Kurz nach seinem sechzehnten Geburtstag (Albrecht, der Erbgroßherzog, befand sich schon damals seiner Gesundheit wegen im Süden) ward der Prinz gemeinsam mit den fünf »Fasanen« in der Hofkirche eingesegnet – der »Eilbote« brachte den Bericht, ohne eine Sensation daraus zu machen. Oberkirchenratspräsident D. Wislizenus kontrapunktierte mit einem Bibelmotiv, das wiederum der Großherzog ausgewählt hatte, und Klaus Heinrich ward bei dieser Gelegenheit zum Leutnant ernannt, obgleich er von militärischen Angelegenheiten auch nicht das geringste verstand … Alle Sachlichkeit entwich mehr und mehr aus seinem Dasein. Und so war denn auch der zeremonielle Vorgang der Einsegnung ohne einschneidende Bedeutung, und der Prinz kehrte gleich danach ruhig nach Schloß »Fasanerie« zurück, um sein Leben im Kreise der Lehrer und Mitzöglinge ohne Veränderung fortzuführen.

Erst ein Jahr später verließ er sein altmodisch schlichtes Schülerzimmer mit dem Torso auf dem Kachelofen – das Konvikt löste sich auf, und während die fünf adeligen Genossen ins Kadettenkorps übertraten, nahm Klaus Heinrich wieder im Alten Schlosse Wohnung, um, einer Vereinbarung gemäß, die Herr von Knobelsdorff mit dem Großherzog getroffen hatte, ein Jahr lang die oberste Gymnasialklasse in der Residenz zu besuchen. Das war eine wohlerwogene und populäre Maßregel, die aber in sachlicher Hinsicht nicht vieles änderte. Professor Kürtchen war auf seinen Posten an der öffentlichen Lehranstalt zurückgekehrt, er unterrichtete Klaus Heinrich nach wie vor in mehreren Fächern und war in der Klasse noch eifriger als im Internat darauf bedacht, seinen Takt zu bekunden. Auch erwies sich, daß er von jener Übereinkunft, welche die beiden Arten des Prinzen, sich zur Antwort zu melden, betraf, die übrigen Lehrer in Kenntnis gesetzt hatte. Doktor Überbein angehend, der gleichfalls an das Gymnasium zurückgekehrt war, so war er in seiner ungewöhnlichen Laufbahn noch nicht so weit vorgerückt, um in der obersten Klasse zu unterrichten. Aber auf Klaus Heinrichs lebhaften, ja inständigen Wunsch, den er dem Großherzog ohne direkte Anrede und sozusagen auf dem Dienstwege, durch den wohlwollenden Herrn von Knobelsdorff, unterbreitet hatte, war der Hilfslehrer zum Repetenten und Leiter der häuslichen Studien bestellt worden, kam täglich aufs Schloß, schrie die Lakaien an und hatte auch jetzt Gelegenheit, mit seinen burschikosen und schwärmerischen Reden auf den Prinzen zu wirken.

Vielleicht war es zu einem Teil diesem fortdauernden Einfluß zuzuschreiben, wenn Klaus Heinrichs Beziehungen zu den jungen Leuten, mit denen er die zerschnitzte Schulbank teilte, noch lockerer und entfernter blieben als sein Verhältnis zu den Fünfen auf Schloß »Fasanerie«, und wenn so der populäre Zweck dieses Jahres verfehlt wurde. Die Pausen, die zur Sommers- und Winterszeit von allen Schülern auf dem geräumigen, mit Fliesen ausgelegten Vorhofe verbracht wurden, boten Gelegenheit zur Pflege der Kameradschaft. Allein diese Pausen, der großen Menge zur Erholung bestimmt, brachten für Klaus Heinrich erst die eigentliche, seinem Leben eigentümliche Anstrengung mit sich. Er war selbstverständlich, wenigstens im ersten Viertel des Jahres, auf dem Schulhof der Gegenstand allgemeinen Schauens – nichts Leichtes für ihn, in Ansehung der Tatsache, daß hier die Umgebung ihm jede äußere Erhöhung und Stütze versagte und er sich auf demselben Pflaster mit denen zu bewegen hatte, die einig gegen ihn waren, um zu schauen. Die kleinen Jungen, voll kindlicher Verantwortungslosigkeit, verharrten ganz nahe in selbstvergessenen Stellungen und gafften, indes die größeren mit erweiterten Augen um ihn schweiften und von der Seite oder von unten blickten … Das ließ im Laufe der Zeit wohl ein wenig nach, aber auch dann – mochte nun wer immer schuld daran sein, Klaus Heinrich oder die Menge – auch später wollte die Kameradschaft so rechte Fortschritte nicht machen. Man sah den Prinzen zur Rechten des Direktors oder des Lehrers, welcher die Aufsicht führte, gefolgt und umstrichen von Neugierigen, auf dem Hofe hin und her spazieren. Man sah ihn auch wohl am Standort seiner Klasse mit seinen Mitschülern plaudern. Ein liebenswürdiger Anblick! Er lehnte dort halb sitzend an dem schrägen Vorsprung der glasierten Ziegelmauer, die Füße gekreuzt, die linke Hand weit hinten in die Hüfte gestemmt, die fünfzehn Insassen der Oberprima in losem Halbkreise vor sich. Es waren nur fünfzehn dieses Jahr, denn die letzten Versetzungen waren unter dem Gesichtspunkte vorgenommen worden, daß keine Elemente in die Selekta vorrückten, die ihrer Herkunft oder Persönlichkeit nach ungeeignet waren, mit Klaus Heinrich ein Jahr lang auf du und du zu stehen. Denn das Du war Vorschrift. Klaus Heinrich sprach mit einem von ihnen, der ein wenig aus dem Halbkreise hervor ihm nahe getreten war und ihm unter kurzen, kleinen Verbeugungen antwortete. Beide lächelten; man lächelte stets, wenn man mit Klaus Heinrich sprach. Er fragte zum Beispiel: »Hast du den deutschen Aufsatz für nächsten Dienstag schon fertig?«

»Nein, Prinz Klaus Heinrich, noch nicht ganz, ich habe den Schluß noch nicht.«

»Es ist ein schwieriges Thema. Ich weiß noch gar nicht, was ich schreiben soll.«

»Oh, Sie werden … du wirst schon wissen!«

»Nein, es ist schwer. – Du hast ja eine Eins in der arithmetischen Klassenarbeit?«

»Ja, Prinz Klaus Heinrich, ich habe Glück gehabt.«

»Nein, das ist Verdienst. Ich werde nie etwas davon verstehen!«

Bewegung der Heiterkeit und des Beifalls im Halbkreise. Klaus Heinrich wandte sich an einen anderen Mitschüler, und der erste trat schnell zurück. Jedem war fühlbar, daß es sich bei alldem nicht um den Aufsatz noch um die arithmetische Arbeit handelte, sondern um das Gespräch als Vorgang und Handlung, um Haltung und Ton, das Vor- und Zurücktreten, die glückliche Abwicklung einer zarten, kühlen und über die Dinge erhabenen Angelegenheit. Vielleicht rührte von diesem Bewußtsein das Lächeln auf den Gesichtern her.