Er reiste ab, nachdem er sich von dem Professor von Lindemann hatte malen lassen, das teuere Bildnis jedoch dem Besitzer des Hotels »Quellenhof« zum Andenken geschenkt hatte, reiste ab mit seiner Tochter, der Löwenjoul und Doktor Watercloose, mit Perceval, dem Stubenveloziped und seiner Dienerschaft, reiste mit Sonderzug gen Süden, um an der Riviera, wohin ihm die beiden Neuyorker Zeitungsmänner vorausgeeilt waren, den Winter zu verbringen und dann über den Ozean heimzukehren. Alles war zu Ende. Der »Eilbote« rief Herrn Spoelmann ein aufrichtiges Lebewohl nach und gab dem Wunsche Ausdruck, daß die Kur ihm wohl anschlagen möge. Damit schien dieser merkwürdige Zwischenfall beschlossen und abgetan. Der Tag forderte sein Recht. Man begann Herrn Spoelmann zu vergessen.

Der Winter verging. Es war der Winter, in welchem die Fürstin zu Ried-Hohenried, Großherzogliche Hoheit, mit einem Töchterchen niederkam. Auch der Frühling ging ins Land, und Seine Königliche Hoheit Großherzog Albrecht begab sich gewohntermaßen nach Hollerbrunn. Da aber tauchte im Publikum und in der Presse ein Gerücht auf, das von ruhig denkenden Leuten anfangs mit Achselzucken aufgenommen wurde, das aber Gestalt annahm, sich festsetzte, sich in ganz bestimmte Einzelangaben kleidete und endlich als wirkliche und kernhafte Nachricht zur Herrschaft über das tägliche Gespräch gelangte.

Was ging vor? – Ein großherzogliches Schloß sollte verkauft werden. – Das war Unsinn. Welches Schloß? – Delphinenort. Schloß Delphinenort im nördlichen Stadtgarten. – Das war Narrengeschwätz. Verkauft? An wen? – An Spoelmann. – Lächerlich. Was sollte er damit anfangen? – Es wiederherstellen und bewohnen. – Sehr einfach. Aber vielleicht hatte unser Landtag ein wenig in solche Angelegenheit dreinzureden. – Den Landtag kümmerte das gar nicht. Hatte etwa der Staat eine Unterhaltungspflicht an Schloß Delphinenort? Dann hätte es hoffentlich besser ausgesehen um das schöne Ding. Und also hatte der Landtag nicht dreinzureden. – Die Verhandlungen waren wohl allgemein weit vorgeschritten? – Allerdings. Denn sie waren abgeschlossen. – Ei, und so war man denn natürlich wohl gar in der Lage, den genauen Kaufpreis zu nennen? – Aufzuwarten. Der Kaufpreis betrug zwei Millionen auf Heller und Pfennig. – Unmöglich! Ein Kronbesitz! – Kronbesitz hin und her. Handelte es sich um die Grimmburg? Ums Alte Schloß? Es handelte sich um ein Lustschloß, ein ewig unbenütztes, aus Geldmangel rettungslos verkommendes Lustschloß. – Und Spoelmann beabsichtigte also, jedes Jahr wiederzukommen und einige Wochen in Delphinenort zu wohnen? – Nein. Denn er beabsichtigte vielmehr, ganz und gar zu uns überzusiedeln. Er war Amerikas müde, wollte Amerika den Rücken kehren, und sein erster Aufenthalt bei uns war nichts als eine Auskundschaftung gewesen. Er war krank, er wollte sich von den Geschäften zurückziehen. Er war in seinem Herzen immer ein Deutscher geblieben. Der Vater war ausgewandert, und der Sohn wollte heimkehren. Er wollte an der gemessenen Lebensführung, den geistigen Darbietungen unserer Hauptstadt teilnehmen und in unmittelbarer Nähe der Ditlindenquelle den Rest seiner Tage verbringen!

