»Und die Thronfolge?« fragte er.
»Das Gesetz«, erwiderte Herr von Knobelsdorff unerschütterlich, »legt es in Euerer Königlichen Hoheit Hand, das dynastische Bedenken zu beseitigen. Standeserhöhung und selbst Ebenbürtigkeit zu verleihen gehört auch bei uns zu den Prärogativen des Landesherrn – und wann wäre je in der Geschichte ein tieferer Anlaß zur Betätigung dieser Vorrechte gegeben gewesen? Diese Verbindung trägt ihre Echtheit in sich, sie ist von langer Hand her im Gemüte des Volkes vorbereitet, und ihre vollkommene staats- und fürstenrechtliche Anerkennung würde dem Volke nicht mehr als eine äußere Bestätigung seines innersten Empfindens bedeuten.«
So kam Herr von Knobelsdorff auf Imma Spoelmanns Popularität zu sprechen, auf die vielsagende Kundgebung gelegentlich ihrer Genesung von leichter Unpäßlichkeit, auf den ebenbürtigen Rang, den dies außerordentliche Wesen in der Phantasie des Volkes einnähme – und seine Augenfältchen spielten, als er Albrecht an die alte Wahrsagung erinnerte, die im Volke lebte, von dem Prinzen sprach, der mit einer Hand dem Lande mehr geben sollte, als andere mit zweien je vermocht hätten, und beredsam darlegte, wie die Verbindung zwischen Klaus Heinrich und Spoelmanns Tochter dem Volke als vorgesehene Erfüllung des Orakels und somit als gottgewollt und rechtmäßig erscheine.
Herr von Knobelsdorff sagte noch viel Kluges, Freies und Gutes. Er erwähnte der vierfachen Blutzusammensetzung Imma Spoelmanns – denn außer dem deutschen, portugiesischen und englischen fließe ja, wie man vernähme, auch ein wenig von dem uradligen Blut der Indianer in ihren Adern – und betonte, daß er sich von der belebenden Wirkung, welche die Mischung der Rassen bei alten Geschlechtern hervorzubringen vermöge, für die Dynastie das Beste verspreche. Aber seine bedeutendsten Augenblicke hatte der unbefangene alte Herr, als von den ungeheuren und segensvollen Veränderungen die Rede war, die in den wirtschaftlichen Verhältnissen des Hofes selbst, unseres verschuldeten und bedrängten Hofes, durch die kühne Heirat des Thronfolgers würden hervorgebracht werden. Denn hier war es, wo Albrecht am hochmütigsten an der Oberlippe sog. Der Geldwert sank, die Ausgaben stiegen, sie taten es nach einem wirtschaftlichen Gesetz, das für die Etats der Hofverwaltungen sowohl wie für jeden Privathaushalt seine Gültigkeit hatte, und eine Vermehrung der Einnahmen war unmöglich. Aber es ging nicht an, daß das Vermögen des Landesherrn hinter dem mancher Untertanen zurückstand; es war im monarchistischen Sinne unleidlich, daß Seifensieder Unschlitts Wohnhaus schon längst eine Zentralheizung hatte, das Alte Schloß aber noch immer nicht. Abhilfe war nötig, in mehr als einem Fall, und wohl dem Fürstenhause, dem sich eine so großartige Abhilfe bot wie diese! Man beobachtete in unseren Zeiten, daß alle Schamhaftigkeit von ehedem aus der Behandlung höfischer Geldangelegenheiten entschwand. Jene Selbstentäußerung, mit welcher fürstliche Familien vormals die schwersten Opfer gebracht hatten, um die Öffentlichkeit vor ernüchternden Einblicken in ihre Vermögensverhältnisse zu bewahren, ward nicht mehr angetroffen, und Prozesse, Entmündigungen, fragwürdige Veräußerungen waren an der Tagesordnung. Aber war dieser kleinlichen und bürgerlichen Art von Anpassung nicht das Bündnis mit dem souveränen Reichtum vorzuziehen – eine Verbindung, welche die Hoheit auf immer hoch über alle wirtschaftlichen Quisquilien erheben und sie in den Stand setzen würde, sich dem Volke mit allen jenen äußeren Zeichen sichtbar zu machen, nach denen es verlangte?
So fragte Herr von Knobelsdorff, und er selbst beantwortete seine Frage mit unumwundener Bejahung. Kurz, so weise und unwiderstehlich war seine Rede, daß er das Alte Schloß nicht verließ, ohne stolz gelispelte Genehmigungen und Ermächtigungen mit fortzunehmen, die weit genug reichten, um, wenn Fräulein Spoelmann nur irgend das ihre getan hatte, Abschlüsse sondergleichen zu gewährleisten.
