»Da haben wir's«, sagte Imma im Lärm und klopfte der scheuenden Fatme den Hals. »Es war ihm nicht zu verheimlichen. Im letzten Augenblick hat er alles entdeckt. Nun kommt er mit, und zwar nicht ohne Aufhebens von der Sache zu machen. Stehen wir ab von unserem Beginnen, Prinz?«

Aber obgleich Klaus Heinrich verstand, daß man ebensogut den Bedienten mit einer silbernen Drommete sich hätte können voranreiten lassen, damit er durch sein Getön die Teilnahme der Öffentlichkeit an diesem Ausritt erzwinge, so sagte er doch trotzig und froh, daß Perceval nur mitkommen möge; er gehöre dazu und müsse auch seinerseits die Umgegend kennenlernen.

»Wohin nun also?« fragte Imma, als es im Schritt durch die breite Kastanienzufahrt ging. Sie ritt zwischen Klaus Heinrich und der Gräfin. Perceval lärmte voran.

Der englische Reitknecht, mit Rosettenhut und gelben Stulpen, folgte in gemessener Entfernung.

»Der Hofjäger ist hübsch,« antwortete Klaus Heinrich, »aber zur Fasanerie ist es ein bißchen weiter, und wir haben ja Zeit bis zum Frühstück. Ich würde den Damen das Schloß gern zeigen. Ich habe da als Knabe drei Jahre verlebt. Es war ein Konvikt, wissen Sie, mit Lehrern und Mitschülern. Ich habe dort meinen Freund Überbein kennengelernt, Doktor Überbein, meinen liebsten Lehrer.«

»Sie haben einen Freund?« fragte Fräulein Spoelmann gewissermaßen erstaunt und sah ihn an. »Von dem müssen Sie mir einmal erzählen«, fügte sie hinzu. »Und auf Schloß Fasanerie sind Sie erzogen worden? Dann müssen wir es sehen, denn das ist offenbar auch Ihre Überzeugung. Trab!« sagte sie, da man in einen erdigen Reitweg eingelenkt war. »Da liegt Ihre Einsiedelei, mein Prinz … Entenfutter ist auf Ihrem Teiche in hinlänglichen Mengen vorhanden … Ich denke, wir lassen den Quellengarten hübsch seitwärts liegen, wenn es sich machen läßt.«

Klaus Heinrich war es zufrieden, und so verließen sie die Parkgegend und trabten querfeldein, um die Landstraße zu gewinnen, die in nordwestlicher Richtung zu dem gesetzten Ziele führte. Im Stadtgarten waren sie von einigen Spaziergängern begrüßt und bestaunt worden, wofür Klaus Heinrich, die Hand am Mützenschirme, Imma Spoelmann mit ernsthaften und ein wenig befangenen Neigungen ihres schwarzbleichen Köpfchens im Dreispitz gedankt hatte. Nun waren sie im Freien und brauchten keiner Begegnungen mehr gewärtig zu sein. Auf der Chaussee zog dann und wann ein bäuerliches Fuhrwerk dahin, oder ein Radfahrer arbeitete sich gebückt des Weges. Aber sie hielten sich zuseiten der Straße im Wiesengelände, wo es sich sanfter und freier ritt. Perceval tänzelte rückwärts vor den Pferden her, beständig in Unrast und fiebriger Erwartung, beständig in drehender, trippelnder, wedelnder Bewegung – sein Atem flog, seine Zunge hing lang aus dem geifernden Rachen, und manchmal löste die unvernünftige Qual seiner Nerven sich in kurzen, seufzerartigen Schreien. Später toste er im Weiten, verfolgte mit aufgerichteten Ohren in hohen und kurzen Sprüngen irgendein Lebewesen am Boden und setzte in wilder Jagd einem flüchtigen Hasen nach, während sein ausgelassenes Gebell unter dem offenen Himmel verhallte.

Man sprach von Fatme, die Klaus Heinrich zum erstenmal aus solcher Nähe sah und herzlich bewunderte. Auf ihrem langen, muskulösen Hals trug Fatme hoffärtig nickend einen kleinen Kopf mit feurig schielenden Augen; sie hatte die zierlichen Beine des arabischen Typs und einen wallenden Silberschweif. Weiß wie der Mondstrahl, war sie weiß gesattelt und gegürtet und mit weißem Leder gezäumt. Florian, ein etwas schläfriger Brauner mit kurzem Rücken, gestutzter Mähne und gelben Fesselbinden, erschien hausbacken wie ein Esel neben der vornehmen Fremden, obgleich er sorgfältig gehalten war. Die Gräfin Löwenjoul ritt eine große Falbe namens Isabeau. Sie saß vortrefflich zu Pferde, unterstützt von ihrer hohen und straffen Gestalt; aber ihren kleinen Kopf im Herrenhut hielt sie zur Seite geneigt, und ihre Lider waren zwinkernd zusammengezogen. Klaus Heinrich richtete hinter Fräulein Spoelmanns Rücken das Wort an sie, indem er sich im Sattel rückwärts bog; aber sie antwortete nicht, fuhr vielmehr fort, mit halbgeschlossenen Augen und einem madonnenhaften Ausdruck kurz vor sich hinzublicken, und Imma sagte: »Lassen wir die Gräfin, Prinz, sie ist zerstreut.«

»Ich will nicht hoffen,« sagte er, »daß die Frau Gräfin sich uns widerwillig angeschlossen hat.« Und er war aufrichtig bestürzt, als Imma Spoelmann gelassen antwortete: »Die Wahrheit zu sagen, das könnte sein.«

»Ihrer Aufzeichnungen wegen?« fragte er.