Man will auf der Felsanhöhe die Hausstelle des jüdischen Hohenpriesters Kaiphas gleich vor dem Zionsthore noch wissen. Beinahe blindes Mauerwerk, ein armenisches Bruderhaus, sichert ihr bei den Gläubigen ein bleibendes Andenken. Einige Schritte weiter vorne und links gegen den Blutacker, näher der Gehinnonschlucht, steht eine Moschee und ein Spital, nach der dragomanischen Sage, am Platze, welchen die Burg Davids eingenommen und auf welchem Jesus das Abendmahl eingesetzt habe. Andere verlegen die alte Burg in die Mitte oben auf der Felsanhöhe, wo der Finger einiger Mauertrümmer in die inhaltschwere Vergangenheit hinaufzeigt. Gewiß ist, daß die Moschee und das Spital ein Kloster der Barfüßermönche war, woraus sie vor zwei Jahrhunderten von den Türken verjagt wurden. Wenig erquicken Grabsteine den ziemlich kleinen und eher öden Scheitel des Zions.
Mit gerührter Seele begrüßte ich den Ort, wo, nach den Ueberlieferungen, jene Psalmen gesungen wurden, die, voll religiöser Wärme, durch Jahrtausende tönten bis auf heute, und fortwährend noch so viele Gemüther mit Begeisterung für die Gottheit erfüllen. Wie denn, dürfte man fragen, konnte man in einer Gegend, welche im ganzen Umkreise das felsichte Trauerkleid trägt, zum Dichten der erhabenen Psalmen bewegt, wie angefeuert werden? Das Geräusch und der Glanz der großen Stadt in der Nähe mochten das Herz des königlichen Sängers, in welchem die Eindrücke des frühern Hirtenlebens noch nicht erloschen waren, zur kindlichen Einfalt und Frömmigkeit stimmen. Gihon und Gehinnon und Josaphat ziehen das Auge in die Tiefe; auf den Oelberg und den Berg des bösen Rathes muß es aufwärts im Fluge; es schwebt in der Furche von Mitternacht gegen Mittag, um darin vergebens nach dem Jordan zu spähen; es ruht auf dem fernen, bläulichen Gebirge des ostjordanischen Landes; jetzt steigt es in den azurblauen Himmel, ins Unendliche empor. Empfängt das Auge denn in der That nicht ein großes und großartiges Bild, dessen ganze Farbenfrische in ein reicheres Gemüth zurückgeworfen werden muß? Wenn in der Nähe die vielen Steine dem düstern Gefühle rufen, so leiht ihnen die Ferne eine gefällige Gestalt und Farbe, und in der weitesten Ferne, welche an den Himmel streift, träumt man sich gar schon die Herrlichkeiten des Ueberirdischen.
Der Oelberg.
In der Stadt, links am Wege zur Stephanspforte und in der Nähe der letztern bemerkte ich einen ausgemauerten Wasserbehälter. Man nennt ihn den Teich Bethesda. Er stand einsam, und es sind um ihn die Kranken verschwunden, welche in demselben einst ihr Heil suchten. Kein Engel durchfächelt mehr den Spiegel des Wassers. Es scheinen die Bethesdaengel ins Abendland, zu den Priestern Aeskulaps entflohen zu sein. Durch die Stephanspforte und über den Stephansplatz erreichte ich bald Mariens Grabhöhle. Von da an aber ging es ziemlich gähe hinan, auf einem breiten Fußwege, kaum eine Viertelstunde lang bis zum Gipfel des Oelberges, welcher über ganz Jerusalem emporragt. Nicht die günstigste Stimmung bewirkt auf der Höhe ein arabisches Dorf elender Häuser mit Kothdächern. Ich sah am Wege ein Weib, wie es Mist in die Hand nahm, um damit eine Einfriedigung von Steinen zu beklecksen oder, wie es meinte, zu bemörteln.
Auf dem Oelberge verwahrt der Moslim den Schlüssel zu der Stelle, welche der Christ verehrt, nämlich zu der kleinen Moschee, welche über jene sich wölbt. Man erblickt in der Mitte derselben das Stück eines nackten Felsens, von dem aus Jesus in den Himmel gefahren sein soll. Vertiefungen des Steines gibt man für Eindrücke der Fußtritte aus.
Ich bestieg den Thurm der Moschee, um die Aussicht freier zu genießen. Ich brannte vor Begierde, Jerusalem, in der Tiefe gegenüber, zu überschauen. Von hier aus gewährt die Stadt einen angenehmen, merkwürdigen Anblick. Der Prachttempel Omars, groß und buntfarbig, unten grün, daneben gegen Mittag der Tempel der Präsentazion, nunmehr eine Moschee, und die Dome des Grabes Christi zeichnen sich vortheilhaft aus. Nördlich thürmt sich das Gebirge Ephraim auf, so die Berge Garizim und Ebal in Samaria; östlich zunächst liegt Bethanien weiter weg die Ebene von Jericho, dann die Senkung, welche das Thal des Jordans andeutet, und selbst ein kurzer, glänzender Streif dieses Flusses, so wie auch das obere Ende des Lothssees, im fernen Hintergrunde Peräa, ein Theil des Gebirges Gilead; südlich erheben sich die Anhöhen von Bethlehem, südlich und westlich das Hochland Juda. Wären auch die Gegenstände, über die man in wenig Augenblicken dahineilt, nicht voll hehrer Erinnerungen, so würde man die Aussicht köstlich heißen, und man scheidet ungerne von dem wahrhaft fesselnden Standpunkte. Der Oelberg, wiewohl er nicht eigentlich hoch ist, übertraf weitaus meine Erwartungen.
Unten am Wege auf den Oelhügel stehen acht ungemein alt aussehende Oelbäume, wie man versichert, im Garten Gethsemane. Es wachsen übrigens am Oelberge auch andere Oelbäume und auch Feigenbäume, aber in dünner Zerstreutheit, und die Steine maßen sich daneben so viel an, daß der Hügel eher über Unfruchtbarkeit klagt.
Die übrigen Merkwürdigkeiten,
welche in Jerusalem und seiner Nähe gezeigt werden, will ich hier, nach den Mittheilungen der Führer, bloß in Kürze berühren. Der eine Dragoman weiß wohl auch etwas mehr, als der andere, und der dritte und vierte zu viel oder zu wenig.