Verblüffung, Getümmel und endlose Disputationen. Aber die öffentliche Meinung ging, mit Ausnahme der Stimmen einiger weniger Griesgrame, nach kurzem Schwanken in Begeisterung für den Verkaufsplan auf, und sicher hätte ohne diese allgemeine Zustimmung die Sache überhaupt gar weit nicht gedeihen können. Hausminister von Knobelsdorff war es gewesen, der eine erste behutsame Verlautbarung des Spoelmannschen Angebots in die Tagespresse gespielt hatte. Er hatte abgewartet, hatte den Volkswillen sich entscheiden lassen. Und nach der ersten Verwirrung hatten starke Gründe in Fülle sich eingefunden, die für das Projekt sprachen. Die Geschäftswelt brach in Beifall aus bei dem Gedanken, den gewaltigen Abnehmer dauernd am Platze zu sehen. Die Schöngeister zeigten sich entzückt in der Aussicht, daß Schloß Delphinenort wiederhergestellt und erhalten – daß dieses edle Bauwerk so unvorhergesehener-, ja abenteuerlicherweise wieder zu Ehren und Jugend gelangen sollte. Aber die staatswirtschaftlich Denkenden führten Ziffern ins Feld, die, wie im Lande die Dinge lagen, tiefe Erschütterung hervorrufen mußten. Wenn Samuel N. Spoelmann sich bei uns niederließ, so wurde er Steuersubjekt, so war er gehalten, bei uns sein Einkommen zu versteuern. Vielleicht fand man es der Mühe wert, sich die Bedeutung dieser Tatsache ein wenig klarzumachen? Es würde Herrn Spoelmann überlassen bleiben, sich einzuschätzen; aber nach allem, was man wußte – mit annähernder Genauigkeit wußte –, würde dieser Einwohner eine Steuerquelle von zwei Millionen und einer halben alljährlich darstellen, wobei allein die Staatssteuern und noch nicht einmal die Gemeindesteuern in Rechnung gezogen waren. Kam das in Betracht für uns oder nicht? Und zwar richtete man diese Frage ganz unmittelbar an den Herrn Finanzminister Doktor Krippenreuther. Wenn dieser Beamte nicht alles tat, um die Einwilligung der höchsten Person zu dem Verkaufe zu erlangen, so handelte er pflichtvergessen. Denn es war ein Gebot der Vaterlandsliebe, auf Spoelmanns Anerbieten einzugehen, damit er sich so recht nach Gefallen bei uns einrichten konnte, und alle Bedenken erschienen nichtig gegenüber diesem ernsten Gebot.

So hatte Exzellenz von Knobelsdorff beim Großherzog Vortrag gehabt. Er hatte seinem Herrn über die öffentliche Stimmung berichtet; hatte hinzugefügt, daß zwei Millionen ein Preis seien, der den sachlichen Wert des Schlosses in seinem jetzigen Zustand beträchtlich übertreffe; hatte angemerkt, daß diese Einkunft für die Hof-Finanzdirektion eine wahre Labsal bedeuten würde; und hatte schließlich etwas von der Zentralheizung für das Alte Schloß einfließen lassen, die, wenn der Verkauf zustande käme, nicht länger ein Ding der Unmöglichkeit sein werde. Kurz, der unbefangene alte Herr hatte seinen ganzen Einfluß für den Verkauf eingesetzt und dem Großherzog nahegelegt, die Sache vor einen Familienrat zu bringen. Albrecht hatte leicht mit der Unterlippe an der oberen gesogen und den Familienrat einberufen. Derselbe war im Rittersaal zusammengetreten, und es hatte Tee und Biskuits dazu gegeben. Nur zwei weibliche Mitglieder, die Prinzessinnen Katharina und Ditlinde, waren gegen den Verkauf gewesen, und zwar aus Gründen der Würde. »Man wird dich mißverstehen, Albrecht!« hatte Ditlinde gesagt. »Man wird es dir als Mangel an Hoheitsbewußtsein auslegen, und das ist nicht richtig, denn du hast im Gegenteil zuviel davon, du bist so stolz, Albrecht, daß dir alles ganz einerlei ist. Aber ich sage nein. Ich wünsche nicht, daß in einem von deinen Schlössern ein Vogel Roch wohnt, das ist nicht schicklich, und es genügt ja, daß er einen Leibarzt hat und die Fürstenzimmer vom Quellenhof in Anspruch nahm. Der »Eilbote« sagt immer, daß er ein Steuersubjekt ist, aber in meinen Augen ist er ganz einfach ein Subjekt und weiter nichts. Welcher Ansicht bist du, Klaus Heinrich?« – Aber Klaus Heinrich stimmte für den Verkauf. Erstens erhalte Albrecht die Zentralheizung, und dann sei Spoelmann nicht irgendeiner, er sei nicht Seifensieder Unschlitt, er sei ein Sonderfall, und es sei keine Schande, ihm Delphinenort zu überlassen. Schließlich hatte Albrecht mit niedergeschlagenen Augen erklärt, der ganze Familienrat sei im Grunde »Affentheater«. Das Volk habe längst entschieden, seine Minister drängen auf den Verkauf, und es bleibe ihm gar nichts anderes übrig, als wieder einmal auf den Bahnhof zu gehen und zu winken.

