Doktor Überbein schwieg.
»Und nun sollte ich wohl gar,« sagte er plötzlich mit schallender Stimme, »wenn es möglich wäre, dazu helfen, daß aus zwei Sonderfällen so etwas wie ein Allerweltsfall werde?«
Hierauf ging er. Er sagte, daß er zu seiner Arbeit zurückkehren müsse, wobei er das Wort »Arbeit« scharf betonte, und bat, sich zurückziehen zu dürfen. Er verabschiedete sich seltsam zeremoniös und unväterlich.
Klaus Heinrich sah ihn wohl zehn oder zwölf Tage nicht. Er lud ihn einmal zum Frühstück ein, aber Doktor Überbein ließ um gnädigste Entschuldigung bitten, seine Arbeit nähme ihn augenblicklich gar zu sehr in Anspruch. Schließlich kam er von selbst. Er war aufgeräumt und sah übrigens grüner aus als je. Er schwadronierte von diesem und jenem und kam dann auf Spoelmanns zu sprechen, indem er zur Decke blickte und sich bei der Gurgel ergriff. Alles was recht sei, sagte er, aber es sei ganz auffallend viel Sympathie für Samuel Spoelmann vorhanden, man spüre es überall in der Stadt, wie er beliebt sei. Erstens natürlich als Steuersubjekt, aber auch sonst. Man habe einfach Sinn für ihn, in allen Schichten, für sein Orgelspiel und seinen mißfarbenen Paletot und seine Nierenkoliken. Jeder Schusterjunge sei stolz auf ihn, und wenn er nicht so unzugänglich und verdrießlich wäre, würde man es ihm schon zu fühlen geben. Die Zehntausend-Mark-Spende für das Dorotheen-Spital habe natürlich den besten Eindruck gemacht. Sein Freund Sammet habe ihm, Überbein, erzählt, daß mit Hilfe dieser Schenkung umfassende Verbesserungen im Spital vorgenommen seien. Und übrigens, was ihm da einfalle! Die kleine Imma wolle ja morgen vormittag die Verbesserungen in Augenschein nehmen, habe Sammet erzählt. Sie habe einen von ihren Schwanverbrämten geschickt und angefragt, ob sie morgen willkommen sei. Eigentlich gehe sie ja das Kinderelend den Teufel etwas an, meinte Überbein, aber sie wolle vielleicht was lernen. Morgen vormittag um elf, wenn ihn sein Gedächtnis nicht täusche. Dann sprach er von etwas anderem. Beim Weggehen sagte er noch: »Der Großherzog sollte sich mal ein bißchen um das Dorotheen-Spital kümmern, Klaus Heinrich, man erwartet das. Eine segensreiche Anstalt. Kurzum, jemand müßte vorfahren. Und das hohe Interesse bekunden. Ohne vorgreifen zu wollen … Und damit Gott befohlen.«
Aber er kehrte noch einmal zurück, und in seinem grünlichen Gesicht war, unterhalb der Augen, eine Röte entstanden, die sich völlig unwahrscheinlich darin ausnahm. »Sollte ich«, sagte er laut, »Sie jemals wieder mit einem Bowlendeckel auf dem Kopfe treffen, Klaus Heinrich, so lasse ich Sie sitzen.« Dann kniff er die Lippen zusammen und ging schnell hinaus.
Am nächsten Vormittag gegen elf Uhr fuhr Klaus Heinrich, von Schloß »Eremitage« kommend, mit Herrn von Braunbart-Schellendorf, seinem Adjutanten, durch die beschneite Birkenallee, auf holperigen Vorstadtstraßen zwischen ärmlichen Wohnungen hin und hielt vor dem schlichten weißen Hause, über dessen Eingang in breiten schwarzen Lettern »Dorotheen-Kinderspital« zu lesen war. Sein Besuch war gemeldet. Der Chefarzt der Anstalt, im Frack und angetan mit dem Albrechtskreuz dritter Klasse, erwartete ihn mit zwei jüngeren Ärzten und dem Korps der Diakonissinnen in der Vorhalle. Der Prinz und sein Begleiter trugen Helm und Pelzmantel. Klaus Heinrich sagte: »Ich erneuere zum zweitenmal eine alte Bekanntschaft, lieber Herr Doktor. Sie waren anwesend, als ich zur Welt kam. Und dann standen Sie am Sterbebett meines Vaters. Auch sind Sie ja ein Freund meines Lehrers Überbein. Ich freue mich sehr.«
Doktor Sammet, in tätiger Sanftmut ergraut, verbeugte sich seitwärts geneigten Kopfes, eine Hand an der Uhrkette und den Ellenbogen dicht am Oberkörper. Er stellte dem Prinzen die beiden jüngeren Ärzte und die Schwester-Oberin vor und sagte dann: »Ich muß Euerer Königlichen Hoheit anzeigen, daß der gnädige Besuch Euerer Königlichen Hoheit mit einem anderen Besuch zusammentrifft. Ja. Wir erwarten Fräulein Spoelmann. Ihr Vater hat unsere Anstalt in so großartiger Weise gefördert … Wir konnten die Vereinbarung nicht wohl noch rückgängig machen. Die Schwester-Oberin wird das Fräulein führen.«
Klaus Heinrich nahm freundlich von diesem Zusammentreffen Kenntnis. Er tat hierauf eine Äußerung über die Tracht der Diakonissinnen, die er kleidsam nannte, und erklärte dann, daß er begierig sei, einen Einblick in die segensreiche Anstalt zu tun. Man begann den Rundgang. Die Oberin blieb mit drei Schwestern in der Vorhalle zurück.
Alle Wände im Haus waren weiß getüncht, waren waschbar. Ja. Die Kräne der Wasserleitungen waren sehr groß; man bewegte sie mit dem Ellenbogen, aus Reinlichkeitsrücksichten. Und Spülstrahlapparate waren angebracht, für die Milchflaschen. Man ging durch den Empfangsraum, der leer war bis auf ein paar Betten außer Dienst und die Fahrräder der Ärzte. Im Ordinationszimmer, nebenan, war außer dem Schreibtisch und dem Gestell mit den weißen Mänteln der Ärzte noch eine Art Wickeltisch mit Wachstuchkissen, ein Operationstisch, ein Schrank mit Nährmitteln und eine muldenförmige Kinderwage zu sehen. Klaus Heinrich verweilte bei den Nährmitteln, ließ sich die Zusammensetzung der Präparate erklären. Doktor Sammet dachte bei sich, daß, wenn man den Rundgang mit dieser Gründlichkeit fortsetzen wolle, empfindlich viel Zeit verlorengehen werde.
Plötzlich gab es Geräusch auf der Straße. Ein Automobil fuhr tutend an und bremste vorm Hause. Es wurde hoch gerufen, man hörte es deutlich im Ordinationszimmer, wenn es auch wohl nur Kinder waren, die riefen. Klaus Heinrich kümmerte sich nicht sehr um diese Vorgänge. Er betrachtete eine Büchse mit Milchzucker, die übrigens nicht viel Merkwürdiges bot. »Scheinbar kommt Besuch«, sagte er. »Oh, richtig, Sie sagten ja, daß welcher kommen werde. Gehen wir weiter?«