»Nur fest, nur fest, Königliche Hoheit … Es geht geschwinde … Es geht ganz leicht … Das zweitemal … das ist nichts … Geruhen: die Knie auseinander … Und stets das Kinn auf die Brust …«
Eine Wärterin, gleich ihr in ein weißes Leinen gekleidet, half ebenfalls und ging in den Pausen auf leisen Sohlen mit Gefäßen und Binden umher. Der Leibarzt, ein finsterer, schwarzgraubärtiger Mann, dessen linkes Augenlid gelähmt schien, überwachte die Geburt. Er trug den Operationsmantel über seiner Generalarzt-Uniform. Zuweilen erschien in der Kemenate, um sich vom Fortschreiten der Entbindung zu überzeugen, Dorotheas vertraute Oberhofmeisterin, Freifrau von Schulenburg-Tressen, eine beleibte und asthmatische Dame von unterstrichen spießbürgerlichem Äußern, die jedoch auf den Hofbällen eine Welt von Busen zu entblößen pflegte. Sie küßte ihrer Herrin die Hand und kehrte zurück in ein entlegenes Gemach, wo ein paar magere Schlüsseldamen mit dem diensttuenden Kammerherrn der Großherzogin, einem Grafen Windisch, plauderten. – Doktor Sammet, der das Linnengewand wie einen Domino über seinen Frack gezogen hatte, verharrte in bescheidener und aufmerksamer Haltung am Waschtisch.
Johann Albrecht hielt sich in einem zur Arbeit und Kontemplation einladenden Gewölbe auf, das von der »Brautkemenate« nur durch das sogenannte Frisierkabinett und einen Durchgangsraum getrennt war. Es führte den Namen einer Bibliothek, im Hinblick auf mehrere handschriftliche Folianten, die schräg auf dem wuchtigen Schranke lehnten und die Geschichte der Burg enthielten. Das Gemach war als Schreibzimmer eingerichtet. Globen schmückten die Wandborte. Durch das Bogenfenster, das geöffnet stand, wehte der starke Wind der Höhe. Der Großherzog hatte sich Tee servieren lassen, Kammerdiener Prahl hatte selbst das Geschirr gebracht; aber es stand vergessen auf der Platte des Sekretärs, und Johann Albrecht schritt in einem rastlosen, unangenehm angespannten Zustande von einem Winkel in den anderen. Sein Gang war vom unaufhörlichen Knarren seiner Lackstiefel begleitet. – Flügeladjutant von Lichterloh horchte darauf, indem er sich in dem beinahe leeren Durchgangszimmer langweilte.
Die Minister, der Generaladjutant, der Hofprediger und die Hofchargen, neun oder zehn Herren, warteten in den Repräsentationsräumen des Hoch-Erdgeschosses. Sie wanderten durch den großen und den kleinen Bankettsaal, wo zwischen den Lindemannschen Gemälden Arrangements von Fahnen und Waffen hingen; sie lehnten an den schaftartigen Pfeilern, die sich über ihnen zu bunten Gewölben entfalteten; sie standen vor den deckenhohen und schmalen Fenstern und blickten durch die in Blei gefaßten Scheibchen hinab über Fluß und Städtchen; sie saßen auf den Steinbänken, die um die Wände liefen, oder auf Sesseln vor den Kaminen, deren gotische Dächer von lächerlich kleinen gebückt schwebenden und fratzenhaften Kerlchen aus Stein getragen wurden. Der heitere Tag machte den Tressenbesatz der Uniformen, die Ordenssterne auf den wattierten Brustwölbungen, die breiten Goldstreifen an den Beinkleidern der Würdenträger erglitzern.
Man unterhielt sich schlecht. Beständig hoben sich Dreimaster und weißbekleidete Hände vor Münder, die sich krampfhaft öffneten. Fast alle Herren hatten Tränen in den Augen. Mehrere hatten nicht Zeit gefunden zu frühstücken. Einige suchten Zerstreuung, indem sie das Operationsbesteck und das kugelförmige, in Leder gehüllte Chloroformgefäß, das Generalarzt Eschrich hier für alle Fälle niedergelegt hatte, einem furchtsamen Studium unterzogen. Nachdem Oberhofmarschall von Bühl zu Bühl, ein starker Mann mit schwänzelnden Bewegungen, einem braunen Tupee, goldenem Zwicker und langen gelben Fingernägeln, in seiner abgerissen plappernden Art mehrere Geschichten erzählt hatte, machte er in einem Lehnstuhl von seiner Gabe Gebrauch, mit offenen Augen zu schlafen – reglosen Blicks und in bester Haltung das Bewußtsein von Zeit und Raum zu verlieren, ohne die Würde des Ortes im mindesten zu verletzen.