Der Familienrat hatte im Frühling getagt. Von nun an hatten die Verkaufsverhandlungen, die zwischen Spoelmann einerseits und dem Oberhofmarschall Herrn von Bühl zu Bühl andererseits geführt wurden, raschen Fortgang genommen, und der Sommer war noch nicht weit vorgeschritten, als Schloß Delphinenort mit Park und Nebengebäuden Herrn Spoelmanns rechtmäßiges Eigentum war.

Da begann ein Gewimmel und eine Geschäftigkeit um das Schloß und in seinem Innern, daß täglich viele Leute in den nördlichen Teil des Stadtgartens gelockt wurden. Delphinenort ward ausgebessert, ward innerlich umgebaut zu einem Teil, und zwar mit außerordentlichem Aufgebot an Arbeitskräften. Denn schnell, schnell mußte es gehen, das war Spoelmanns Wille, und kaum fünf Monate hatte er Frist gegeben, bis daß alles zu seinem Einzug bereit sein mußte. So wuchs mit Windeseile ein Holzgerüst mit Treppen und Plattformen um das schadhafte Prachtgebäude empor, ausländische Arbeiter bevölkerten es von oben bis unten, und ein Architekt kam mit Vollmachten über den Ozean herbei, um die Oberleitung des Ganzen zu übernehmen. Aber der Aufgabe größter Teil fiel doch unserem Handwerksfleiße zu, und die Steinmetzen und Dachdecker, die Schreiner, Vergolder, Tapezierer, Glaser, Parkettleger der Residenz, die Gartenkünstler und Werkmeister für Heizungsanlagen und Beleuchtungswesen hatten harte, ergiebige Arbeit diesen Sommer und Herbst. Wenn Seine Königliche Hoheit Klaus Heinrich auf »Eremitage« die Fenster geöffnet hielt, so drang der Schall des Treibens dort drüben bis in seine Empirestuben, und mehrmals ließ er sich, vom Publikum ehrerbietig begrüßt, in seiner Chaise an Schloß Delphinenort vorüberfahren, um sich von den Fortschritten des Erneuerungswerkes zu überzeugen. Das Gärtnerhäuschen ward aufgefrischt, die Ställe und Remisen, die den Spoelmannschen Wagen- und Automobilpark aufnehmen sollten, wurden erweitert; und was wurde im Oktober nicht alles ausgeladen an Möbeln und Teppichen, an Kisten und Kasten mit Stoffen und Hausrat vor Schloß Delphinenort, während sich unter den Umstehenden die Kunde verbreitete, daß dort drinnen kundige Hände geschäftig seien, Spoelmanns über das Weltmeer dahergesandte Orgel mit elektrischem Triebwerk aufzurichten. Spannung herrschte, ob wohl der Parkgrund, der zum Schlosse gehörte und so prächtig gesäubert und hergerichtet wurde, gegen den Stadtgarten durch Mauer oder Zaun werde abgeschlossen werden. Aber nichts dergleichen geschah. Der Besitz sollte zugänglich bleiben, die Bewegungsfreiheit der Hauptstädter im Grünen nicht eingeschränkt werden – so wollte es Spoelmann. Bis dicht an das Schloß, bis an die beschnittenen Hecken, die das große viereckige Wasserbassin einsäumten, sollten die sonntäglichen Spaziergänger Zutritt haben – und das verfehlte nicht, den besten Eindruck in der Bevölkerung zu machen, ja, der »Eilbote« veröffentlichte einen besonderen Artikel darüber, worin er Herrn Spoelmann für seine freisinnige Maßnahme pries.

