Aber wenn die Behörde sich milde zeigte, so war es die Kollegenschaft, die desto feindlicher gegen Doktor Überbein Stellung nahm. Der »Lehrerverein« bildete unverzüglich ein Ehrengericht, bestimmt, seinem beliebten Mitgliede, dem von den Schülern abgelehnten Ordinarius mit dem Bierherzen, Genugtuung zu verschaffen. Das Erkenntnis, das dem zurückgezogen in seinem möblierten Zimmer lebenden Überbein schriftlich zugestellt wurde, lautete demgemäß. Indem er, lautete es, sich gesträubt habe, dem Kollegen, den er vertreten, das Ordinariat der Unterprima wieder einzuräumen, indem er ferner gegen denselben gewühlt und am Ende sogar die Schüler zur Unbotmäßigkeit gegen ihn aufgereizt habe, habe sich Überbein einer in dem Maße unkollegialen Handlungsweise schuldig gemacht, daß dieselbe nicht nur im intern beruflichen, sondern auch im allgemein bürgerlichen Sinne als unehrenhaft bezeichnet werden müsse. So der Spruch. Die erwartete Folge war, daß Doktor Überbein, der freilich dem »Lehrerverein« stets nur dem Namen nach angehört hatte, seinen Austritt aus dieser Körperschaft erklärte – und damit hätte es, wie mancher dachte, wohl sein Bewenden haben können.

Aber sei es, daß der abgesonderte Mann nicht Kenntnis von dem Wohlwollen hatte, das man höheren Ortes bei alldem für ihn hegte; daß er seine Lage für aussichtsloser hielt, als sie war; daß er die Untätigkeit nicht ertrug, den vorzeitigen Verlust seiner geliebten Klasse nicht verwand; daß die Redensart von der »Unehrenhaftigkeit« ihm das Blut vergiftet hatte, oder daß sein Gemüt den Erschütterungen dieser Zeit überhaupt nicht gewachsen gewesen war: fünf Wochen nach Neujahr fanden seine Wirtsleute ihn auf dem dürftigen Teppich seines Zimmers, nicht grüner als sonst, aber eine Kugel im Herzen.

So endete Raoul Überbein; hierüber strauchelte er; dies war der Anlaß seines Unterganges. Da hatte man es! Das war das Wort, das alle Erörterungen seines kläglichen Zusammenbruches beherrschte. Der friedlose und ungemütliche Mann, der niemals am Stammtisch ein Mensch unter Menschen gewesen war, der hochmütig alle Vertraulichkeit verschmäht, sein Leben kalt und ausschließlich auf die Leistung gestellt und gewähnt hatte, daß er darum alle Welt väterlich behandeln dürfe – da lag er denn nun; das erstbeste Ungemach, die erste Mißwende auf dem Felde der Leistung hatte ihn elend zu Falle gebracht. Wenige bedauerten, niemand beweinte ihn in der Bürgerschaft – einen einzigen ausgenommen, den Chefarzt des Dorotheen-Spitals, Überbeins geistesverwandten Freund – und vielleicht eine weiße Frau, mit der er zuweilen Kasino gespielt hatte. Klaus Heinrich aber bewahrte seinem unglücklichen Lehrer immer ein ehrendes, ja inniges Andenken.

Der Rosenstock

Und Spoelmann finanzierte den Staat. Der Vorgang war groß und klar in seinen Grundzügen; ein Kind hätte verstehen können – und tatsächlich erklärten ihn glückstrahlende Väter ihren Kindern, während sie sie auf den Knien schaukelten.

Samuel Spoelmann winkte, die Herren Phlebs und Slippers gerieten in Bewegung, und seine gewaltigen Weisungen zuckten unter den Wogen des Ozeans hin zum Festland der westlichen Hemisphäre. Er zog ein Drittel seines Anteils aus dem Zuckertrust, ein Viertel aus dem Petroleumtrust, die Hälfte aus dem Stahltrust zurück; er ließ sich das flüssig gemachte Kapital bei mehreren hiesigen Banken anweisen; und auf einen einzigen Schlag nahm er Herrn Krippenreuther für dreihundertundfünfzig Millionen neuer dreieinhalbprozentiger Staatsobligationen zu pari ab. Das tat Spoelmann.

Wer den Einfluß des Gemütszustandes auf die Organe des Menschen erfahren hat, wird glauben, daß Doktor Krippenreuther aufblühte und binnen kurzem nicht wiederzuerkennen war. Er trug sich aufrecht und frei, sein Gang ward schwebend, die gelbe Farbe verschwand aus seinem Antlitz, es ward weiß und rot, seine Augen blitzten, und so völlig kam in wenigen Monaten sein Magen zu Kräften, daß der Minister, wie man von ihm befreundeter Seite vernahm, sich ungestraft dem Genusse von Blaukraut und Gurkensalat überlassen durfte. Das war eine erfreuliche, doch rein persönliche Folge von Spoelmanns Eingreifen in unser Finanzwesen, die leicht ins Gewicht fiel, im Vergleich mit den Wirkungen, die dieses Eingreifen auf unser Staats- und Wirtschaftsleben ausübte.

