Dieser Bürgermeister führte den Titel Ökonomierat, was man Klaus Heinrich bedeutet hatte und weshalb er ihn in seiner Antwort dreimal so anredete. Er sagte, er freue sich, zu hören, daß das Werk der Landwirtschaftsausstellung unter seinem Protektorate so wohl gediehen sei. (Er hatte eigentlich vergessen, daß er das Protektorat über die Ausstellung führte.) Er sei gekommen, um heute das Letzte für das große Werk zu tun, indem er die Ausstellung eröffnete. Dann erkundigte er sich nach vier Dingen: nach den wirtschaftlichen Verhältnissen der Stadt, der Zunahme der Bevölkerung in den letzten Jahren, nach dem Arbeitsmarkt (obgleich er nicht ganz genau wußte, was eigentlich der Arbeitsmarkt sei) und nach den Lebensmittelpreisen. Hörte er, daß die Lebensmittel teuer seien, so nahm er diese Mitteilung »ernst« entgegen, und das mußte selbstverständlich alles sein. Niemand erwartete mehr von ihm, und allgemein wirkte es tröstlich, daß er die Mitteilung von den hohen Preisen sehr ernst entgegengenommen habe.
Dann stellte der Bürgermeister ihm die städtischen Würdenträger vor: den Oberamtsrichter, einen adeligen Gutsbesitzer aus der Nähe, den Pastor, die beiden Ärzte, einen Expeditor, und Klaus Heinrich richtete an jeden eine Frage, indem er sich während der Antwort überlegte, was er zu dem nächsten sagen sollte. Es waren außerdem noch der Landestierarzt und der Landesinspektor für Tierzucht zugegen. Endlich bestieg man Fuhrwerke, um unter den Zurufen der Einwohner zwischen einem Spalier von Schulkindern, Feuerwehrleuten und Fahnenvereinen durch die geschmückte Stadt zur Festwiese zu fahren – nicht ohne am Tore noch einmal von weiß gekleideten Jungfrauen mit Kränzen auf den Köpfen angehalten zu werden, von denen eine, die Tochter des Bürgermeisters, dem Prinzen einen Blumenstrauß mit weißer Atlasmanschette in den Wagen reichte und zur immerwährenden Erinnerung an diesen Augenblick eine jener hübschen und preiswerten Preziosen eingehändigt erhielt, die Klaus Heinrich auf seinen Reisen mit sich führte, eine, sie wußte selbst nicht warum, in Sammet gebettete Busennadel, die man im »Eilboten« als goldenes, mit Edelsteinen besetztes Geschmeide wiederfand.
Zelte, Pavillons und Baracken waren auf der Wiese errichtet. An langen Reihen von Stangen, die untereinander mit Girlanden verbunden waren, flatterten bunte Wimpel. Auf einer hölzernen, mit Fahnentüchern behangenen Tribüne, zwischen Draperien, Festons und zweifarbigen Flaggenstangen, verlas Klaus Heinrich die kurze Eröffnungsrede. Und dann begann der Rundgang.
Da war an niedrige Querbäume das Hornvieh gefesselt, Reinzucht, Prachtexemplare mit glatten, gewölbten, scheckigen Leibern, numerierte Schilder an den breiten Stirnen. Da stampften und schnoben die Pferde, schwere Ackergäule mit gebogenen Schnauzen und Haarbüscheln oberhalb der Hufen, sowie feine, unruhige Reittiere. Da waren die nackten, kurzbeinigen Schweine, und zwar sowohl Land- als Edelschweine in großer Auswahl. Sie ließen die Bäuche hängen und wühlten grunzend mit ihren rosigen Rüsseln im Boden, während das Geblök der wolligen Schafe, ein verworrener Chor von Baß- und Kinderstimmen, die Luft erfüllte. Da war die lärmvolle Geflügelausstellung, beschickt mit allen Arten von Hühnern, vom großen Brahmaputra bis zum Goldlack-Zwerghühnchen, mit Enten und allerlei Tauben, mit Futtermitteln und Eiern in frischem und künstlich erhaltenem Zustande. Da war die Ausstellung von Feldprodukten mit allem Korn, mit Runkeln und Klee, Kartoffeln, Erbsen und Flachs. Da waren Auslesen von frischem und eingemachtem Gemüse, von rohem und konserviertem Obst, von Beerenfrüchten, Marmeladen und Säften. Aber endlich war da die Ausstellung landwirtschaftlicher Gerätschaften und Maschinen, vorgeführt von mehreren technischen Firmen, versehen mit allem, was zur Bestellung des Ackers dient, vom handlichen Pflug bis zu den großen, schwarzen, geschornsteinten Motoren, bei denen es aussah wie in einem Elefantenstall, vom einfachsten und begreiflichsten Gegenstande bis zu solchen, die aus einem Gewirr von Rädern, Ketten, Kolben, Walzen, Armen und Zähnen bestanden – eine Welt, eine ganze, beschämende Welt sinnreicher Nützlichkeit.