Und siehe da: als wieder die Blätter fielen, genau ein Jahr nach seiner ersten Ankunft, traf Samuel N. Spoelmann zum zweitenmal auf unserem Bahnhof ein. Diesmal war die Beteiligung des Publikums an dem Ereignis weit größer als voriges Jahr, und es ist verbürgt, daß, als Herr Spoelmann in dem bekannten mißfarbenen Paletot und den Hut in der Stirn seinen Salonwagen verließ, lebhafte Hochrufe aus der Menge der Zuschauer erschollen – Kundgebungen, über die Herr Spoelmann sich übrigens eher zu ärgern schien, und für die statt seiner Doktor Watercloose dankte, indem er seinen Mund mild lächelnd in die Breite zog und die Augen schloß. Auch als Miß Spoelmann ausstieg, wurde ein Hoch ausgebracht, und ein paar Spaßvögel riefen sogar hurra, als Percy, der Colliehund, bebend, tänzelnd und vollständig außer sich auf dem Bahnsteig erschien. Außer dem Arzt und der Gräfin Löwenjoul befanden sich zwei noch unbekannte Personen in der Begleitung der Herrschaften, zwei rasierte und entschlossen blickende Herren in auffallend weiten Paletots. Es waren Herrn Spoelmanns Sekretäre, die Herren Phlebs und Slippers, wie der »Eilbote« in seinem Bericht bemerkte.

Damals war Delphinenort noch bei weitem nicht fertig, und Spoelmanns bezogen zunächst das erste Stockwerk des Residenz-Hotels, woselbst ein großer, bauchiger und stolzer Mann in Schwarz, der Spoelmannsche Haushofmeister oder butler, der vor ihnen eingetroffen war, für sie Quartier gemacht und eigenhändig das Stubenveloziped aufgestellt hatte. Täglich, während Miß Imma mit ihrer Gräfin und Percy spazierenritt oder Wohltätigkeitsanstalten besichtigte, weilte Herr Spoelmann in seinem Hause, um die Arbeiten zu überwachen und Anordnungen zu treffen; und als das Jahr sich zu Ende neigte, ganz kurz nachdem der erste Schnee gefallen war, da wurde es Wahrheit, da zogen Spoelmanns in Schloß Delphinenort ein. Zwei Automobile (man hatte sie kürzlich anlangen sehen – herrliche Fahrzeuge, von Riesenkräften mit zart metallischem Rauschen dahingetrieben) trugen die sechs Personen – denn in dem zweiten saßen die Herren Phlebs und Slippers –, gelenkt von in Leder gekleideten Chauffeuren, neben denen mit verschränkten Armen Bediente in schneeweißen Pelzmänteln saßen, in wenigen Minuten vom Residenz-Hotel durch den Stadtgarten, und als die Wagen die stattliche Kastanienallee durchflogen, die in die Auffahrt mündete, da hingen an den hohen Lampenträgern, welche an allen vier Ecken des großen Brunnenbassins aufgerichtet waren, die Knaben des Volks und schwenkten schreiend ihre Mützen …

