nicht. Das ist eine Beleidigung. Nur ihr selbst sollten wir unsere volle und ganze – oh, unsere höchste und geistesgegenwärtigste – Erledigt, meine Herrschaften! Und nur als reine Lobpreisung ihrer Eigenschaften sollten wir sie wieder aus unserer Brust – – Ich unterbreche mich, meine Herrschaften! Ich unterbreche mich zu Ehren dieses –“ Er war stehengeblieben, zurückgebeugt, mit dem Hut die Augen beschattend, und alle folgten seinem Beispiel. „Ich lenke“, sagte er, „Ihre Aufmerksamkeit in die Höhe, in große Höhe, auf jenen schwarzen, kreisenden Punkt dort oben, unter dem außerordentlich blauen, ins Schwärzliche spielenden – Das ist ein Raubvogel, ein großer Raubvogel. Das ist, wenn mich nicht alles – Meine Herren und Sie, mein Kind, das ist ein Adler. Auf ihn lenke ich mit aller Entschiedenheit – Sehen Sie! Das ist kein Bussard und kein Geier, – wären Sie so übersichtig, wie ich es mit zunehmenden – Ja, mein Kind, gewiß, mit zunehmenden. Mein Haar ist bleich, gewiß. So würden Sie so deutlich, wie ich, an der stumpfen Rundung der Schwingen – Ein Adler, meine Herrschaften. Ein Steinadler. Er kreist gerade über uns im Blauen, schwebt ohne Flügelschlag in großartiger Höhe zu unseren – und späht gewiß aus seinen mächtigen, weitsichtigen Augen unter den vortretenden Brauenknochen – Der Adler, meine Herrschaften, Jupiters Vogel, der König seines Geschlechtes, der Leu der Lüfte! Er hat Federhosen und einen Schnabel von Eisen, nur vorne plötzlich eisern gekrümmt, und Fänge von ungeheurer Kraft, einwärts geschlagene Krallen, die vorderen von der langen rückwärtigen eisern umgriffen. Sehen Sie, so!“ Und er versuchte, mit seiner langgenagelten Kapitänshand die Adlerklaue darzustellen. „Gevatter, was kreist und spähst du!“ wendete er sich wieder nach oben. „Stoß nieder! Schlag ihm mit dem Eisenschnabel auf den Kopf und in die Augen, reiß ihm den Bauch auf, dem Wesen, das dir Gott – – Perfekt! Erledigt! Deine Fänge müssen in Eingeweide verstrickt sein und dein Schnabel triefen von Blut –“

Er war begeistert, und um die Teilnahme der Spaziergänger für Naphtas und Settembrinis Antinomien war es getan. Auch wirkte die Erscheinung des Adlers noch wortlos nach in den Beschlüssen und Unternehmungen, die unter Mynheers Leitung darauf folgten: Es gab Einkehr, es gab ein Essen und Trinken, ganz außer der Zeit, jedoch mit einem Appetit, der durch das stille Gedenken an den Adler befeuert ward; ein Schmausen und Zechen, wie Mynheer es so oft auch außerhalb des Berghofs ins Werk setzte, wo es sich eben traf, in „Platz“ und „Dorf“, in einem Wirtshaus zu Glaris oder Klosters, wohin man ausflugsweise mit dem Züglein gefahren war: Klassische Gaben genoß man unter seiner Herrscherleitung: Rahmkaffee mit ländlich Gebackenem oder saftigen Käse auf duftiger Alpenbutter, die auch zu heißen, gerösteten Kastanien wundervoll mundete, dazu Veltliner Roten, soviel das Herz begehrte; und Peeperkorn begleitete das Stegreifmahl mit großen Abgerissenheiten oder forderte Anton Karlowitsch Ferge zu reden auf, diesen gutmütigen Dulder, dem alles Höhere völlig fremd war, der aber sehr dinghaft von der Fabrikation russischer Gummischuhe zu erzählen wußte: Mit Schwefel und andren Stoffen versetze man die Gummimasse, und die fertigen, lackierten Schuhe würden in einer Hitze von über hundert Grad „vulkanisiert“. Auch vom Polarkreis sprach er, denn selbst bis dorthin hatten seine Dienstreisen ihn mehrfach geführt: von der Mitternachtssonne und vom ewigen Winter am Nordkap. Da sei, sagte er aus seiner knotigen Kehle und unter seinem überhängenden Schnurrbart hervor, der Dampfer ganz winzig erschienen gegen den ungeheuren Felsen und die stahlgraue Fläche des Meeres. Und gelbe Lichtflächen hätten sich am Himmel ausgebreitet, das sei das Nordlicht gewesen. Und alles sei ihm, Anton Karlowitsch, gespenstisch vorgekommen, die ganze Szenerie und er sich selber mit.

Soweit Herr Ferge, der einzige in der kleinen Gesellschaft, der außer allen hin und wieder laufenden Beziehungen stand. Was aber diese betraf, so gibt es zwei kurze Unterredungen aufzuzeichnen, zwei wunderliche Konversationen unter vier Augen, geführt zu jener Zeit von unserem unheldischen Helden mit Clawdia Chauchat und ihrem Reisebegleiter: mit jedem einzeln, die eine in der Halle, um eine Abendstunde, während die „Störung“ droben im Fieber lag, die andre eines Nachmittags an Mynheers Lager ...

Es herrschte Halbdunkel in der Halle an jenem Abend. Die regelmäßige Geselligkeit war matt und flüchtig gewesen, und früh hatte die Gästeschaft sich zum Spätliegedienst in die Balkonlogen verzogen, soweit sie nicht auf kurwidrigen Wegen wandelte, in die Welt hinab, zu Tanz und Spiel. Nur eine Lampe brannte irgendwo an der Decke des ausgestorbenen Raumes, und auch die anstoßenden Gesellschaftsräume waren kaum erhellt. Doch wußte Hans Castorp, daß Frau Chauchat, die das Diner ohne ihren Gebieter eingenommen hatte, noch nicht ins erste Stockwerk zurückgekehrt war, sondern allein im Schreib- und Lesezimmer verweilte, und darum hatte auch er gezögert, hinaufzugehen. Er saß in dem hinteren, durch eine flache Stufe erhöhten und durch ein paar weiße Bögen mit holzbekleideten Pfeilern vom Hauptraum abgegliederten Teil der Halle, saß am Kachelkamin, in solchem Schaukelstuhl wie der, worin Marusja sich damals gewiegt, als Joachim sein allereinziges Gespräch mit ihr gepflogen, und rauchte eine Zigarette, wie es um diese Stunde hier allenfalls statthaft war.