Klaus Heinrich sah alles an, er schritt, den Säbelgriff überm Unterarm, die Reihen der Tiere, Käfige, Säcke, Bottiche, Gläser und Utensilien ab. Der Herr zu seiner Rechten wies ihn mit der Hand im weißen Glacéhandschuh auf das einzelne hin, indem er sich diese und jene Erläuterung gestattete, und Klaus Heinrich tat, was seines Berufes war. Er äußerte sich in Worten vollster Anerkennung über alles, was er sah, er blieb von Zeit zu Zeit stehen und zog die Aussteller der Tiere ins Gespräch, erkundigte sich in leutseliger Weise nach ihren Verhältnissen und stellte Fragen, die die ländlichen Männer beantworteten, indem sie sich hinter den Ohren kratzten. Und im Gehen dankte er nach beiden Seiten für die Huldigungen der Bevölkerung, die seinen Weg besetzt hielt.
Namentlich am Ausgang des Festplatzes, dort, wo die Wagen warteten, hatte das Volk sich angesammelt, um seiner Abfahrt zuzuschauen. Ein Weg war ihm freigehalten, eine gerade Gasse bis zum Schlag seines Landauers, und er schritt lebhaft hindurch, die Hand am Helm und immerfort nickend, allein und formvoll geschieden von all diesen Menschen, die ihrem Urbilde, ihrer echten Art zujubelten, indem sie ihn feierten, und deren Leben, Arbeit und Tüchtigkeit er festlich darstellte, ohne teil daran zu haben.
Mit einem leichten und freien Schritte bestieg er den Wagen, ließ sich kunstreich nieder, so daß er sofort eine anmutige und vollkommene Haltung gewann, an der nichts mehr zu verbessern war, und fuhr grüßend zum »Gesellschaftshause«, wo das Frühstück eingenommen wurde. Der Bezirksamtmann brachte dabei – und zwar nach dem zweiten Gange – einen Trinkspruch auf den Großherzog und den Prinzen aus, worauf Klaus Heinrich sich unverzüglich erhob, um auf das Wohl des Bezirks und der Stadt zu trinken. Nach dem Festessen jedoch zog er sich in die Zimmer zurück, die der Bürgermeister ihm in seiner Amtswohnung eingeräumt hatte, und legte sich auf eine Stunde ins Bett; denn seine Berufsausübung erschöpfte ihn in seltsamem Maße, und nachmittags sollte er nicht nur in dieser Stadt die Kirche, die Schule, verschiedene Betriebe, besonders das Käselager der Gebrüder Behnke, besichtigen und sich über alles höchst befriedigt aussprechen, sondern auch noch seine Reise eine Strecke fortsetzen und eine Unglücksstätte, ein abgebranntes Dorf besuchen, um der Behörde seines Bruders Mitgefühl und sein eigenes auszudrücken und die Heimgesuchten zu erquicken durch seine hohe Gegenwart …
Aber daheim auf Schloß »Eremitage«, zurückgekehrt in seine enthaltsam möblierten Empirestuben, las er die Zeitungsberichte über seine Fahrten. Dann erschien Geheimrat Schustermann vom Preßbureau, das dem Ministerium des Inneren unterstand, in der Eremitage und brachte die Ausschnitte aus den Zeitungen, die reinlich auf weiße Bogen geklebt, datiert und mit dem Namen des Blattes versehen waren. Und Klaus Heinrich las von seiner persönlichen Wirkung, las über seines Wesens Anmut und Hoheit, las, daß er seine Sache gut gemacht und sich die Herzen von jung und alt im Sturm gewonnen – daß er den Sinn des Volkes vom Alltag erhoben und zur Liebe und Freude hingerissen habe.
Und dann erteilte er die Freiaudienzen im Alten Schloß, wie es vereinbart war.