So wurden Samuel N. Spoelmann und die Seinen bei uns ansässig, und seine Gegenwart wurde zu einer lieben Gewohnheit. Man sah und kannte seine weißgoldenen Bedienten in der Stadt, wie man die braungoldenen großherzoglichen Lakaien sah und kannte; der in bordeauxroten Plüsch gekleidete Neger, der als Türhüter vor dem Portal von Delphinenort Wache hielt, war bald eine volkstümliche Gestalt; und wenn man am Schlosse vorüberspazierte und das gedämpfte Brausen von Herrn Spoelmanns Orgelspiel aus dem Innern hervordrang, so hob man den Finger und sagte: »Horch, er spielt. Er hat also wohl keine Koliken im Augenblick.« Täglich sah man Miß Imma an der Seite der Gräfin Löwenjoul, gefolgt von einem Reitknecht und umlärmt von dem rasenden Percy, spazierenreiten oder ein prächtiges Four-in-hand-Gespann eigenhändig durch den Stadtgarten lenken – wobei der Bediente, der auf dem Rücksitz des leichten Wagens saß, sich von Zeit zu Zeit erhob, aus einem Lederfutteral eine lange silberne Trompete zog und mit hellem Schall das Nahen des Gefährtes verkündete; und wenn man früh aufstand, konnte man jeden Morgen Vater und Tochter in einem dunkelrot lackierten Coupé oder bei schönem Wetter zu Fuße sich durch den Parkgrund von Schloß »Eremitage« zum Quellengarten begeben sehen, um den Brunnen zu trinken. Was Imma betraf, so nahm sie, wie erwähnt, ihre Besichtigungen der städtischen Wohltätigkeitsanstalten wieder auf, schien aber darüber ihre Wissenschaft nicht zu vernachlässigen, denn seit dem Beginne des Studienhalbjahres besuchte sie regelmäßig die Vorlesungen des Geheimrats Klinghammer in der Universität – saß täglich in einem schwarzen Kleid mit weißem Umlegekragen und Manschetten unter den jungen Leuten im Hörsaal und führte mit hochaufgesetztem und eingedrücktem Zeigefinger – dies war ihre Schreibart – die Füllfeder über die Seiten ihres Kollegheftes. Spoelmanns lebten zurückgezogen, sie pflogen keinen Verkehr in der Stadt, was ja sowohl in Herrn Spoelmanns Krankheit als auch in seiner gesellschaftlichen Einsamkeit seine Erklärung fand. Welcher Gesellschaftsgruppe hätte er sich anschließen sollen? Niemand mutete ihm zu, etwa mit Seifensieder Unschlitt oder Bankdirektor Wolfsmilch auf vertrauten Fuß zu treten. Wohl aber näherte man sich ihm bald mit Ansprüchen an seine Mildtätigkeit und wurde nicht abgewiesen. Denn Herr Spoelmann, der, wie man wußte, vor seiner Abreise von Amerika der Behörde für den öffentlichen Unterricht in den Vereinigten Staaten eine gewaltige Summe Dollars überwiesen, auch die bindende Versicherung abgegeben hatte, seine jährlichen Zuwendungen an die Spoelmann-Universität und die übrigen Bildungsinstitute keineswegs einzustellen – er zeichnete bald nach seinem Einzuge in »Delphinenort« zehntausend Mark zugunsten des Dorotheen-Kinderhospitals, für das gerade gesammelt wurde: eine Handlungsweise, deren Hochherzigkeit der »Eilbote« und die übrige Presse in warmen Worten zu würdigen wußte. Ja, obwohl Spoelmanns gesellschaftlich abgeschlossen lebten, so eignete ihrem Dasein bei uns doch von der ersten Stunde an eine gewisse Öffentlichkeit, und mindestens im örtlichen Teil der Tagesblätter wurde ihr Wandel mit nicht geringerer Aufmerksamkeit verfolgt als der der Mitglieder des großherzoglichen Hauses. Das Publikum wurde unterrichtet davon, wenn Miß Imma mit der Gräfin und den Herren Phlebs und Slippers eine Partie Tennis im Park von »Delphinenort« gespielt hatte, es war auf dem laufenden darüber, wann sie das Hoftheater besucht hatte, wann auch ihr Vater dabeigewesen war, um anderthalb Aufzüge einer Oper anzuhören; und wenn Herr Spoelmann der Neugier auswich, wenn er während der Theaterpause niemals seine Loge verließ und sich fast niemals zu Fuß in den Straßen blicken ließ, so war er doch offenbar nicht ohne Sinn für die darstellerischen Verpflichtungen, die ein außerordentliches Dasein auferlegt, und gab der Schaulust das ihre. Bekanntlich war der Park von »Delphinenort« nicht gegen den Stadtgarten abgeteilt. Keine Mauer trennte das Schloß von der Welt. Von der Rückseite zumal konnte man über die Rasenflächen bis dicht an den Fuß der breiten gedeckten Terrasse vordringen, die dort errichtet war, und war man keck, so konnte man durch die große Glastür geradeswegs in den hohen, weißgoldenen Gartensalon blicken, woselbst Herr Spoelmann mit den Seinen um fünf Uhr den Tee nahm. Ja, als die schöne Jahreszeit eintrat, da wurde die Teestunde draußen auf der Terrasse abgehalten, und wie auf einer Bühne saßen Herr und Fräulein Spoelmann, die Löwenjoul und Doktor Watercloose in neuartig geformten Korbstühlen und tranken öffentlich Tee. Denn am Sonntag wenigstens fehlte es niemals an Publikum, das aus einiger ehrerbietiger Entfernung das Schauspiel genoß. Man zeigte einander den großen silbernen Teekessel, der, was man noch niemals gesehen, elektrisch geheizt wurde, und die wundersamen Livreen der beiden Bedienten, die die Tassen und Konfitüren darreichten: weiße, hochgeschlossene und goldbetreßte Fräcke, die an den Kragen, den Ärmeln, den Säumen mit Schwan besetzt waren. Man horchte auf das englisch-deutsche Gespräch und verfolgte mit offenen Mündern jede Bewegung der merkwürdigen Familie dort oben. Dann ging man hinüber vors Hauptportal, um dem bordeauxroten Plüschmohren ein paar Scherze im Volksdialekt zuzurufen, die jener mit weißem Grinsen beantwortete …