Und Klaus Heinrich fuhr fort, sein unsachliches Leben zu führen und seinen hohen Beruf zu üben. Er sprach seine gnädigen Worte, vollführte seine Handbewegungen, repräsentierte bei Hofe und auf dem Ballfest beim Konseilpräsidenten, erteilte Freiaudienzen, frühstückte in der Offiziersspeiseanstalt der Leibgrenadiere, zeigte sich im Hoftheater und schenkte dieser und jener Ortschaft des Landes seine festliche Anwesenheit. Lächelnd und mit geschlossenen Absätzen waltete er der Form und tat in unbedingt gefaßter Haltung seine schwierige Pflicht, obwohl er zu dieser Zeit über so manches nachzudenken hatte, über den hitzigen Herrn Spoelmann, die verwirrte Gräfin Löwenjoul, den tollen Percy und namentlich auch über Imma, die Tochter des Hauses. Manche Frage, die sein erster Besuch in »Delphinenort« ihm aufgegeben, war er jetzt noch nicht zu beantworten in der Lage, sondern erhielt die Lösung erst im weiteren Laufe des Verkehrs mit dem Hause Spoelmann, den er unter angespannter und schließlich fieberhafter Teilnahme der Öffentlichkeit aufrechterhielt, und der seine nächste Fortsetzung damit fand, daß der Prinz eines Tages in aller Morgenfrühe zum Erstaunen der Herrschaft, der Dienerschaft und seiner selbst, ja, gewissermaßen willenlos und wie vom Schicksal ergriffen, allein und zu Pferd auf »Delphinenort« erschien, um das Fräulein, das er obendrein in seinen mathematischen Studien störte, zu einem Spazierritt abzuholen.
Die Macht des Winters war früh gebrochen in diesem auf immer denkwürdigen Jahr. Nachdem der Januar mild vergangen, setzte schon Mitte Februar mit Vogelsang, Sonnengold und süßen Lüften ein Vorfrühling ein, und als Klaus Heinrich am Morgen des ersten von diesen hoffnungsvollen Tagen auf Schloß Eremitage in seinem alten und geräumigen Mahagonibett erwachte, von dessen einem Pfosten die kugelförmige Bekrönung abgebrochen und verlorengegangen war, fühlte er sich wie von starker Hand berührt und unwiderstehlich zu frischen Taten aufgefordert.
Er zog die Klingel nach Neumann (denn es gab nur Klingelzüge auf Eremitage) und erteilte Weisung, daß binnen einer Stunde Florian gesattelt sein möge. Ob auch für den Lakaien ein Pferd bereitgemacht werden solle? Nein, nicht nötig; Klaus Heinrich erklärte, allein reiten zu wollen. Dann gab er sich zur morgendlichen Herstellung in Neumanns gewissenhafte Hände, frühstückte drunten im Gartenzimmer mit Ungeduld und stieg am Fuße der kleinen Terrasse zu Pferde. Die gespornten Reitstiefel in den Steigbügeln, in der braun behandschuhten Rechten die gelbledernen Zügel und die Linke unter dem offenen Mantel in die Hüfte gestemmt, ritt er im Schritt durch den zarten Morgen, indem er über sich im noch nackten Gezweig die Vögel suchte, deren Zwitschern er hörte. Er ritt durch den öffentlichen Teil seines Parks, durch den Stadtgarten und den Grund von »Delphinenort«. Halb zehn Uhr kam er an. Die Überraschung war groß.
Am Hauptportal übergab er Florian einem englischen Stallknecht. Der Butler, der in Hausstandsgeschäften quer durch die Halle mit dem Mosaikfußboden kam, stand still und entgeistert, als er Klaus Heinrich gewahrte. Auf die Frage, die der Prinz mit heller und gleichsam übermütiger Stimme nach den Damen tat, antwortete er überhaupt nicht, sondern wandte sich ratlos der Marmortreppe zu, blickte stumm von Klaus Heinrich hinauf zu ihrer Höhe; denn dort stand Herr Spoelmann.
Wie es schien, so hatte er kürzlich sein Frühstück beendet und befand sich in behaglicher Laune. Er hielt die Hände in die Hosentaschen versenkt, wobei er den Hausflaus, den er trug, von der Sammetweste zurückraffte, und der bläuliche Rauch der Zigarette zwischen seinen Lippen machte ihn blinzeln. »Na, junger Prinz?« sagte er und schaute hinunter …
Klaus Heinrich eilte salutierend auf dem roten Läufer die Stufen hinan. Ihm war, als ob nur durch Schnelligkeit und sozusagen im Sturm das Ungeheuerliche der Lage zu bewältigen sei.
»Sie werden erstaunt sein, Herr Spoelmann,« sagte er – »zu dieser Stunde …« Er war außer Atem und erschrak sehr darüber: so wenig war er dieses Zustandes gewohnt.
Herr Spoelmann antwortete ihm durch Miene und Schultergebärde, daß er sich zu fassen wisse, immerhin aber auf eine Erklärung begierig sei.
»Es handelt sich um eine Verabredung …« sagte Klaus Heinrich. Er stand zwei Stufen unter dem Milliardär und sprach zu ihm hinauf. »Eine Verabredung zum Spazierritt zwischen Fräulein Imma und mir … Ich habe versprochen, den Damen die Fasanerie oder den Hofjäger zu zeigen … Fräulein Imma kennt fast nichts von der Umgegend, wie sie mir gesagt hat. Am ersten schönen Tage war vereinbart … Nun ist es so schön heute … Es ist natürlich Ihre Zustimmung erforderlich …«
Herr Spoelmann hob die Schultern und machte einen Mund dazu, als wollte er sagen: »Zustimmung – wieso?«