Die Sitte der Freiaudienzen war von einem wohlmeinenden Vorgänger Albrechts II. geschaffen worden, und man hielt fest daran. Einmal in der Woche war Albrecht, war an seiner Statt Klaus Heinrich für jedermann zu sprechen. Ob der Bittsteller von Rang war oder nicht, seine Angelegenheit Tragweite besaß oder in einer persönlichen Sorge und Beschwerde bestand – eine Anmeldung bei Herrn von Bühl oder nur beim diensttuenden Adjutanten genügte, und dem Manne ward Gelegenheit, seine Sache an höchster Stelle vorzubringen. Eine schöne, menschenfreundliche Einrichtung! Denn so brauchte der Bittsteller nicht den Weg des schriftlichen Gesuches zu beschreiten, in der traurigen Voraussicht, daß sein Schriftsatz auf immer in den Kanzleien verschwinden werde, sondern hatte die glückliche Gewähr, daß sein Anliegen ganz unmittelbar zur höchsten Stelle gelange. Eingeräumt mußte werden, daß die höchste Stelle – Klaus Heinrich zu dieser Zeit – natürlich nicht in der Lage war, den Fall zu übersehen, ihn ernstlich zu prüfen und eine Entscheidung darüber zu treffen, sondern daß er die Sache dennoch an die Kanzleien weitergab, woselbst sie »verschwand«. Allein der Nutzen war gleichwohl groß, wenn auch nicht in dem Sinne großer Zweckdienlichkeit. Der Bürger, der Bittsteller kam bei Herrn von Bühl mit der Bitte ein, empfangen zu werden, und ein Tag, eine Stunde wurde ihm bestimmt. Er sah sie in freudiger Beklommenheit herannahen, er arbeitete im Geist an den Sätzen, in welchen er seine Angelegenheit vortragen würde, er ließ seinen Leibrock, seinen Seidenhut bügeln, legte ein gutes Hemd zurecht und bereitete sich auf alle Weise. Aber schon diese festlichen Vorkehrungen waren geeignet, die Gedanken des Mannes von dem erstrebten, derb sachlichen Vorteil abzulenken und ihm den Empfang selbst als den eigentlichen Gegenstand seiner angeregten Erwartung erscheinen zu lassen. Die Stunde kam, und der Bürger nahm, was er niemals tat, eine Droschke, um seine blanken Stiefel nicht zu verunreinigen. Er fuhr zwischen den Löwen des Albrechtstores hindurch, und die Wache sowohl wie der große Türsteher gaben ihm freien Durchgang. Er stieg aus im Schloßhof am Säulenumgang vor dem verwitterten Portal und ward von einem Lakaien in braunem Frack und sandfarbenen Gamaschen sogleich zur Linken in ein Vorzimmer zu ebener Erde eingelassen, in dessen einem Winkel sich ein Gestell mit Standarten befand, und wo eine Anzahl anderer Supplikanten kaum flüsternd und in andächtig gespanntem Zustande ihres Empfanges harrten. Der Adjutant, die Liste der Gemeldeten in der Hand, ging ab und zu und nahm denjenigen, der zunächst an der Reihe war, beiseite, um ihm mit gedämpfter Stimme Verhaltungsmaßregeln zu erteilen. Aber im Nebenzimmer, »Freiaudienz-Zimmer« genannt, stand Klaus Heinrich im Waffenrock mit silbernem Kragen und mehreren Sternen an einem runden Tischchen mit drei goldenen Beinen und empfing. Major von Platow unterrichtete ihn oberflächlich über die Person der einzelnen Bittsteller, bat den Mann herein und kehrte in den Pausen zurück, um den Prinzen kurz auf den Nächstfolgenden vorzubereiten. Und der Bürger trat ein; das Blut im Kopfe und ein wenig schwitzend stand er vor Klaus Heinrich. Man hatte ihm eingeschärft, daß er sich Seiner Königlichen Hoheit nicht allzusehr nähern, sondern in einiger Entfernung stehenbleiben, daß er nicht sprechen solle, bevor er gefragt sei, und auch dann nicht alles auf einmal herausschwatzen, sondern karg antworten, um dem Prinzen Stoff zu Fragen übrigzulassen; daß er sich schließlich rückwärts und ohne dem Prinzen seine Kehrseite zuzuwenden, entfernen möge. Und darauf, nicht gegen diese Vorschriften zu verstoßen, sondern an seinem Teil dazu beizutragen, daß das Gespräch einen schönen, glatten und harmonischen Verlauf nähme, nur hierauf war alles Trachten des Bürgers gerichtet. Klaus Heinrich befragte ihn, wie er die Veteranen, die Schützen, die Turner, die Landleute und die Abgebrannten zu befragen gewöhnt war, lächelnd, die linke Hand weit hinten in die Hüfte gestemmt; und unwillkürlich lächelte auch der Bürger – wobei ihm auf irgendeine Weise zumute war, als erhöbe er sich mit diesem Lächeln über alles, was ihn sonst befangen hielt. Dieser gemeine Mann, dessen Sinn sonst am Boden haftete, der außer dem handgreiflich Nützlichen nichts, wohl nicht einmal die alltägliche Höflichkeit in Bedacht nahm und auch hierher um einer Sache willen gekommen war – er erfuhr in seiner Seele, daß es etwas Höheres gäbe als seine Sache und die Sache überhaupt, und erhoben, gereinigt, mit blindem Blick und noch immer das Lächeln auf seinem geröteten Antlitz, ging er von dannen.