Doktor von Schröder, Minister der Finanzen und der Landwirtschaft, hatte an diesem Tage ein Gespräch mit dem Staatsminister Doktor Baron Knobelsdorff, Minister des Inneren, des Äußeren und des großherzoglichen Hauses. Es war eine sprunghafte Plauderei, die mit einer Kunstbetrachtung anhob, zu finanziellen und ökonomischen Fragen überging, eines hohen Hofbeamten in ziemlich abfälligem Sinne gedachte und sich auch mit den Personen der allerhöchsten Herrschaften beschäftigte. Sie begann, als die Herren, die Hände mit ihren Hüten auf dem Rücken, vor einem der Gemälde im Großen Bankettsaal standen, und beide dachten mehr dabei, als sie aussprachen. Der Finanzminister sagte: »Und dies? Was ist das? Was passiert da? Exzellenz sind so orientiert …«
»Oberflächlich. Es ist die Belehnung zweier jugendlicher Prinzen des Hauses durch ihren Oheim, den römischen Kaiser. Exzellenz sehen da die beiden jungen Herren knien und in großer Zeremonie ihren Eid auf das Schwert des Kaisers leisten …«
»Schön, ungewöhnlich schön! Welche Farben! Blendend. Was für reizende goldene Locken die Prinzen haben! Und der Kaiser … es ist der Kaiser, wie er im Buche steht! Ja, dieser Lindemann verdient die Auszeichnungen, die ihm zuteil geworden sind.«
»Durchaus. Die ihm zuteil geworden sind, die verdient er.«
Doktor von Schröder, ein langer Mann mit weißem Bart, einer zart gebauten goldenen Brille auf der weißen Nase, einem kleinen Bauch, der sich unvermittelt unter dem Magen erhob, und einem Wulstnacken, der den gestickten Stehkragen seines Fracks überquoll, blickte, ohne die Augen von dem Bilde zu wenden, ein wenig zweifelhaft drein, von einem Mißtrauen berührt, das ihn zuzeiten im Gespräch mit dem Baron überkam. Dieser Knobelsdorff, dieser Günstling und höchste Beamte war so vieldeutig … Zuweilen waren seine Äußerungen, seine Erwiderungen von einem ungreifbaren Spott umspielt. Er war weit gereist, er kannte den Erdball, er war so mannigfach unterrichtet, auf eine befremdende und freie Art interessiert. Dennoch war er korrekt. Herr von Schröder verstand sich nicht völlig auf ihn. Bei aller Übereinstimmung war es nicht möglich, sich ganz im Einverständnis mit ihm zu fühlen. Seine Meinungen waren voll heimlicher Reserve, seine Urteile von einer Duldsamkeit, die in Unruhe ließ, ob sie Gerechtigkeit oder Geringschätzung bedeute. Aber das Verdächtigste war sein Lächeln, ein Augenlächeln ohne Anteil des Mundes, das vermöge strahlenförmig an den äußeren Augenwinkeln angeordneter Fältchen zu entstehen schien oder umgekehrt mit der Zeit diese Fältchen hervorgerufen hatte … Baron Knobelsdorff war jünger als der Finanzminister, ein Mann in den besten Jahren damals, obwohl sein gestutzter Schnurrbart und sein glatt in der Mitte gescheiteltes Haupthaar schon leicht ergraut waren – untersetzt übrigens, kurzhalsig und von dem Kragen seines bis zum Saume betreßten Hofkleides sichtlich beengt. Er überließ Herrn von Schröder einen Augenblick seiner Ratlosigkeit und fuhr dann fort: »Nur wäre vielleicht im Interesse einer löblichen Hoffinanzdirektion zu wünschen, daß der berühmte Mann sich ein wenig mehr mit Sternen und Titeln begnügte, und … roh gesprochen, was mag dieses gefällige Bildwerk gekostet haben?«