Und so gingen denn nun die Dinge ihren denkwürdigen Gang bis zum seligen Ende. Noch vor Ende Dezember nannte man die Namen derjenigen Personen, die gesehen (nicht etwa nur davon erzählen gehört) hatten, wie eines schneedunklen Vormittags um elf Uhr Oberhofmarschall von Bühl zu Bühl im Pelz, einen Zylinder auf seinem braunen Toupet und den goldenen Zwicker auf der Nase, vor »Delphinenort« aus einem Hofwagen gestiegen und schwänzelnd im Innern des Schlosses verschwunden sei. Anfang Januar gingen in der Stadt Individuen umher, die an Eides Statt versicherten, daß jener Herr, welcher, wiederum zu einer Vormittagsstunde und gleichfalls in Pelz und Zylinder, an dem grinsenden Plüschmohren vorbei das Portal von »Delphinenort« verlassen und sich mit fiebrigen Augen in eine bereitstehende Droschke geworfen habe, unzweifelhaft unser Finanzminister Doktor Krippenreuther gewesen sei. Und zu gleicher Zeit tauchten in dem halbamtlichen »Eilboten« erste und vorbereitende Vermerke von Gerüchten auf, welche eine bevorstehende Verlobung im Großherzoglichen Hause zum Inhalt hatten – tastende Verlautbarungen, die, in behutsamer Steigerung deutlicher und deutlicher werdend, endlich die beiden Namen Klaus Heinrichs und Imma Spoelmanns in klarem Druck beieinander zeigten … Das war keine neue Zusammenstellung mehr, aber sie schwarz auf weiß zu sehen, wirkte dennoch wie starker Wein.
Äußerst fesselnd war es übrigens, zu beobachten, wie bei den publizistischen Erörterungen, die sich hierauf entspannen, unsere aufgeklärte und freigeistig gesinnte Presse sich zu der volkstümlichen Seite der Sache, nämlich zu der Prophezeiung stellte, die denn doch in zu hohem Grade politische Bedeutung gewonnen hatte, als daß nicht Bildung und Intelligenz genötigt gewesen wären, sich damit auseinanderzusetzen. Weissagerei, Chiromantie und dergleichen Hexenwesen, erklärte der »Eilbote«, seien, soweit das Schicksal des einzelnen in Frage komme, schlechterdings in das dunkle Gebiet des Aberglaubens zu verweisen, sie gehörten dem grauen Mittelalter an, und nicht genug zu belächeln seien die wahnbefangenen Personen, die, was freilich in den Städten wohl nicht mehr geschähe, sich von geriebenen Beutelschneidern die Groschen aus der Tasche ziehen ließen, um aus der Hand, den Karten oder dem Kaffeesatz sich ihre geringfügige Zukunft deuten, sich gesundbeten, homöopathisch kurieren oder ihr krankes Vieh von eingefahrenen Dämonen befreien zu lassen – wie als ob nicht bereits der Apostel gefragt habe: »Kümmert sich denn Gott auch um die Ochsen?« Allein ins Große gerechnet und entscheidende Wendungen im Schicksal ganzer Völker oder Dynastien in Rede gestellt, so laufe einem geschulten und wissenschaftlichen Denken die Vorstellung nicht unbedingt zuwider, daß, da die Zeit nur eine Illusion und in Wahrheit betrachtet alles Geschehen in Ewigkeit feststehend sei, solche im Schoße der Zukunft ruhenden Umwälzungen den Menschengeist im voraus erschüttern und ihm gesichtweise sich offenbaren könnten. Und deß zum Beweise veröffentlichte das eifrige Blatt ein umfangreiches, von einem unserer Hochschulprofessoren gütigst zur Verfügung gestelltes Elaborat, das eine Übersicht aller der Fälle der Menschheitsgeschichte bot, in welchen Orakel und Horoskop, Somnambulismus, Hellseherei, Wahrtraum, Schlafwachen, zweites Gesicht und Inspiration eine Rolle gespielt hatten – ein überaus dankenswertes Memorandum, das seine Wirkung in gebildeten Kreisen nicht verfehlte.
