Sie dauerte lange. Noch nie hatten sie den Wasserlauf so weithin verfolgt. Links hatte sich längst die Aussicht geschlossen. Erdklumpen und Grasbüschel stoben unter den Hufen auf. Die Gräfin war bald zurückgeblieben. Als sie endlich die Pferde zügelten, zitterte Florian, der sein Letztes getan hatte, und sie selbst waren bleich und atmeten schwer. Der Rückweg verlief schweigsam. –

Am Nachmittag vor seinem diesjährigen Geburtstag sah Klaus Heinrich Raoul Überbein bei sich auf »Eremitage«. Der Doktor kam, um seine Gratulation darzubringen, da er morgen durch Arbeit verhindert sein würde. Sie gingen auf den Kieswegen im rückwärtigen Teil des Parkes umher, der Oberlehrer in Gehrock und weißer Binde, Klaus Heinrich in seiner Litewka. Das Gras stand reif zur Mahd unter der schrägen Nachmittagssonne, die Linden blühten. In einem Winkel, dicht an der Hecke, die den Grund von unschönen Vorstadtwiesen trennte, war ein kleiner, morscher Borkentempel gelegen.

Klaus Heinrich sprach von seinem Verkehr auf »Delphinenort«, da dieser Gegenstand ihm am nächsten lag; er erzählte anschaulich davon, ohne dem Doktor tatsächliche Neuigkeiten mitteilen zu können, denn dieser zeigte sich auf dem laufenden. Woher er das sei? – Oh, aus verschiedenen Quellen. Überbein habe nichts vor anderen voraus. – Und also kümmere man sich in der Residenz um diese Dinge? – »Nein, behüte, Klaus Heinrich, niemand denkt daran. Weder an die Ritte, noch an die Teevisiten, noch an die Automobilfahrt. Dergleichen vermag natürlich keine Zunge in Bewegung zu setzen.« – »Aber wir sind so vorsichtig!« – »Wir ist prächtig, Klaus Heinrich, und das mit der Vorsicht auch. – Übrigens läßt Exzellenz von Knobelsdorff sich genau über Ihre Taten Bericht erstatten.« – »Knobelsdorff? – Knobelsdorff?« Klaus Heinrich schwieg. – »Und wie stellt sich Baron Knobelsdorff zu den Berichten?« fragte er dann. Nun, der alte Herr habe ja noch nicht Veranlassung genommen, in die Entwicklung der Dinge einzugreifen. – Aber die Öffentlichkeit? Die Leute? – Ja, die Leute hielten natürlich den Atem an. – »Und Sie, Sie selbst, lieber Doktor Überbein?!« – »Ich warte auf den Bowlendeckel«, erwiderte der Doktor.

»Nein!« rief Klaus Heinrich mit freudiger Stimme. »Nein, es wird nichts aus dem Bowlendeckel, Doktor Überbein, denn ich bin glücklich, glücklich, was da auch kommen möge – verstehen Sie das? Sie haben mich gelehrt, daß das Glück nicht meine Sache sei, und haben mich bei den Ohren wieder zu mir selbst gebracht, als ich es dennoch damit versuchte, und ich war Ihnen unaussprechlich dankbar dafür, denn es war schrecklich, schrecklich, und ich vergesse es nicht. Aber dies hier ist kein Ausflug in den Tanzsaal des Bürgergartens, wovon man gedemütigt und Übelkeit im Herzen zurückkehrt, es ist keine Verirrung und Entgleisung und Erniedrigung. Sehen Sie denn nicht, daß die, von der wir reden, daß sie weder in den Bürgergarten gehört, noch zu den adeligen Fasanen, noch irgendwohin sonst in der Welt als zu mir – daß sie eine Prinzessin ist, Doktor Überbein, und meinesgleichen, und daß also von Bowlendeckeln gar nicht die Rede sein kann? Sie haben mich gelehrt, daß es liederlich sei, zu behaupten, daß wir alle nur Menschen seien, und innerlich hoffnungslos für mich, so zu tun, als ob es so sei, und ein verbotenes Glück, das mit Schande enden müsse. Aber dies hier ist nicht das liederliche und verbotene Glück. Es ist zum ersten Male das erlaubte und innerlich hoffnungsvolle und glückselige Glück, Doktor Überbein, dem ich mich guten Muts überlassen darf, was da auch kommen mag …«

»Adieu, Prinz Klaus Heinrich«, sagte Doktor Überbein, ohne übrigens schon aufzubrechen. Vielmehr fuhr er fort, die Hände auf dem Rücken und den roten Bart auf die Brust gesenkt, an Klaus Heinrichs linker Seite dahinzuwandeln.

»Nein«, sagte Klaus Heinrich. »Nein, nicht adieu, Doktor Überbein – das ist es ja eben! Ich will Ihr Freund bleiben, der Sie es immer so schwer gehabt haben und so stolz auf Schicksal und Strammheit halten und mich ebenfalls stolz machten dadurch, daß Sie mich als Kameraden behandelten. Ich will nun, wo ich das Glück gefunden habe, nicht bequemeren Sinnes werden, sondern Ihnen treu bleiben und mir und meinem hohen Beruf …«

»Wird nicht gegeben«, sagte Doktor Überbein auf lateinisch und schüttelte seinen häßlichen Kopf mit den abstehenden, spitz zulaufenden Ohren.

»Doch, Doktor Überbein, ich bin nun ganz sicher, daß es das gibt, beides zusammen. Und Sie, Sie sollten nicht so kaltsinnig und abweisend neben mir hergehen, wo ich so glücklich bin und obendrein der Vorabend meines Geburtstags ist. Sagen Sie mir … Sie haben so viele Einblicke getan und sich in jeder Weise den Wind um die Nase wehen lassen – aber haben Sie denn niemals Erfahrungen gemacht in dieser Richtung … Sie wissen schon … Sind Sie gar niemals ergriffen worden, wie ich es nun bin?«

»Hm«, sagte Doktor Überbein und kniff die Lippen zusammen, daß sein roter Bart sich hob und Muskelballen sich an seinen Wangen bildeten. »Das könnte wohl dennoch so unterderhand sich einmal ereignet haben.«

»Sehen Sie? Sehen Sie? Und nun erzählen Sie mir's, Doktor Überbein! Heute müssen Sie mir's erzählen!«