Wir segelten einer französischen Dame voran. Vornehm steckte sie durch einen baufälligen Laden ihren Kopf heraus. Von einem Monsieur unserer Barke wurde sie nur befragt, ob sie des Nachts viele Flöhe gehabt hätte. Das war eine schlechte licentia poetica, aber eine natürliche. Gegenseitige Theilnahme an den Plagen ist wenigstens ein Erguß der Gemüthlichkeit.
Um Mittag langten wir in Atse an. Hier verbindet sich der Kanal mit dem westlichen Arme des Nils. Das Dorf mit seinen elenden, schwarzgrauen Hütten gleicht einem Ameisenhaufen, so viel Leben und Regsamkeit zeigt sich in dem Bassar und an den Stapelplätzen. In der Kornhalle, aber keinem Konterfei der Pariser, liegt das Getreide auf dem Boden an einem Haufen unter freiem Himmel. Der Kornhändler hockt auf dem Kornkegel und schmaucht mit aller Behaglichkeit eine Pfeife. Auf diesen Markt soll man nicht gehen, um Eßlust zu fördern. Solche Getreidemärkte besitzt auch das übrige Egypten. Die Kornspeicher stellen indeß andere Male einen, mit einer Mauer umfangenen, unbedeckten Platz vor. Ich wollte im Bassar eine Limonade trinken; allein den widerlichen Geschmack dieses mit Meth oder Melis zubereiteten Getränkes konnte ich nicht überwinden. Ich war noch nicht so weit in das Reisen eingeschossen, daß ich Alles verschlingen wollte. Im Bassar gewahrte ich eine Höckerin mit einem nackten Kinde, das an den Blattern litt. In Egypten hausen diese auf eine schreckliche Weise.
Billig nahm der Nil mit seinem weißgelblichen Schiller meine Aufmerksamkeit in Anspruch. So habe ich denn ein Ziel meiner Reise erreicht. Mit Recht danken dir, o Nil, die Bewohner des Landes, daß du die von dir überschwemmten Ländereien segnest. An andern Orten schadet im Gegentheile der Fluß durch Ueberschwemmung. In der Mitte zwischen den Quellen und Mündungen ist der Weltstrom am größten, und an andern Orten wird der Fluß um so größer, je näher er gegen das Meer anströmt. Nicht durch majestätische Größe, mehr aber durch den reißend schnellen Lauf zeichnet sich dieser Nilarm aus. Und welch’ eine Fruchtbarkeit der Nilufer! Alles keimt üppig, und man sieht der Natur an, daß sie mit der größten Leichtigkeit hervorbringt. Sie scheint den Bewohnern zuzurufen: „Nehmet von mir, so viel ihr wollet; denn ich ermüde nicht mit Wiedergeben.“ Der Karakter der Nilgegend ist eigentlich kein schwerer, sondern ein leichter, kein ernster, sondern ein frohmüthiger, ein jugendlicher. Das alte, das schon so oft und oft geerntete Land ist noch ein Kind.
Es war Mittag. Die Sonne brannte durch einen Flor atmosphärischer Dünste. Wir verweilten einige Stunden, weil die Waaren von unserer Barke auf eine andere umgepackt werden mußten. Gepäcke um Gepäcke aus den Händen legend, schrie der das Schiff beladende Araber Zahl um Zahl laut: für mich eine gute Gelegenheit, die arabischen Zahlen zu lernen. Bei diesem und andern Auftritten verging mir die Zeit leicht, doch angenehmer, als gegen Abend ein herrlicher Wind dahersäuselte, die etwas drückende Hitze zu mildern. In Atfe hält sich ein französischer Konsularagent auf, welcher uns besuchte.
Gegen die Neige des Tages stachen wir in den Nil. Die zwei lateinischen Segel schwollen lustig an, wie die Backen der Kinder, welche dem Aeolus ins Handwerk greifen wollen. Bald lagen wir vor der Stadt Fuah, in der ein Thurm am andern emporragt. Jetzt trat Windstille ein. Der Abend war lieblich warm. Die Leute vertrieben ihn mit Spiel und Tanz, und ich glaube zuversichtlich, daß sie wenig Empfänglichkeit für die Lehren unserer Mystiker gehabt hätten, nach denen das lachende Nilthal ein Jammerthal wäre oder hoffentlich werden sollte.
Sonntags, den 18.
Gegenwind. Das Schiff an einem Seile gezogen.
Ich kaufte drei Hühner für etwa 30 Kreuzer R. V. Man darf aber Eines nicht außer Auge setzen: die egyptischen Hühner erlangen keineswegs die Größe der unserigen. Eine Henne sieht aus wie bei uns ein junges Huhn. Es fiel mir zum ersten Male nicht wenig auf, wie eine Gluckhenne (von der Größe eines europäischen, halbausgewachsenen Huhns) sich bemühte, ihre so außerordentlich winzigen Küchelchen mit den Flügeln zu beschirmen. Hätte ein Säugling an die Brust eines zehnjährigen Mädchens sich geschmiegt, es wäre mir kaum spaßhafter vorgekommen. Auch die Eier der egyptischen Hühner sind bedeutend kleiner.
Ich nahm sofort meine angekauften Hühner zur Hand, wendete mich gegen das Nilufer und ging an diesem hinauf, um an einer vortheilhaften Stelle zu warten, wo ich wieder in den Kahn steigen könnte. Auf einmal verfolgte mich ein Weib wehklagend, juh, juh schreiend. Ich wußte nicht recht was es wollte; nur glaubte ich aus seiner Stimme und aus seinen Geberden entnehmen zu müssen, daß es wähne, ich hätte die Hühner ihm gestohlen. Schon umzingelten mich Leute, selbst von der Polizei; ich sollte mein Eigenthum abtreten. Was anfangen? Ich suchte durch Deuten verständlich zu machen, daß ich mich zur Barke begeben wolle, wo man Aufschluß ertheilen werde. Das Glück brachte gerade den Piemonteser. Meine Vermuthung wich der Gewißheit. Er sagte mir, das Weib habe seine Hühner bezeichnet, und ich solle sie ihm zeigen. Ich that es, und die Bestohlene — überzeugte sich sogleich von ihrem Irrthume. Das Weib war wenigstens moralisch so gut, daß es diesen eingestand. Es gehört zur Macht des Irrthums, wie kleine Zwiste, so selbst blutige Kriege zu entzünden, und ich durfte mich in der That glücklich preisen, daß aus diesem Handel nicht gar ein Krieg entsprang.
Wir rückten heute vor bis Mohalèt-Abu-Ali, einem Orte am Ufer des Delta. Nach einem nebelichten Tage war der Abend sehr schön und wie ergötzlich, das will ich in Kürze erzählen.