Man marschierte geschlossen und in tiefem Einverständnis, Presse, Regierung, Hof und Publikum, und sicher hätte der »Eilbote« seine Zunge gehütet, wenn damals seine philosophischen Dienstleistungen noch verfrüht und politisch gefährlich – wenn, mit einem Wort, die Verhandlungen auf »Delphinenort« nicht bereits weit in günstiger Richtung vorgeschritten gewesen wären. Heute weiß man ziemlich genau, wie diese Verhandlungen sich abwickelten und einen wie schwierigen, ja peinlichen Stand unsere Sachwalter dabei hatten: der sowohl, dem als Vertrauensperson des Hofes die zarte Mission zugefallen war, des Prinzen Klaus Heinrichs Werbung vorzubereiten, wie auch der oberste Betreuer unseres Finanzwesens, der es sich trotz seiner schwer erschütterten Gesundheit nicht nehmen ließ, in eigener Person die Sache des Landes bei Samuel Spoelmann zu führen. Dabei ist erstens Herrn Spoelmanns ärgerliche und reizbare Gemütsart in Rechnung zu ziehen, zweitens aber zu bedenken, daß ja dem ungeheueren kleinen Manne an einem in unserem Sinne glücklichen Abschluß des Handels bei weitem so viel nicht gelegen war wie uns. Abgesehen von Herrn Spoelmanns Liebe zu seiner Tochter, die ihm ihr Herz geöffnet und ihm ihr schönes Verlangen kundgegeben hatte, sich liebend nützlich zu machen, hatten unsere Mandatare nicht einen Trumpf gegen ihn auszuspielen, und es war schlechterdings nicht an dem, daß Doktor Krippenreuther seine Wünsche als Bedingungen an das hätte knüpfen können, was Herr von Bühl etwa zu bieten hatte. Von dem Prinzen Klaus Heinrich sprach Herr Spoelmann beständig mit der Bezeichnung »der junge Mensch« und bekundete über die Aussicht, seine Tochter einer Königlichen Hoheit zur Frau geben zu sollen, so wenig Ergötzen, daß Doktor Krippenreuther sowohl wie Herr von Bühl mehr als einmal in tödliche Verlegenheit gerieten. »Wenn er irgend etwas gelernt, eine ordentliche Beschäftigung hätte!« knarrte er verdrießlich. »Aber ein junger Mensch, der nichts versteht, als sich hochleben zu lassen …« Wirklich erbost zeigte er sich, als zum ersten Male ein Wort von morganatischer Vermählung fiel. Seine Tochter, erklärte er »once for all«, sei kein Kebsweib und nicht für die linke Seite. Heirate man sie, so heirate man sie … Aber die Interessen der Dynastie und des Landes trafen in diesem Punkte ja völlig mit den seinen zusammen; die Erzielung erbfolgeberechtigter Nachkommenschaft war eine Notwendigkeit, und Herr von Bühl war mit all den Vollmachten ausgestattet, die Herr von Knobelsdorff vom Großherzog zu erwirken verstanden hatte. Was aber die Mission Doktor Krippenreuthers betraf, so war es gewiß nicht die Beredsamkeit ihres Trägers, welche sie glücken ließ, sondern einzig Herrn Spoelmanns Vaterzärtlichkeit – die Willfährigkeit eines leidenden, überdrüssigen und von seinem Wundertierdasein längst paradox gestimmten Vaters gegen seine einzige Tochter und Erbin, die sich schließlich die Staatspapiere, in welchen sie ihr Vermögen anzulegen wünschte, selbst aussuchen mochte.
Und so kamen denn jene Pakten zustande, die vorderhand in tiefe Verschwiegenheit gehüllt blieben und nur schrittweise, erst durch die Ereignisse selbst, ans Sonnenlicht traten, die aber hier in ruhigen Worten zusammengestellt werden mögen.
Die Verlobung Klaus Heinrichs mit Imma Spoelmann ward gebilligt und anerkannt von Samuel Spoelmann, vom Hause Grimmburg. Zugleich mit der Veröffentlichung des Verlöbnisses im »Staatsanzeiger« würde die Erhebung der Braut zur Gräfin verkündet werden – unter einem Phantasienamen von romanhaftem Adelsklang, ähnlich dem, welchen Klaus Heinrich auf seiner Studienreise in den schönen Ländern des Südens geführt hatte; und am Tage ihrer Hochzeit war die Gemahlin des Prinzen-Thronfolgers mit der Würde einer Fürstin zu bekleiden. Die beiden Standeserhöhungen waren frei von Stempelsteuer, die viertausendachthundert Mark betragen haben würde, zu vollziehen. Nur vorläufig und zur Gewöhnung der Welt sollte die Ehe zur Linken geschlossen werden; denn an dem Tage, an welchem sich zeigen würde, daß sie mit Nachkommenschaft gesegnet sein sollte, würde Albrecht II., mit Rücksicht auf die unvergleichlichen Umstände, die morganatische Gemahlin seines Bruders für ebenbürtig erklären und ihr den Rang einer Prinzessin des Großherzoglichen Hauses mit dem Titel Königliche Hoheit verleihen. Das neue Mitglied des Herrscherhauses würde auf jede Apanage verzichten. Was das höfische Zeremoniale betraf, so war zum Feste der linkshändigen Vermählung nur eine Sprechcour, zur Feier der Ebenbürtigkeitserklärung jedoch jene höchste und vollkommenste Huldigungsform, die Defiliercour, vorgesehen. Samuel Spoelmann aber, von seiner Seite, bewilligte dem Staat eine Anleihe von dreihundertundfünfzig Millionen Mark – und zwar unter Bedingungen so väterlicher Art, daß dieses Darlehn fast alle Merkmale einer Schenkung trug.