Ein Teil der Anleihe wurde der Tilgungskasse zugeführt, und quälende Staatsschulden wurden eingelöst. Aber es hätte dessen kaum bedurft, um uns nach allen Seiten Luft und Kredit zu verschaffen; denn nicht so bald war es, bei aller Verschwiegenheit, mit welcher die Angelegenheit amtlich behandelt wurde, bekannt geworden, daß Samuel Spoelmann den Tatsachen, wenn auch nicht dem Namen nach Staatsbankier geworden sei, als über uns die Himmel sich erhellten und all unsere Not sich in Lust und Wonne verwandelte. Es hatte ein Ende mit den Angstverkäufen von Schuldforderungen, der landesübliche Zinsfuß sank, unsere Verschreibungen waren als Anlagepapiere freudig begehrt, und von heute auf morgen schnellte der Kurs unserer hochverzinslichen Anleihen aus kummervollem Stande weit über pari empor. Der Druck, der jahrzehntelange Alp, war von unserer Volkswirtschaft genommen, mit geschwellter Brust sprach Doktor Krippenreuther im Landtag zugunsten durchgreifender Steuererleichterung – einstimmig ward sie beschlossen, und unter dem Jubel aller sozial Empfindenden fuhr endlich die vorsintflutliche Fleischsteuer zu Grabe. Eine bedeutende Aufbesserung der Beamtenbesoldungen, der Gehälter für Lehrer, Geistliche und alle Funktionäre in den Staatsbetrieben ward schlanker Hand bewilligt. Es fehlte nicht länger an Mitteln, die wüstliegenden Silberbergwerke wieder in Betrieb zu setzen, vielhundert Arbeiter kamen zu Brot, und unverhofft stieß man auf ertragreiche Schichten. Geld, Geld war vorhanden, die wirtschaftliche Sittlichkeit hob sich, man holzte auf, man ließ dem Wald seinen Streudünger, die Viehbesitzer brauchten nicht mehr all ihre Vollmilch zu verkaufen, sie tranken sie selber, und vergebens hätten die Krittler hinfort auf dem Lande nach unterernährten Gestalten gesucht. Das Volk zeigte sich dankbar gegen sein Herrscherhaus, das so ungemessenen Segen über Land und Leute gebracht. Es kostete Herrn von Knobelsdorff nicht viele Worte, um das Parlament zu einer Erhöhung der Krondotation zu bewegen. Jene Verfügung, welche die Schlösser »Zeitvertreib« und »Favorita« dem Verkauf unterstellte, ward zurückgezogen. Geschickte Werkmeister zogen ins Alte Schloß, um es von oben bis unten mit Dampfdruckheizung zu versehen. Unsere Geschäftsträger bei Spoelmann, die Herren von Bühl und Doktor Krippenreuther, erhielten das Großkreuz des Albrechtsordens in Brillanten, dem Finanzminister ward außerdem der persönliche Adel zuteil, und Herr von Knobelsdorff wurde mit einem lebensgroßen Bildnis des hohen Brautpaares erfreut – ausgeführt von der greisen Künstlerhand des Professors von Lindemann und in kostbarem Rahmen.

Über die Mitgift, die Imma Spoelmann von ihrem Vater empfangen sollte, erging sich nach der Verlobung das Volk in Phantastereien. Man befand sich im Taumel, man war von einer tollen Sucht besessen, mit wahrhaft astronomischen Ziffern um sich zu werfen. Aber die Mitgift überstieg nicht ein irdisches, wenn auch recht erfreuliches Maß. Sie betrug hundert Millionen.

»Bewahre!« sagte Ditlinde zu Ried-Hohenried, als sie zuerst davon vernahm. »Und mein guter Philipp mit seinem Torf …« Ähnlich dachte wohl mancher; aber den nervösen Zorn, der sich in schlichten Herzen gegen so ungeheuerliche Verhältnisse regen mochte, beruhigte Spoelmanns Tochter, indem sie wohlzutun und mitzuteilen nicht vergaß, sondern gleich am Tage des öffentlichen Verlöbnisses eine Stiftung von fünfhunderttausend Mark errichtete, deren Erträgnisse jedes Jahr in die vier Landeskommissarbezirke zu mildtätigen und gemeinnützigen Zwecken verteilt werden sollten …